Frau Cruse, seit gestern Abend können geladene Gäste Teile der diesjährigen Art Basel in Basel besuchen; von Donnerstag an hat das allgemeine Publikum Zutritt. In Ihrem dritten Jahr als Direktorin wollen Sie die Messe noch erlebnisreicher gestalten als bisher. Was haben Sie ins Werk gesetzt?
Gemeinsam mit den Ausstellern haben wir eine neue Initiative gegründet: „Basel Exclusive“. Mehr als 190 Galerien machen mit, darunter große Player wie Hauser & Wirth, Pace, Gagosian oder David Zwirner. Sie halten bis zum VIP-Eröffnungstag am heutigen Dienstag zentrale Kunstwerke ihrer Präsentation zurück. Das heißt, sie zeigen oder verkaufen diese nicht schon vorab in Online-Previews.

Virtuelle Vorschauen und Onlineverkäufe haben durch die Pandemie stark an Gewicht zugelegt. Was bewegt die Art Basel dazu, nun gegenzusteuern?
In unserem „Art Basel & UBS Global Art Market Report“ sehen wir, dass Onlineverkäufe in letzter Zeit etwas zurückgegangen sind. Insbesondere junge Sammlerinnen und Sammler wollen Kunst wieder verstärkt persönlich entdecken und erwerben. Das ist interessant, weil es zeigt, dass der Kunsthandel, anders als viele andere Branchen, nicht im E-Commerce verschwindet, sondern ganz wesentlich vom direkten menschlichen Austausch lebt und der unmittelbaren Begegnung mit der Kunst. Erst wenn man ihr räumlich gegenübertritt, entfaltet sie ihre Aura und Magie.
Arbeiten welcher Künstler setzen Highlights bei „Basel Exclusive“?
Es sind Werke so großer Namen wie Helen Frankenthaler, Yves Klein oder Cy Twombly dabei, dazu von Zeitgenossen wie Arthur Jafa, Elizabeth Peyton oder Gerhard Richter. Wir sind gespannt, wie sich „Basel Exclusive“ auf den ersten Tag der Messe auswirkt und hoffen, dass sie wieder mehr zu einem „Ort der Schatzsuchen“ wird.

Welche Gründe nennen Galerien, die nicht bei „Basel Exclusive“ mitmachen?
Einige haben erklärt: Zu unseren Künstlerinnen und Künstlern müssen wir vorab stärker informieren und mit der Sammlerschaft in Kontakt treten, vielleicht weil sie bisher weniger bekannt sind. Auch Galerien, die von weit her kommen, hatten teilweise Bedenken. Die meisten aber begrüßen die Initiative, die auf freiwilliger Basis stattfindet, und wollen mit uns die Marktdynamik ein Stück weit verändern und das Live-Erlebnis vor Ort stärken.

Wie wirken sich die politischen Krisen in verschiedenen Weltregionen auf die Anziehungskraft der Messe aus?
Für unsere Messe selbst verzeichnen wir bisher keine nachlassende Nachfrage. Wir bewegen uns mit der Besucheranzahl in einem ähnlichen Bereich wie in den Vorjahren, mit etwa 250 Vertreterinnen und Vertretern aus internationalen Museen und Sammlerinnen und Sammlern aus mehr als 90 Ländern. Gleichzeitig sehen wir, dass steigende Reise- und Transportkosten teilweise für unsere Galerien herausfordernd sind.
Der Kunstmarkt regionalisiert sich, und die Art Basel hat daran mit Veranstaltungen in Miami Beach, Hongkong, Paris und Qatar Anteil. Wie wirkt das auf den Heimatstandort zurück?

