Bekanntlich fällt der Mannschaft Brasiliens ausnahmslos immer eine der ganz großen Hauptrollen zu, wenn wieder einmal um einen WM-Titel Fußball gespielt wird. Die Historie macht das Team mehr oder weniger automatisch zu einem spannenden Titelkandidaten.
Ganz egal, wie gut die Form und die Qualität der Spieler sind, und auch losgelöst vom Verlauf der Qualifikationsrunde. Und so erscheint am Mittwochnachmittag im Hotel „The Ridge“ in einer idyllischen Region 40 Kilometer westlich von New York ein unmissverständliches Motto auf großen Videowänden des vom Verband hergerichteten Pressesaals: „É proibido sonhar pequeno“ – „Es ist verboten, klein zu träumen“.
Grafisch abgerundet wird dieser Anspruch mit fünf gelben Sternen – für jeden WM-Titel einen. Der sechste ist in Umrissen angedeutet, und auf dem Podium sitzt der Angreifer Raphinha, der vor rund 200 angereisten Journalisten sagt: „Der Druck wird immer da sein. Sobald man das Trikot der brasilianischen Nationalmannschaft trägt, muss man wissen, dass der Druck dazugehört. Brasilien ist die einzige Nation, die fünf Weltmeisterschaften gewonnen hat.“
Zuletzt war im Viertelfinale Schluss
Understatement ist da nicht mehr möglich. Aber richtig wohl scheint sich Raphinha nicht zu fühlen mit diesen Erwartungen, denn die jüngere Entwicklung und die Leistungen sprechen eher nicht für eine große WM der Seleção.
Die Mannschaft ist längst nicht so reichlich mit Weltklasseindividualisten besetzt wie während der meisten anderen Turniere der vergangenen Jahrzehnte. Und Spieler wie Raphinha (FC Barcelona) oder auch Vinicius Junior (Real Madrid), die im europäischen Fußball Weltklasse verkörpern, haben in der Seleção bisher nie das Niveau aus ihren Klubs erreicht.
Zudem endeten die Turniere in Russland 2018 sowie in Qatar 2022 jeweils im Viertelfinale, und die Qualifikation für die nun beginnende WM war eine Qual. Vier Trainer verschliss der Verband, am Ende war Brasilien Fünfter, zehn Punkte hinter Argentinien. Eine über Jahre aufgebaute und mit einer klaren Spielidee agierende Mannschaft tritt nicht an in den gelben Trikots, dazu fehlte Carlo Ancelotti die Zeit.
Erst vor 13 Monaten hat der langjährige Trainer von Real Madrid die Seleção übernommen, wirklich überzeugend hat das Team aber auch in dieser Zeit nur selten gespielt. Eigentlich könnte die Nation diese WM also mit Bescheidenheit beginnen, um dann aus dieser Rolle zu überraschen. Aber das geht nicht in dieser stolzen Fußballnation, also sagt Ancelotti: „Ich habe keine Angst, zu sagen, dass wir die WM gewinnen wollen, denn die Erwartungen sind hoch. Und wir werden einen Kader haben, mit dem wir qualitativ hochwertigen Fußball entwickeln können.“
Brasilianisches Volk wendet sich ab
Teile des brasilianischen Volkes, das seiner Mannschaft einst so hingebungsvoll verfallen war, haben sich jedoch abgewendet. Journalisten erzählen davon, dass dieser Prozess mit dem 1:7-Desaster im Halbfinale gegen Deutschland 2014 begann und seither durch immer neue schlechte Nachrichten weiter angetrieben wurde.
Die Hingabe gelte in Teilen der Anhängerschaft mehr und mehr den großen Klubs des Landes, heißt es, und Raphinha sagt: „Die Menschen haben viele Jahre lang brasilianische Teams gesehen, die die Weltmeisterschaft wirklich hätten gewinnen können, es aber nicht geschafft haben. Deshalb wollen die Leute sich nicht noch einmal enttäuschen lassen und entscheiden sich lieber dafür, keine Fans zu sein. Aber tief im Inneren glaube ich, dass jeder die Nationalmannschaft anfeuert.“

Ob diese These tatsächlich zutrifft, ist schwer zu sagen, klar ist aber, dass die Sehnsucht nach besseren Zeiten bei dem großen Überthema eine Rolle spielt, mit dem sich Brasilien derzeit fast jeden Tag beschäftigt. Trainer Ancelotti hat Neymar in den Kader berufen, den alternden Superstar, der wohl ein letztes Turnier mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, den beiden anderen Göttern der vergangenen 15 Jahre, bestreiten wird.
Fürs FIFA-Marketing ist das hervorragend, aber Neymar hat sich weiter vom internationalen Spitzenfußball entfernt als die beiden Kollegen. Seit fast drei Jahren hat er kein Länderspiel mehr bestritten, und auch die Partie gegen Marokko wird er wohl wegen einer Muskelverletzung verpassen. Niemand rechnet damit, dass der inzwischen für den FC Santos spielende Neymar im Turnierverlauf startelf-tauglich werden könnte, aber die Sehnsucht nach Glamour ist groß.
Die meisten Spieler der Gegenwart haben vielleicht schon Großes in ihren Klubs geleistet, als Nationalspieler fehlt ihnen aber der Glanz und richtig spannende Nachwuchsleute gibt es kaum. Im defensiven Mittelfeld werden wohl die Altmeister Casemiro, 32, und Fabinho, 34, spielen müssen, weil es an Nachwuchs mangelt. Der ewige Strom immer neuer Brasilianer mit Weltklassepotential ist in den vergangenen Jahren recht dünn geworden, also sagt Ancelotti: „Das Kollektiv wird im Vordergrund stehen.“
Nicht zuletzt auf den Außenverteidigerpositionen fehlen der Seleção, für die einst Roberto Carlos, Dani Alves, Marcelo oder Cafu spielten, Weltklasseleute. Vor dieser WM war rechts in der Abwehrkette eigentlich der frühere Leverkusener Wesley von der AS Rom gesetzt, der jetzt verletzt ausfällt. Nun wird wohl der in Saudi-Arabien unter Vertrag stehende Roger Ibanez dort auflaufen. Dafür haben sie mit Ancelotti aber einen der klügsten Trainer der Welt, einen Mann, der es versteht, ein Klima entstehen zu lassen, in dem die Spieler sich einerseits wohlfühlen, andererseits aber auch sehr seriös arbeiten.
Entsprechend gut sei die Laune im Quartier, versichert Raphinha, „das ist eine Mannschaft, bei der wir im Hotel sehr ausgelassen sind, wir machen Blödsinn miteinander, und wenn es ernst wird, sind wir ernst.“ Aber die klassische Trainerarbeit, das langfristige und von einer klaren Idee geleitete Zusammenwachsen, das fehlt den Brasilianern im Gegensatz zu Konkurrenten wie Spanien, Argentinien oder Frankreich. Und mit Marokko wartet an diesem Sonntag (um 0.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) direkt ein richtig schwerer Gegner, ein Halbfinalteilnehmer der vorigen Weltmeisterschaft.
