
Am zweiten Tag der WM in Frankreich sitzt Sepp Herberger im Straßburger Meinaustadion und sieht ein Spiel, das von Publikum und Presse so bestaunt und bewundert wird wie 88 Jahre später das zwischen Paris St. Germain und Bayern München. So aufregend kann Fußball sein! Sofern man die richtigen Stürmer hat. Bei diesem Spiel stehen sie auf beiden Seiten: der geschmeidige Brasilianer Leonidas und der wuchtige Pole Ernest Wilimowski, den Fritz Walter später „den größten aller Torjäger“ nennen wird.
Einen wie den rothaarigen Kraftmeier könnte der Reichstrainer gut gebrauchen für das Wiederholungsspiel gegen die Schweiz. Gegen sie hat sein nach dem „Anschluss“ Österreichs nun „großdeutsches“ Team tags zuvor in politisch aufgeladener Stimmung in Paris nur ein 1:1 erreicht.
Sieben Tore gegen eine SS-Elf
Doch erst der deutsche Überfall auf Polen 1939 wird aus dem schlesischen Mittelstürmer einen Mann für Herberger machen. Mit dem eingedeutschten Namen Ernst Willimowski erzielt er in acht Kriegs-Länderspielen für NS-Deutschland 13 Tore (nach 21 in 22 Spielen für Polen). Und wird 1942 mit 1860 München Pokalsieger, wobei er im Viertelfinale sieben Tore gegen eine SS-Elf schießt, die Sportgemeinschaft der SS Straßburg. Endstand 15:1.
Aber noch ist er in seinem größten Spiel, noch trifft er für Polen, das seine letzte WM als freies Land im 20. Jahrhundert erlebt. Zur Pause liegt sein Team 1:3 zurück, dann entlädt sich ein heftiges Gewitter. Auf dem nassen Rasen verlieren die Brasilianer den Halt, während Wilimowski in seinem Element ist und zum 3:3 ausgleicht. Die „Selecão“ geht abermals in Führung, und wieder trifft der Kraftprotz aus Kattowitz.
In der Verlängerung dreht nun Leonidas auf, erhöht auf 5:4, und das, der Legende nach, nachdem er seine im glitschigen Geläuf nutzlosen Schuhe weggeworfen hatte, barfüßig spielend wie in seinen Kindertagen in einer Favela von Rio. Das 6:4, sein drittes Tor, schießt er, vom Schiedsrichter ermahnt, wieder mit Schuhen. Ein letztes Mal kontert Wilimowski, trifft zum 6:5, sein viertes Tor – ein WM-Rekord, der 56 Jahre Bestand haben wird, bis dem Russen Oleg Salenko 1994 gegen Kamerun fünf Treffer gelingen.
„Es gibt keine Sportler mehr“
Es reicht nicht für die Polen. Die WM 1938, die letzte mit K.-o.-Modus von Beginn an, endet für sie schon am zweiten Tag. Brasilien erwischt es im Halbfinale gegen Italien, vor allem, weil Leonidas verletzt fehlt.
Welch ein Spiel! Und welch ein Ergebnis. Ausgerechnet 6:5, mag Herberger gedacht haben auf seiner Rückfahrt über die nahe Grenze. Die Deutschen sind bei dieser WM mangels Devisen Pendler. Sie leisten sich, in kleinstmöglicher Besetzung, nur Tagestrips zu den Spielen ins Nachbarland, wohl auch, um dort Anfeindungen wegen Hitlers menschenverachtender Politik zu meiden.
6:5, es ist genau die Zahlenfolge, die der Reichssportführer dem Reichstrainer für die Komposition der WM-Elf aus „Altreich“ und „Ostmark“ aufgedrückt hat – die Stärken zerstörend, die den deutschen wie den österreichischen Fußball ausmachten. „Es gibt keine Sportler mehr“, schrieb Herberger danach in sein Notizbuch, Böses nicht nur für die WM ahnend. „Es gibt nur noch Politiker.“
