Das Hotel Zum Goldenen Karpfen ist mehr als 100 Jahre alt, seit Generationen in Familienbesitz. Sie beide führen das Haus seit mehr als 50 Jahren. Das Hotel im Herzen der Altstadt Fulda ist nicht riesig – können Sie durch die Stadt laufen, ohne angesprochen zu werden?
Renate Tünsmeyer: Wenn man vom Bahnhof zu Fuß zu unserem Hotel geht, braucht man vielleicht 15 Minuten. Wenn wir das machen, brauchen wir mindestens eine Dreiviertelstunde, man sieht den und den, man wird angesprochen, spricht mit jedem. Und ich finde, das ist ein sehr positives Verhältnis. Man ist sozial gut eingebunden, man hat gute Beziehungen, man kriegt sehr viel mit, manchmal auch Dinge, die sehr pikant sind, auch witzig.
Im Karpfen haben schon viele Prominente logiert und tun das noch. Auffällig viele Schauspieler sind darunter. Wie kommt das?
Maria Tünsmeyer: Das sind Leute auf Tourneen mit Gastspielen in Fulda oder Umgebung, manche sind auch auf der Durchreise. Und viele kommen dann immer wieder.
Renate Tünsmeyer: Das ist ja auch das Wunderschöne an unserem Beruf, Langeweile ist ein Fremdwort, man hat so tolle Begegnungen.
Wollen Sie ein paar Beispiele nennen?
Renate Tünsmeyer: Mit den Kessler-Zwillingen waren wir 40 Jahre eng befreundet. Gerhard Polt und seine Frau waren schon sehr früh hier bei uns. Im letzten Jahr wollte er sich mit den Toten Hosen mal wieder treffen, die hatten ja ein Projekt zusammen, und dann hat der Herr Polt zu uns gesagt: „Wir könnten uns doch bei euch treffen.“ Fanden wir gut. Ich habe dann Kuchen backen lassen, es gab einen großen Bahnhof mit Kaffee und selbst gemachtem Pflaumenkuchen für die Toten Hosen, abends noch ein schönes Essen, das hat ihnen gut gefallen, allen hat das gefallen.
Maria Tünsmeyer: Edgar Selge fand ich beeindruckend, ein toller Schauspieler und ein ganz ruhiger Typ, macht kein Aufhebens um sich. Oder Oliver Mommsen, ein großer Schwarm von mir. Das wollte ich gerne, dass der bei uns übernachtet, als er auf Tournee war. Ich habe bei seiner Agentur angefragt, ob das möglich sei, und er kam dann auch. Ein sehr sympathischer Mann, war morgens noch früher auf als ich. Er war joggen vor dem Frühstück.
Renate Tünsmeyer: Künstler sind ja dauernd unterwegs. Und nicht zu jeder Tournee gehört in jeder Stadt eine richtig schöne Unterkunft, so heimelig, so gemütlich, so persönlich.
Maria Tünsmeyer: Als Chris de Burgh 2022 hier in Fulda sein Musical Robin Hood präsentiert hat und das in dem Sommer so erfolgreich lief, hat er lange bei uns gewohnt. Er fühlt sich hier weiterhin wie zu Hause, wenn er irgendwo im Raum Frankfurt auftritt, kommt er zum Übernachten zu uns. Und gerade heute hat sich Armin Müller-Stahl gemeldet, 95 Jahre ist er inzwischen alt. Aber genug jetzt.

In der Pandemie ist vielen Hotels die Luft ausgegangen. Wie schwierig war die Zeit für den Goldenen Karpfen?
Renate Tünsmeyer: Wir haben das überbrückt. Geschäftskunden durfte man ja haben. Wir haben auch viel Essen außer Haus verkauft, das tun wir, in geringerem Maße, immer noch.
Was war mit den Angestellten?
Renate Tünsmeyer: Wir haben alle behalten, sie haben ihre Bezüge weiter bekommen, alle waren auch grundsätzlich einsatzbereit. Natürlich war alles ruhiger, ist ja klar. Und es gab schon auch Tage, an denen konnte man das genießen.
Haben Sie Überbrückungshilfe bekommen? Aktuell gab es in Hessen ja Auseinandersetzungen zwischen dem Hotel- und Gaststättenverband und dem Wirtschaftsministerium um die Rückzahlungs-Modalitäten.