Trotz der Regionalisierung des Kunstmarkts bleiben die wichtigsten Ereignisse globale Treffpunkte, wie die Kunst-Biennale in Venedig und die Art Basel in Basel. Sie bleibt unsere internationalste und am breitesten aufgestellte Messe, zeigt den Kunstmarkt auf höchstem Niveau und wirkt als Ort der Einordnung, Bewertung und Kanonbildung. Die vier weiteren Art-Basel-Messen vergrößern unsere weltweite Sichtbarkeit und stärken unser Netzwerk. Davon profitieren wir auch in Basel. Unter den 21 neuen Ausstellern sind Galerien aus Saudi-Arabien, dem Libanon, der Türkei und von der Elfenbeinküste. Wir diversifizieren und verjüngen uns stetig.
Woher kommen die Sammler der Basler Art Basel mehrheitlich?
Die USA sind neben Deutschland und der Schweiz immer noch der stärkste Herkunftsmarkt für sie. Seit zehn Jahren aber steigt die Präsenz von Sammlerinnen und Sammlern aus Asien stetig, zuletzt auch aus der MENA-Region. Das spiegelt sich bei den teilnehmenden Galerien und den vertretenen Kunstschaffenden ebenfalls wider.
Den Auftakt der Art Basel in Basel setzt die Sektion „Unlimited“ für Großprojekte. Was wird dieses Jahr zu sehen sein?
Die „Unlimited“ ist in ihrer Ambitioniertheit im Kunstmessekontext weltweit einzigartig. Unsere neue „Unlimited“-Kuratorin Ruba Katrib, Chief Curator beim MoMA PS1 in New York, hat 59 raumgreifende Installationen zu einer vielseitigen Ausstellung versammelt, darunter kunsthistorisch bedeutsame Arbeiten etwa von Oskar Schlemmer, Bruce Nauman oder Chris Burden, Videoarbeiten von Helen Martin und eine Installation von Isa Genzken.

Kunst in den öffentlichen Raum bringt die frei zugängliche Sektion „Parcours“ in der Clarastraße. Was überzeugt Sie an diesem seit Jahren unveränderten Zuschnitt?
Der „Parcours“ wurde vor drei Jahren kuratorisch von Stefanie Hessler übernommen, der Direktorin des Swiss Institute in New York. Wir haben ihn damals in die Clarastraße verlegt, weil sie den Messeplatz mit der Innenstadt verbindet und unzählige Male von Art-Basel-Besuchern durchquert wird. Er ist wie eine kleine Biennale für die Stadt, dieses Jahr mit 21 ortsspezifischen Projekten zum Thema „Conviviality“, Geselligkeit. Darüber hinaus wird abseits vom „Parcours“ der Künstler Ibrahim Mahama eine Installation auf dem Münsterplatz zeigen, und die Künstlerin Nairy Baghramian schafft eine Skulptur für den Brunnen auf dem Messeplatz mit einer langen Bank – als Treffpunkt für die Messebesucher. Beide Kunstschaffende erhielten voriges Jahr den Art Basel Award, und die Auftragsarbeiten waren Teil dieser Auszeichnung.

Digitalkunst hat nun einen prominenteren Platz auf der Art Basel in Basel bekommen und sogar eine eigene Halle.
Ja, gegenüber der „Unlimited“-Halle liegt die Halle mit unserer neuen Initiative „Zero 10“, einer von Eli Scheinman and Trevor Paglen kuratierten Präsentation für digitale Kunst. In Hongkong und Miami Beach haben wir bei „Zero 10“ Kunstschaffende und Galerien vorgestellt, die bis dahin noch nicht im Art-Basel-Kosmos beheimatet waren. In Basel bringen wir 20 Projekte von digital arbeitenden Künstlern und etablierten Positionen von Art-Basel-Galerien zusammen. Wir kooperieren mit der Institution HEK, die die Geschichte der Internetkunst erfasst. Die Interface Gallery hat etwa Arbeiten der Computerkunst-Pionierin Vera Molnár dabei; Esther Schipper und Andrew Kreps präsentieren eine Installation von Hito Steyerl und Sprüth Magers Fotografien von Andreas Gursky, die digital bearbeitet wurden. Außerdem finden in der Halle unsere Art Basel Conversations statt. Es gibt viel zu entdecken.
