Ahoi! Sind die »Kleinen« doch besser als gedacht? Mal schauen. Jedenfalls zerschellte gestern Abend die spanische Armada um Rodrí und Fabián an den Klippen der kapverdischen Abwehr. Torhüter Vozinha brillierte in seiner Rolle als achtarmiger Krake, die selbst das Wunderkind Lamine Yamal nicht bezwingen konnte. Uruguay lief fast das gesamte Spiel einem 0:1 gegen Saudi-Arabien hinterher und rettete sich mit einem Last-Minute-Treffer zum Unentschieden. Woran liegt das? Wir haben uns ein paar Gedanken gemacht.
Doch es gibt Hoffnung für die Titelfavoriten, diese mittelschwere Meuterei noch in den Griff zu kriegen: Argentinien verlor beim vergangenen Turnierstart sogar mit 0:1 gegen Saudi-Arabien und wurde trotzdem Weltmeister. Argentinien und Frankreich starten heute Abend in die WM. Oder erleiden sie Schiffsbruch?
Was ist das Spiel des Tages?
Frankreich gegen Senegal. Diese Begegnung hat Geschichte. 2002 kam Frankreich als Titelverteidiger in das erste Gruppenspiel und verlor prompt mit 0:1 gegen Senegal.
Frankreich hat die aufregendste Offensive des Turniers: Weltfußballer und Back-to-back- Champions-League-Sieger Ousmane Dembélé, Weltmeister und Mannschaftskapitän Kylian Mbappé und Bayerns Flügelstürmer Michael Olise. Frankreich ist für viele in unserer Sportredaktion der Favorit auf den WM-Titel (ich habe auf Spanien getippt, ohje). Doch die Senegalesen sind, wie schon 2002, nicht zu unterschätzen. Je nachdem, wessen Anwalt sie fragen, ist Senegal entweder Afrika-Meister oder Vizemeister. Das zu bewerten, ist Aufgabe des Internationalen Sportgerichtshofs, vor den der senegalesische Verband nach aberkanntem Finalsieg zog. Aber sehen Sie selbst.
Außerdem beginnt die Partie schon um 21 Uhr. Sie riskieren also nicht Ihre Gesundheit und obendrein eine Schelte von Schlafexperte Hans-Günter Weeß. Wenn der wüsste …
Wer wird heute wichtig?
Die Trinkpause, vielleicht. Schon im ersten Spiel der deutschen Mannschaft schien die Trinkpause eine Drangphase Curaçaos zu beenden. Nathaniel Brown deutete im Interview an, Julian Nagelsmann habe die Pause nach rund 22 Minuten genutzt, um der Abwehr taktische Anweisungen zu geben. Auch in den anderen Spielen, ist zu beobachten, wie die Trainer mit Taktikt-iPads zwischen den Spielern wuseln und neue Kniffe aufmalen. Doppelte Druckbetankung für die Spieler, die ja eigentlich auch noch was trinken sollen.
Manche Amerikaner sprechen indes schon von den vier Vierteln eines »Soccer-Games«. Das dürfte die transatlantischen Beziehungen weiter belasten. Ob die Fifa das bedacht hat, als sie die Werbe-, Pardon, Trinkpause eingeführt hat?
Kennen Sie den schon?
Den irakischen Nationaltrainer Graham Arnold, der Australier ist. Arnold und sein Team haben eine außergewöhnliche Reise zur ersten WM-Teilnahme seit 1986 hinter sich. Für das Play-Off-Spiel in der Qualifikation gegen Bolivien reisten einige Spieler per Bus 28 Stunden nach Jordanien, um dann 36 Stunden in einem Hotel wegen Raketenalarms festzusitzen. Und das alles vor dem eigentlichen Flug zum Spiel, das nämlich in Mexiko stattfand.
Ein Teil der Spieler spricht nur Englisch, ein anderer nur Arabisch. Kein Problem für Arnold, er stellt einfach alle englischsprachigen auf der linken Seite auf und alle arabischsprachigen auf der rechten. Die, die beide Sprachen sprechen, spielen in der Mitte. Außerdem verbietet Arnold im Trainingslager den Spielern, ihre Handys zu benutzen. Wer sich nicht dran hält, spielt nicht. Viel verlangen tut der Mann aber nicht nur von seinen Spielern, sondern auch von seiner Familie. Die war nicht sonderlich begeistert, als er ihnen den Plan unterbreitete, den Irak zu trainieren. Gemacht hat er es trotzdem. Ohne Trainerjob werde er unruhig, sagte er.
Was machen die Deutschen?
Alte Fußballerweisheit: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Also trainiert die Mannschaft von Julian Nagelsmann bei 26 Grad und Wolken in Winston-Salem auf dem Campus der Wake Forest University. Ein Jahr Studium kostet hier übrigens knapp 100.000 (ja, einhunderttausend) US-Dollar. Das gerne als Entspannungsmantra nutzen, wenn Sie das nächste Mal mit dem ICE zwischen Celle und Buxtehude auf freier Strecke zum Halt kommen. Es ist doch nicht alles schlecht.
