Es fällt nicht schwer, die SPD in Baden-Württemberg als einen Sanierungsfall zu beschreiben. Wäre der Landesverband ein Unternehmen, könnte man sogar von Insolvenzgefahr reden. Auf 5,5 Prozent der Stimmen kamen die Sozialdemokraten bei den jüngsten Landtagswahlen. Fast wären sie in Stuttgart aus dem Parlament geflogen.
So gesehen passt es perfekt, dass nun ausgerechnet ein früherer Unternehmensberater von McKinsey für den Parteivorsitz kandidiert. Solche Leute holt man sich in der Wirtschaft, wenn die Not groß ist. Andererseits dürfte es keine andere Berufsgruppe geben, deren Image noch weniger mit dem Eindruck harmoniert, den die SPD mit ihrer Führung und vielen ihrer Positionen zurzeit in der Öffentlichkeit hinterlässt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Carsten Lotz, 49 Jahre alt, davon 17 in den Diensten von McKinsey, zerlegt diesen vermeintlichen Widerspruch genussvoll. „Ich war schon lang Genosse, bevor ich Berater wurde“, versichert er den Parteifreunden und potentiellen Wählern aus einem Ortsverband im Remstal, die sich an einem Frühsommerabend zu einer Online-Vorstellungsrunde zugeschaltet haben. Die SPD befragt in diesen Wochen ihre Mitglieder, wen sie sich als neuen Vorsitzenden wünschen. Lotz ist der Außenseiter, er tritt gegen eine frühere Landtagsabgeordnete und eine parteiintern prominente Doppelspitze an. Dass er sich der Partei früh anschloss, damals in seiner Heimat Tauberbischofsheim, ist aktenkundig. In der Runde legt er noch eine Schippe drauf und beteuert: „Im Herzen bin ich ein total Linker.“
Wie sich das mit der Welt der Finanz- und Effizienzstrategen verträgt, oft verschmäht als Diener des Kapitals, ist dann doch etwas erklärungsbedürftig. Selbst wenn man weiß, dass auch Roland-Berger-Chef Stefan Schaible SPD-Mitglied ist. Lotz hat Theologie und Philosophie studiert, danach bei McKinsey angeheuert. Die Karriere führte ihn bis nach Paris, wo er ein Büro für große europäische Infrastrukturprojekte leitete.
„Der Leistungsgedanke gehört zur DNA der SPD“
Vor drei Jahren hörte er damit auf, zog mit und wegen der Familie zurück nach Deutschland, nahm einen Lehrauftrag für Wirtschaftsgeschichte an der Uni Mannheim an, schrieb ein Buch und Artikel, auch für die F.A.S. Bei McKinsey habe ihn die Idee angetrieben, Nützliches möglichst schnell und günstig zu verwirklichen: eine neue Eisenbahnstrecke, eine große Stromleitung, Glasfaseranschlüsse auf dem flachen Land. Das sei mit seinen politischen Überzeugungen bestens zu vereinbaren gewesen. Zumal sich diese vor allem aus einer Tradition der Sozialdemokratie speisen, die zurzeit etwas stiefmütterlich behandelt wird. „Ich habe uns immer als eine Partei des gesellschaftlichen Aufstiegs verstanden“, sagt Lotz. „Der Freiheits- und Leistungsgedanke gehört zur DNA der SPD.“
Seine Kandidatur sei alles andere als von langer Hand vorbereitet gewesen, beteuert der McKinsey-Veteran. Schon zum Vorsitz des kleinen Verbands in seinem Wohnort südlich von Tübingen sei er holterdiepolter gekommen. Und dann, nach dem Debakel der Landtagswahl, hätten sie sich dort nach einem Aufbruch gesehnt, nach unverbrauchtem Personal und größerer thematischer Breite. Die SPD müsse gerade in Baden-Württemberg auch wieder für Unternehmer aus dem Mittelstand, für Handwerksmeister und Facharbeiter attraktiv werden. „Dann kam die Frage auf, wer das nach vorn tragen soll“, sagt Lotz. „Und alle haben mich angeschaut.“
Falls er gewählt wird, verspricht er den Genossen im Remstal, werde er sich vor allem für mehr Bildungsgerechtigkeit einsetzen und dafür, dass die Bürger in ihrem Alltag in den Städten und Gemeinden einem funktionierenden Staat begegnen könnten. Noch bis zum Montag läuft die Mitgliederbefragung, die eigentliche Wahl folgt beim Parteitag in Ulm am Wochenende danach. Erhält eine der drei Kandidaturen jetzt schon 50 Prozent oder mehr, werden sich die Delegierten danach richten müssen. Sonst gibt es einen Showdown in Ulm.