Renate Tünsmeyer: Wir haben nur wenig in Anspruch genommen.
Maria Tünsmeyer: Ehrlich gesagt, wenn man selbständig ist, muss man so eine Zeit auch überbrücken können. Wir haben auch keine Probleme mit Rückzahlungen. Bei uns ist alles solide, wir sind keine Finanzakrobaten, schon gar nicht wirtschaften wir auf Pump.
Renate Tünsmeyer: Also die Pandemie und die Lockdowns: Wir sind weder mental noch finanziell kaputtgegangen oder angeknackst worden.
In der Pandemie haben Sie Ihr Personal gehalten, wie ist das generell: Ist es oder war es jemals schwierig, Mitarbeiter für den Goldenen Karpfen zu finden?
Renate Tünsmeyer: Gutes Personal zu finden, ist schon eine Kunst. Mit der Zeit hat man natürlich seine Erfahrungen bei den Einstellungsgesprächen, vereinbart im Zweifelsfall Probetage. Das klappt meistens gut, wir haben wenig Fluktuation. Wir sind glücklich über ein gutes Team, das macht auch unseren Erfolg aus.
Das Hotel hat 55 Zimmer und Suiten. Wie viele Mitarbeiter haben Sie?
Maria Tünsmeyer: Knapp 50.
Sind auch Azubis darunter?
Maria Tünsmeyer: Natürlich, und sehr erfolgreiche, in der Küche zum Beispiel, die schicken wir auch zu regionalen Wettbewerben, sie schneiden oft sehr gut ab.
Haben Angestellte bei Ihnen noch die sogenannten Teildienste, bei denen eine Schicht durch eine mehrstündige Pause unterbrochen werden kann?
Renate Tünsmeyer: Ja, das gibt es bei uns. Das ist natürlich ein Vorteil in der Kleinstadt: Du findest hier eher mal eine Wohnung im Dunstkreis des Arbeitsplatzes. Wir haben Mitarbeiter, die kommen zu Fuß oder sind in fünf, vielleicht zehn Minuten mit dem Auto zu Hause. Das ist in einer Großstadt mit angespannterem Wohnungsmarkt natürlich anders. Was hat einer von seiner Pause, wenn er eine Stunde pendelt, das kannst du nicht machen. Dann nutzen die Betriebe halt die höchsten zulässigen Arbeitsstunden je Tag und machen Restaurants zum Beispiel nur noch an vier Tagen in der Woche auf.
Mit der Viertagewoche sind viele Angestellte ganz zufrieden.
Renate Tünsmeyer: Mit einem Hotel, wie wir es haben, ist das nicht ganz so einfach. Aber wir gucken natürlich, dass wir die Interessen unter einen Hut bekommen, und machen die Dienstpläne so, dass auch in der Küche eine Schicht mal acht Stunden am Stück geht.

Kann die Privathotellerie den Angestellten etwas bieten, das ein Kettenbetrieb nicht leisten kann?
Renate Tünsmeyer: Vielleicht die persönliche Bindung, gute Bezahlung. Respekt voreinander, alle sind wichtig, alle werden wichtig genommen, das kommt in einem privaten Haus manchmal vielleicht eher rüber; es hängt auch von der Größe ab.
Bekommen oder suchen Gäste in der Privathotellerie etwas, das es woanders nicht gibt?
Renate Tünsmeyer: Sie bekommen auf jeden Fall diese intimere Atmosphäre. Wenn Leute mal bei uns waren, kommen nach zehn Jahren wieder und werden dann mit Namen angesprochen: Dann freuen sie sich. Und wenn in der Küche oder im Service jemand ist, den sie von ihrem letzten Besuch noch kennen, dann freuen sie sich auch.
Wie schätzen Sie denn die Lage in der Hotellerie und Gastronomie insgesamt ein? Viele Ihrer Kollegen klagen im Moment, dass die Gäste sehr zurückhaltend seien.
Renate Tünsmeyer: Aber was sind zum Beispiel die Gründe dafür, dass jemand großen Erfolg hat? Nehmen Sie doch mal die Wurstverkäuferin in der Kleinmarkthalle, Ilse Schreiber, über die Ihre Zeitung ja auch schon berichtet hat. Eine 86 Jahre alte Frau, voller Elan, und die Leute stehen Schlange, um sich eine Wurst zu kaufen. Es geht bestimmt nicht nur um die Wurst, die schon gut sein muss, aber es geht auch um die Ansprache, es geht um die Persönlichkeit.
