Das Licht in dem Raum ist gedimmt. Auf dem Tisch steht eine Zauberkugel. Ein junger Mann, Jahrgang 2009, öffnet ein zusammengefaltetes Stück Papier. „Oh nein“, entfährt es ihm laut. Das Los, das er gezogen hat, verheißt ihm: Einzug zum Wehrdienst.
Auf anderen Losen hätte das Wort „Freiheit“ gestanden. Zwei junge Frauen, Mitarbeiter der Linken-Bundestagsfraktion, sitzen ihm gegenüber. Sie lächeln. Das sei nicht das Ende für ihn, sagen sie und erklären ihm, was er dagegen tun kann, um dem „dunklen Schicksal“, der Einberufung zum Wehrdienst, zu entgehen.
Die Station heißt „Freiheit oder Arschkarte“ und ist eine von vielen an diesem Samstag in einem Kulturzentrum in Berlin-Moabit. Die Linksfraktion im Bundestag hat zum „Anti-Wehrpflicht-Festival“ geladen: Auf drei Etagen gibt es Gaming-Stationen mit „Antikriegsspielen“, Beratungsangebote zur Kriegsdienstverweigerung, Musik und freies Essen. Der Eintritt ist kostenlos.
Wer verweigern will, muss sich erklären
An den Stationen stehen Abgeordnete der Linksfraktion. „Wir wollen einen Raum für junge Menschen schaffen, sich über die Debatte um die Wehrpflicht zu informieren, wie man sich dagegen organisieren und dazu beraten lassen kann“, sagt Desiree Becker, Sprecherin für Friedens- und Abrüstungspolitik der Fraktion. „Niemand darf zum Dienst an der Waffe gezwungen werden“, ruft die Fraktionsvorsitzende Heidi Reichinnek zur Eröffnung des Fests von der Bühne.

Dass sie damit einen Nerv bei jungen Menschen trifft, belegt eine Forsa-Umfrage aus dem Oktober 2025: Knapp zwei Drittel der Achtzehn- bis Neunundzwanzigjährigen lehnen einen militärischen Pflichtdienst ab. Nur 14 Prozent wären bereit, ihn zu leisten. Die allgemeine Wehrpflicht ist seit 2011 ausgesetzt, doch von Juli 2027 an sollen alle Männer des Jahrgangs 2008 gemustert werden. Dafür versendet die Bundeswehr seit Beginn des Jahres Fragebögen. Geeignete Kandidaten sollen dann eingeladen werden. Die Entscheidung für den Wehrdienst soll freiwillig bleiben. Wer verweigern will, muss sich aber erklären.
Nicht nur linkes Spektrum als Zielgruppe
Die Linke, die bei der Bundestagswahl 2025 bei den unter Dreißigjährigen die meisten Stimmen erhielt, ist die einzige Partei im Bundestag, die sich offen gegen die Wehrpflicht ausspricht. Sie positioniert sich als Partei, die die Sorgen der jungen Menschen ernst nimmt.
Durch die zweite Etage schieben sich an diesem Samstag auch Stephan und Jeremy Klose. Jeremy ist gerade 18 geworden und hat die Einladung zur Musterung bereits erhalten. Nicht schön sei das gewesen, sagt er. Sein Vater ging ins Hellersdorfer Büro der Linken und fragte dort, was sein Sohn tun könne. Heute sind sie gemeinsam hier, um sich beraten zu lassen. Jeremy ist in den sozialen Medien auf die Veranstaltung aufmerksam geworden.

Die beiden gehören damit genau zu der Zielgruppe, die Desiree Becker im Blick hat. Es gehe ihr nicht darum, das linke Spektrum unter sich zu versammeln, sagt sie. Das Festival soll Menschen erreichen, die sich zum ersten Mal ernsthaft mit dem Thema Wehrpflicht auseinandersetzen. Junge Männer, die einen Fragebogen im Briefkasten vorgefunden haben, und Eltern, die nicht wissen, was das für ihre Söhne bedeutet. „Es wird oft über junge Menschen gesprochen, aber nicht mit ihnen“, sagt Becker. Das soll hier anders sein.

Das Publikum, das sich an diesem Samstag durch die Etagen bewegt, wirkt nicht wie eines, das erst überzeugt werden muss. Diskussionen über die Notwendigkeit einer starken Bundeswehr in Zeiten der russischen Aggression bleiben außen vor, stattdessen herrscht Einigkeit darüber, dass die Aufrüstung in Deutschland ein schlechtes Zeichen ist.
Großer Andrang herrscht bei der Station des Linken-Abgeordneten Aaron Valent. Gemeinsam mit der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK) organisiert er ein Frage-Antwort-Spiel zur Kriegsdienstverweigerung. „Je unattraktiver und untauglicher, desto besser ist es“, sagt der DFG-KV-Vertreter. Drogenkonsum sei vor der Musterung nicht zu empfehlen, stattdessen solle man lieber etwas kränker sein und alle Atteste sammeln, die man habe. Die DFG-VK vermeldete im Mai, dass die Zahl der Kriegsdienstverweigerungsanträge sich in den ersten drei Monaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum verdreifacht habe.

Ben, 22, und Bruno, 23, stehen im Außenbereich und trinken Aperol. Sie sind gegen die Wehrpflicht, das waren sie auch vor dem Festival schon. Ob eine mögliche Wehrpflicht auch für sie noch gelte? Um sich darüber zu informieren, sind sie hier. Die Aussicht auf die Einberufung sei für sie „beängstigend“, sie hätten Angst vor der Zukunft, erzählen sie. Anstelle der Bundeswehr würden sie eine gemeinsame europäische Armee bevorzugen. Ob sie kämpfen würden, wenn es darauf ankäme? Ben sagt Nein. Bruno hingegen sagt: „Wenn es wirklich drauf ankommt, würde ich es machen.“ Einen „Blankoscheck“ durch den Wehrdienst wolle er der Bundeswehr aber nicht geben.