Zurück zum Fußball: Mit Côte d’Ivoire wartet am Samstag ein Gegner, der den Deutschen sicher mehr entgegenzusetzen hat als Curaçao. Vielleicht kann Außenverteidiger David Raum den Bundestrainer sogar noch überzeugen, ihn aufzustellen. Dass er den dribbelstarken Ivorer Yan Diomande als Leipziger Mannschaftskollegen bestens kennt, ist ein gutes Argument. Allerdings hätte das WM-Debüt von Raums Konkurrent Nene Brown durchaus schlechter laufen können. Und was, wenn Jamal Musiala doch angeschlagen ist? Startet dann Deniz Undav, und Kai Havertz geht auf die Zehnerposition zwischen Wirtz und Sané?
Auch Lust auf Luxusprobleme? Dann habe ich etwas für Sie. Meine Kollegen Fabian Scheler und Jakob Weber haben zusammen mit unseren Kollegen aus dem Daten- und Visualisierungsteam ein Tool gebaut, mit dem man die beste deutsche WM-Elf aller Zeiten aufstellen kann. Zur Auswahl stehen alle 296 Spieler, die seit 1954 in einem WM-Kader für Westdeutschland, die DDR oder für das wiedervereinigte Deutschland standen. Und dann kann man die eigene Elf mit der aller anderen ZEIT-User vergleichen.
Aus dem politischen Abseits
Mit dem ersten Auftritt des Iran kommt die angespannte Weltlage endgültig bei der WM an. In Los Angeles spielte sich in der Partie zwischen Neuseeland und dem Iran vor allem der politische Streit in den Vordergrund, wie mein Kollege Christian Spiller vor Ort berichtet.
Derweil versucht Bundeskanzler Friedrich Merz, sich wieder aus dem politischen Abseits herauszuspielen. Das Verhältnis zwischen ihm und US-Präsident Donald Trump war zuletzt kälter als die Eistonne von Per Mertesacker. Deshalb bringt man dem König nun Geschenke. Im Gepäck für den G7-Gipfel im französischen Évian hatte Merz ein Deutschlandtrikot für den US-Präsidenten. Bleibt nur zu hoffen, dass der bockige Präsident nicht auch noch fordert, beim nächsten Deutschlandspiel in der Startaufstellung zu stehen. Dann doch lieber Leroy Sané auf Rechtsaußen.
Was singen die denn da?
Unsere hausinterne Hymnenexpertin und Autorin Christina Rietz hört sich zur WM durch die Hymnen der teilnehmenden Nationen. Im Newsletter wird Sie Ihnen jeden Tag eine vorstellen. Heute: Irak.
In wenigen Jahrzehnten hat es der Irak auf fünf unterschiedliche Hymnen gebracht. Häufige Regimewechsel waren der Grund, jedes System zog eine andere nationale Erzählung vor. Seit dem Sturz Saddam Husseins ist das alte arabische Lied »Mautini, Mein Heimatland« offizielle Hymne. Der palästinensische Dichter Ibrahim Abd al-Fattah Tuqan hat es während des arabischen Aufstands gegen die britische Besatzung und jüdische Siedler in den Dreißigerjahren geschrieben. Noch heute ist es im Nahen Osten sehr populär. Tuqan fragt die im Text personifizierte Heimat mehrfach: »Werde ich deine Freiheit sehen?« Diese schwermütige Unsicherheit, die in der zweiten, nicht bei der WM gesungenen Strophe in schicksalsergebenen Todesmut umschlägt, regiert auch die Musik, die ebenfalls aus den Dreißigerjahren stammt. Die Melodieführung basiert auf den Regeln der arabischen Maqam-Musik, kleine Glissandi und Mikro-Intervalle inklusive. Für Europäer klingt das sofort orientalisch. Insgesamt eher Sehnsucht als Triumph.
Der Userkommentar des Tages
»Wenn man so einen Blick in die großen Sportzeitungen in Spanien wirft (…), da wird schon Tacheles geredet. Im ersten Spiel in der Gruppenphase schlecht spielen – geschenkt. Aber gegen die Kapverden, das kratzt schon gewaltig am Stolz der Spanier. Aber die werden sich berappeln. Argentinien hat vor vier Jahren das Auftaktspiel gegen die Saudis verloren und wurde trotzdem Weltmeister. Wir verloren 1974 in Hamburg ausgerechnet gegen die DDR und wurden Weltmeister (…).«
User*in Julius Octopus bleibt optimista.
Was war das Zitat des Tages?
»Ich habe nach dem Spiel geweint, weil meine Großeltern nicht hier sein konnten. Sie sind vor ein paar Jahren gestorben. Meine Mutter konnte nicht hier sein wegen eines Problems mit dem Visum und dem Geld, was wir dafür hätten zahlen müssen. Ich bin jetzt 40 Jahre alt, aber ich wurde erst mit 25 Jahren Profi. Im Leben arbeiten wir für solche Momente … Es ist eine Belohnung für diese ganze Reise.«
(Nach dem Spiel überkamen den kapverdischen Nationaltorhüter Vozinha die Emotionen.)
Wer spielt wann gegen wen?
- Frankreich – Senegal (21 Uhr, New York / New Jersey)
- Irak – Norwegen (0 Uhr, Boston)
- Argentinien – Algerien (3 Uhr, Kansas City)
- Österreich – Jordanien (6 Uhr, San Francisco)
