Manche Filme altern. Andere werden mit den Jahren größer. Fernando Meirelles’ „City of God“ („Cidade de Deus“) aus dem Jahr 2002 gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Das brasilianische Drama, das auf dem gleichnamigen Roman von Paulo Lins basiert, wirkt mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung weder veraltet noch museal. Im Gegenteil: Seine Bilder besitzen noch immer eine Unmittelbarkeit, die viele moderne Produktionen vermissen lassen.
Die Geschichte spielt in der „Cidade de Deus“, einer Armensiedlung am Rand von Rio de Janeiro. Erzählt wird sie aus der Perspektive von Buscapé, einem schüchternen Jungen, der davon träumt, Fotograf zu werden. Während er versucht, dem Kreislauf aus Armut und Gewalt zu entkommen, steigen um ihn herum Jugendliche zu Gangstern auf. Besonders Lil Zé entwickelt sich vom Straßendieb zum gefürchteten Verbrecherboss. Über mehrere Jahrzehnte hinweg verfolgt der Film die Entwicklung eines Viertels, das zunehmend von Drogenhandel, Machtkämpfen und Gewalt bestimmt wird.
Gewalt ist keine Ausnahme, sondern Teil des Alltags
Bereits die ersten Minuten machen deutlich, dass Meirelles keinen konventionellen Gangsterfilm drehen wollte. Eine Henne rennt um ihr Leben, Männer mit Messern und Waffen verfolgen sie durch die Straßen. Die Kamera rast hinterher, Schnitte folgen im Sekundentakt, Musik treibt die Szene voran. Diese ersten Szenen enthalten bereits alles, was „City of God“ auszeichnet: Tempo, Energie, Bedrohung und eine nahezu dokumentarische Nähe zu seinen Figuren.
Statt einer geradlinigen Handlung entfaltet sich ein Geflecht aus Geschichten, Zeitsprüngen und Perspektiven. Figuren tauchen auf, verschwinden wieder und kehren später zurück. Ereignisse werden mehrfach aus unterschiedlichen Blickwinkeln gezeigt. Dennoch verliert der Film nie die Übersicht. Die komplexe Struktur macht deutlich, dass es hier nicht um einzelne Schicksale geht, sondern um ein ganzes soziales System. Dabei verzichtet Meirelles weitgehend auf einfache Schuldzuweisungen. Die Gewalt erscheint nicht als spektakuläre Ausnahme, sondern als Teil des Alltags. Kinder wachsen mit Waffen auf, Konflikte werden mit Schüssen gelöst. Gerade diese Selbstverständlichkeit macht zahlreiche Szenen so verstörend. Der Film zeigt Gewalt nicht als aufregendes Spektakel, sondern als gesellschaftliche Realität.
Dass „City of God“ dabei nie in Trostlosigkeit abrutscht, liegt vor allem an seiner filmischen Gestaltung. Die Kameraarbeit von César Charlone gehört zu den größten Stärken des Films. Sie bewegt sich ständig zwischen den Figuren, wirkt oft improvisiert und vermittelt das Gefühl, mitten im Geschehen zu stehen. Gleichzeitig entstehen Bilder von beeindruckender Präzision: die engen Gassen der Favela, die staubigen Plätze, die überfüllten Häuser. Hinzu kommt ein Schnitt, der bis heute Maßstäbe setzt. Die Geschwindigkeit vieler Szenen erinnert eher an moderne Musikvideos als an klassische Dramen. Doch die Dynamik dient nie bloß der Unterhaltung. Sie spiegelt die Hektik und Unberechenbarkeit des Lebens in der Favela wider.
Viele Darsteller verfügten vor den Dreharbeiten über kaum oder gar keine Schauspielerfahrung, dennoch oder gerade deswegen wirken die Figuren oft erstaunlich authentisch. Alexandre Rodrigues verleiht Buscapé eine stille Beobachterrolle, während Leandro Firmino als Lil Zé eine der beängstigendsten Figuren des modernen brasilianischen Kinos schafft. Sein Aufstieg vom Kind zum brutalen Gangster gehört zu den stärksten Elementen des Films.
Der Film zeigt Menschen nicht als bloße Opfer oder Täter, sondern als komplexe Figuren mit Hoffnungen, Freundschaften und Träumen. Obwohl die Handlung tief in den sozialen Realitäten Brasiliens verwurzelt ist, entwickelt sie eine universelle Dimension. Themen wie Armut, soziale Ungleichheit, Perspektivlosigkeit und Gewalt sind nicht auf Rio de Janeiro beschränkt. Meirelles erzählt von Mechanismen, die weit über die Grenzen Brasiliens hinaus verständlich bleiben.
Dabei vermeidet er politische Parolen oder einfache Lösungen. „City of God“ ist kein agitatorischer Film und kein Lehrstück. Er beobachtet. Er zeigt Zusammenhänge. Die Schlussfolgerungen überlässt er weitgehend dem Publikum. Gerade dadurch entfaltet die Geschichte ihre Wirkung. Wer den Film sieht, erkennt schnell, dass Gewalt nicht aus dem Nichts entsteht, sondern Teil eines Kreislaufs ist, der sich immer wieder selbst reproduziert.
Die internationale Resonanz war entsprechend groß. Vier Oscar-Nominierungen, zahlreiche Preise und hervorragende Kritiken machten „City of God“ weltweit bekannt. Viele spätere Filme und Serien griffen seine Erzählweise, seine Bildsprache oder seinen Rhythmus auf. Sein Einfluss reicht bis in die Gegenwart.
