
Nun also der Bundesdigitalminister, wie passend: Karsten Wildberger (CDU) ließ einer Recherche der „Zeit“ zufolge Reden und Gastbeiträge in seinem Namen weitgehend von einer KI schreiben – darunter einen Text, der in der F.A.S. erschien. Ein unter KI-Verdacht stehender Gastbeitrag, den der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) in der F.A.Z. untergebracht hatte, wurde gerade aus dem Archiv dieser Zeitung gelöscht. In ihr sollen nur von Menschen – also jenen biologischen Entitäten, die Elon Musk verächtlich „Fleischcomputer“ nennt – verfasste Originalbeiträge stehen.
KI als Rechercheinstrument, als Tool für Verbesserungen, nicht als Autor: Der „Tagesspiegel“ hat gerade seinen „Editor at Large“, den früheren Chefredakteur und Herausgeber Stephan-Andreas Casdorff, beurlaubt, weil er sich nicht daran gehalten hat. Der Mann ist im Rentenalter, ihm kann es letztlich egal sein, vom Aufmerksamkeitsverlust einmal abgesehen, wenn keine von ihm unterzeichneten Meinungsbeiträge mehr publiziert werden und das Ego streicheln.
Von Politikern erwarten viele ohnehin nichts Authentisches
Aber wen regt es überhaupt noch auf, wenn Menschen ihre Gedanken von KI sprachlich in Form bringen lassen, außer diejenigen, die in mühevoller Arbeit die Kulturtechnik des Schreibens professionalisiert haben? Liest man sich Hunderte Onlinekommentare unter dem „Zeit“-Artikel zu Wildenberger durch, drängt sich der Eindruck auf: zumindest mit Blick auf Politiker womöglich kaum jemanden. Authentizität wird den Vertretern der politischen Kaste ohnehin kaum mehr zugetraut; dass sie Redenschreiber beschäftigen, ist bekannt. Also schlussfolgern viele Kommentatoren, sie könnten genauso gut eine KI prompten. Wenn die verschriftlichten Gedanken die des Politikers seien und die Fakten stimmten, wäre das doch völlig in Ordnung.
Wir erleben gerade eine medientechnische Revolution im Zeitraffertempo, und sie betrifft alle. Ein Text, das war einmal das Ergebnis und damit der Beweis einer geleisteten geistigen Arbeit, ja sogar einer physischen Existenz. Für ihn musste ein Autor den Gedankenbrei aus dem eigenen Kopf in eine möglichst klare, lineare Form gießen, Zeile um Zeile. Wer schreibt, der merkt, dass das, was er meint, erst im Akt des Schreibens verständlich wird. Die „allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“, die Kleist beschrieben hat, ist Grundlage auch des Schreibens. Das gilt selbst für Ghostwriter. KI-Texte vermitteln bloß den Anschein, aus einem Schreibprozess hervorgegangen zu sein. Seit der Erfindung der Schrift können Menschen ihr Gedächtnis auslagern, nun auch das Denken.
Die offene Frage ist, bei welchen Textgattungen und Autorengruppen die KI-Schreibpraxis auf Akzeptanz der Adressaten trifft. Wenn KI einem bei Politikern, deren Phrasendrescherei schon Loriot herrlich persiflierte, nicht gegen den Strich geht, könnte einen ein KI-basiertes Kondolenzschreiben unangenehm berühren. Ist der KI-Liebesbrief okay, wenn die Gefühle beim Prompten echt sind? Wie sieht es bei einem Zeitungsartikel aus? Einem Roman? Der E-Mail des Geschäftspartners, die dessen KI-Agent verfasst hat? Bei vermeintlich persönlichen Beiträge von Bloggern oder Influencern? Einem wissenschaftlicher Fachaufsatz? Und außerdem, um einmal tief in die Kiste der Literaturtheorie zu greifen: Entsteht Sinn nicht mindestens so sehr rezeptionsästhetisch beim Lesen wie produktionsästhetisch beim Schreiben? Verschieben sich hier nicht einfach die Gewichte?
Die Antworten werden unterschiedlich ausfallen, aber machen wir uns nichts vor: KI, diese parasitär menschliche Schöpfungen und technologische Produkte ausbeutende Technik, die literarische Kompetenz auch jenen verleiht, die sonst kaum einen geraden Satz herausbekommen, wird die Schriftkultur der Zukunft formen. Wie, das hat jeder, der schreibt und liest, mit in der Hand.