Maria Tünsmeyer: Ich müsste nicht für jede Wurst, die ich kaufe, mit „Schatzi“ angesprochen werden, aber irgendwie ist es eine Attraktion.
Beschwerden, die man in der Branche immer wieder hört, beziehen sich auch auf zunehmende bürokratische Anforderungen, auf gestiegene Kosten, für Energie, für Lebensmittel. Schließen Sie sich an?
Renate Tünsmeyer: Ja, Kosten haben sich zum Teil fast verdreifacht, und die Auflagen werden immer mehr, die Dokumentationspflichten, der Brandschutz, all das.
Maria Tünsmeyer: Das musst du machen, man kann sich darum nicht drücken. Ärgerlich ist, dass das für unsere Konkurrenz nicht gilt: Ferienwohnungen, Airbnb-Appartments, von denen es auch in Fulda immer mehr gibt: Für die gelten nicht die Brandschutzauflagen wie für die Hotellerie. Da müsste dringend etwas geändert werden.
Noch einmal zu den Kosten. Was kann man an den Gast weitergeben und was eher nicht? Haben Sie Ihre Preise erhöht?
Maria Tünsmeyer: Zögerlich, aber ja, haben wir. Wir haben aber auch eine Klientel, die will gut bedient werden, die will ein gutes Produkt, und dann ist das o. k. Die Leute kennen ja auch andere Preise, und wir auch, man muss nur mal an Paris denken, zum Beispiel.
Renate Tünsmeyer: Oder an Frankfurt.
Wie kamen Sie beide eigentlich ins Hotelgewerbe? Wollten Sie schon immer in diesen Familienbetrieb einsteigen?
Renate Tünsmeyer: Ich schon. Mein Vater wollte zwar, dass ich Apothekerin werde. Aber Pharmazie hat dann mein Bruder studiert, ich bin auf die Hotelfachschule in Lausanne gegangen. Unsere Eltern sind früh gestorben. Ich war 1972 bereit, den Karpfen zu übernehmen, aber ich wollte das nicht alleine tun. Meine Schwester ist Steuerberaterin, sie wollte sich eigentlich selbständig machen …
Maria Tünsmeyer: … Ich habe mich dann aber entschlossen, meiner Schwester zu helfen, seitdem machen wir das.
Sie sind beide auch viel unterwegs, kennen viele Länder, viele Leute. Gibt es Menschen aus Ihrer Branche, die sich Ihnen eingeprägt haben?
Renate Tünsmeyer: Mir fällt zuallererst Anton Mosimann ein, der Schweizer, der mit 22 Jahren nach London gegangen ist, Küchenchef im Hotel Dorchester war und dann im Buckingham Palace gekocht hat und ein Vertrauter der Königin Elisabeth war. Wir haben so viele Leute kennengelernt, auf der ganzen Welt. Und wenn ich heute irgendwo bin: Ich treffe immer jemanden. Neulich auf dem Flughafen, ich setze mich gerade, da sagt jemand hinter mir: „Ach, die Frau Tünsmeyer. Nett, dass Sie Ihre Gäste hier schon abholen.“ Ein Scherz natürlich, das waren Leute, die abends bei uns eingebucht waren.
Wo außer im Karpfen ist es denn noch schön? Welches andere Hotel mögen Sie?
Renate Tünsmeyer: Den Quellenhof in Bad Ragaz zum Beispiel, das Les Trois Rois in Basel.
Maria Tünsmeyer: Den Bayerischen Hof in München, die Villa Joya an der Algarve.
Renate Tünsmeyer: Ja, die Villa Joya ist ein wunderbares Kleinod. Nur zehn, zwölf Zimmer, und der Küchenchef, der berühmte Dieter Koschina, macht jeden Abend ein anderes Menü, immer auf Zwei-Sterne-Niveau, eine unglaubliche kulinarische Leistung.
Wie lange man arbeiten muss, darf oder soll, je nachdem, wie man es betrachtet, ist ein großes Thema zurzeit. Denken Sie beide über das Aufhören nach?
Renate Tünsmeyer: Wenn mich das jemand fragt, sage ich immer: Ich warte darauf, dass mir jemand erzählt, dass es im Altersheim lustiger ist als hier im Hotel.
