Schon in Schlüchtern geht die Party los: „Prost, Mädels!“, lautet das Kommando, und im Regionalexpress von Fulda nach Bad Hersfeld wird angestoßen. Bis Fulda, Hessentagsstadt und Ziel der gut gelaunten Mittvierzigerinnen, ist es zwar nicht weit, aber mit den Mixgetränken in den Dosen lässt sich zügig die Grundlage für einen leichten Schwips legen. Den kann man später ja zwischen Bahnhof, Dom und Fuldaauen noch ausbauen. Genau wie die Frauen aus dem Main-Kinzig-Kreis wollen die meisten Fahrgäste zum Landesfest und haben sich für den Zug entschieden: Erstens muss man sich um seinen Führerschein keine Gedanken machen, zweitens ist der Weg von den Parkplätzen in die Innenstadt ein ordentlicher Spaziergang.
Der Hauptausgang des Bahnhofs ist das Tor zur Hessentagsstraße: Nach nur wenigen Schritten ist das offizielle Festareal erreicht. Nur eine Demonstration verzögert gerade den Weg, die Teilnehmer ärgern sich über die Beteiligung der Bundeswehr am Fest, die dort etwa Kampfhubschrauber und Schützenpanzer ausstellt. Viele Demonstranten sind es nicht, und im Zug klingt in den Gesprächen der Friedensbewegungsveteranen über längst verstorbene Mitstreiter ein leises „Früher war alles besser“ durch. Die Weltsicht der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend ist durch den Gang der Dinge kein Stück erschüttert: Die Bedrohungen des Friedens sind für sie die Bundeswehr und der ganze imperialistisch-militaristische Rest des Westens – ganz gleich, wer gerade wen in Europa mit Krieg und Zerstörung überzieht.
Plüschenten und Deko-Buddhas
Der Widerhall der Kundgebung reicht keine zwanzig Meter weit, nicht einmal bis zum Kaufhaus Karl, in dem sich das Land Hessen mit seinen Institutionen eingerichtet hat. Der Ort selbst ist spannend: ein ehemaliges Kaufhaus, das das Sterben in der Branche nicht überstanden hat. Um eine Brache in der Innenstadt zu verhindern, hat die Stadt Fulda es gekauft, umbenannt und bespielt es nun als „Pop-up-Kaufhaus“, beim Hessentag eben mit der Landesregierung und ihren Behörden. So wirbt das Bodenmanagement um Mitarbeiter, die Fraktionen des Hessischen Landtags buhlen um Sympathien.

Den besten Schnitt macht dabei die FDP, an deren Stand man an einem Kirmes-Spielgerät Plüschenten angeln kann. Aber auch das Glücksrad der Grünen und die Mitgebsel der anderen Parteien finden etliche Liebhaber. Hauptsache, es kostet nichts. Im Kaufhaus werden auch Waren aus dem Bundesland angeboten, und da zeigt sich die Weltläufigkeit von Bad Karlshafen bis nach Neckarsteinach: Im Sortiment finden sich auch Buddha-Figuren als Deko für den Garten. Wie sagte schon Ministerpräsident Ernst-August Zinn (SPD), der den Hessentag 1961 erfunden hat: „Hesse ist, wer Hesse sein will.“
Faire Preise für Wurst und Wein
Ach ja, die Preise. Vor ein paar Jahren beim Hessentag in Pfungstadt war das Genörgel groß: alles viel zu teuer, vom Tagesparkplatz bis zum Essen. Das Gemecker gibt es in Fulda nicht: Zehn Euro für 24 Stunden Stehzeit sind zwar kein Schnäppchen, aber im Rahmen. Und die Hessentagsbratwurst vom Metzger Schwarz gibt es für vier Euro – und sie ist wirklich gut. Die Rhön ist nah, das Brät ist deftig, die Schlange an der Ausgabe lang.
Im Weindorf im Hof des Stadtschlosses gibt es einen wirklich ordentlichen Grauburgunder für 6,50 Euro, Flammkuchen liegt bei 13,90 Euro, Schnitzel mit Beilagen bei 17,90 Euro. „Geht in Ordnung“, finden Jutta und Corinna aus Heuchelheim. Die beiden Frauen sind Hessentag-Profis und besuchen das Landesfest seit Jahren regelmäßig. Eingerichtet haben sie sich unter einem Sonnenschirm im Weindorf, denn nach dem verregneten Auftakt am Freitag spielt auch das Wetter mit. Wer der prallen Sonne und dem Trubel entlang der Hessentagsstraße entgehen will, für den bietet sich das Weindorf an.

Einen „Hessentag der kurzen Wege“ haben die Organisatoren versprochen, und in der Innenstadt klappt das bestens. Bis zu den Fuldaauen, wo zum Beispiel Polizei und Bundeswehr ihre Lager aufgeschlagen haben, sind es dann aber doch einige Meter zu Fuß. Dorthin gelang man aber auch mit dem Shuttlebus, der auch zu den Parkplätzen fährt. Vier Linien hat die Stadt eingerichtet, alle werden gut genutzt: Rentner mit Rollatoren und Familien mit Kinderwagen sind heilfroh über den Service, entsprechend eng geht es in den Bussen zu. Stört keinen, Gelassenheit gehört zum Landesfest in Osthessen zur Grundausstattung.
Nur nicht an der Brücke über die Fulda an der Johannisstraße. Dort schimpft gerade ein Landespolizist einen Wachmann an, der einen Wagen in die Fuldaauen einfahren ließ. „Das geht überhaupt nicht“, sagt der Polizist und wird dabei sehr deutlich. Nur Fahrzeuge von Feuerwehr und Rettungsdiensten dürften passieren, auch das nur bei Einsatzfahrten mit Blaulicht und Sirene. So entspannt Fulda auch unter dem Motto „Foll hessisch“ feiert, bis zum traditionellen Umzug gilt in Sachen Sicherheit ein strenges Reglement.
