
Als Iran in der Nacht zum Montag die Einigung mit den Vereinigten Staaten bestätigte, blieb ein Mann auffallend stumm: Teherans Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf schrieb nichts dazu auf der Plattform X, obwohl er das Papier mutmaßlich verhandelt hat. In Teheran wurde nicht einmal offiziell bestätigt, dass Ghalibaf am Freitag als Delegationsleiter nach Genf reisen werde. Iranische Medien schrieben es dennoch – unter Berufung auf die „New York Times“.
Die mediale Zurückhaltung hat wohl damit zu tun, dass das iranische Regime Einigkeit demonstrieren will – und dass Ghalibaf sich aus der Schusslinie nehmen will. Der Parlamentspräsident wird von Irans Hardlinern als Verräter beschimpft, seit er im April in Islamabad mit dem amerikanischen Vizepräsidenten J. D. Vance verhandelt hat. Es war das ranghöchste Treffen beider Seiten seit der Revolution in Iran von 1979.
Korruptionsvorwürfe beschädigten seinen Ruf
Der 64 Jahre alte Ghalibaf war im März zum Gesicht des Regimes aufgestiegen, nachdem Ali Laridschani, der Sekretär des nationalen Sicherheitsrats, durch einen israelischen Luftschlag getötet worden war. Kurz vor Kriegsbeginn hatte der Oberste Führer Ghalibaf mit der strategischen Koordination betraut, für den Fall, dass er selbst, Ali Khamenei, wie geschehen, getötet werden sollte.
Ghalibaf war für diese Aufgabe gut positioniert. Als früherer Luftwaffenkommandeur pflegte er enge Beziehungen zur Revolutionsgarde. Als langjähriger Teheraner Bürgermeister, früherer Polizeichef und aktueller Parlamentspräsident ist er auch im politischen Apparat gut vernetzt. Mit dem neuen Führer, Modschtaba Khamenei, soll er eng verbunden sein. Ghalibafs Ehrgeiz war immer größer als sein politischer Erfolg. Viermal trat er als Präsidentschaftskandidat an, kam aber nie über 17 Prozent der Stimmen.
Im politischen Spektrum Irans hat er sich als Pragmatiker positioniert, weshalb er den Hardlinern suspekt ist und von reformorientierten Kräften als Opportunist betrachtet wird. Als Bürgermeister der Hauptstadt (2005 bis 2017) machte er sich einen Namen als effizienter Verwalter. Aber wiederkehrende Korruptionsvorwürfe gegen ihn und seine Familie beschädigten seinen Ruf. In weiten Teilen der Bevölkerung ist er unbeliebt, weil er mehrmals offen zur Niederschlagung von Protesten aufrief und damit prahlte, eigenhändig Demonstranten verprügelt zu haben.
Während des jüngsten Krieges gelang es ihm aber, sich als moderner Nationalist zu präsentieren. Er fiel mit betont coolen, englischsprachigen Social-Media-Posts auf, die ihm weltweit Sichtbarkeit verschafften, auch wenn sie vermutlich nicht von ihm stammten. Im Mai wurde Ghalibaf mit einem weiteren wichtigen Dossier betraut: Modschtaba Khamenei ernannte ihn zum Sonderbeauftragten für China. Das zeigt, dass er trotz seiner aktuellen Zurückhaltung weiter eine zentrale Position im Machtapparat innehat.
