Eine öffentliche Trampolinvorführung im Wiesbadener Kurpark oder auf dem Schlossplatz wäre bestimmt lässig, hat sie aber nicht geplant. Und auch mit dem Hut wird Greta Steinbrenner nicht durch ihre Heimatstadt laufen, um Spendengelder einzusammeln. Doch die Siebzehnjährige muss auf andere Weise kreativ werden, um sich ihren WM-Traum in China finanzieren zu können.
Greta Steinbrenner von der TSG Sonnenberg ist eine von Deutschlands talentiertesten Trampolinturnerinnen, mehrfache Siegerin und Medaillensammlerin bei hessischen, deutschen und gar europäischen Jugend-Titelkämpfen. Derzeit steht sie vor der nächsten Stufe, bereitet sich mit langem Vorlauf auf die Junioren-Weltmeisterschaften in China vor. Ihre Chancen stehen gut, dort im November antreten zu dürfen – und das, obwohl sie gerade einmal das Mindestalter für die World Age Groups Competitions (WAGC) der Siebzehn- bis Einundzwanzigjährigen erreicht hat.
Doch neben den sportlichen Anforderungen muss die junge Sportlerin auch die finanzielle Qualifikation schaffen. Auf rund 3000 Euro schätzt ihr Vater Holger Steinbrenner die Summe, die von der Turnerin für die WM aufgebracht werden muss – via Sponsoren oder Familie. Greta Steinbrenner setzt auf „Crowdfunding“, für das sie auf ihrem Instagram-Account (_greta.st) vor allem „im erweiterten Bekannten- und Freundeskreis“ werben möchte.
Es ist nur ein Posten in der Bilanz der jährlichen Aufwendungen, die das ambitionierte Hobby verursacht. Allein die Fahrtkosten verschlingen einen fünfstelligen Betrag, denn Greta Steinbrenner trainiert am Bundesstützpunkt in Bad Kreuznach, wohnt aber mit ihrer Familie rund 50 Kilometer entfernt in Wiesbaden, wo sie zur Schule geht.
Sieben Trainingseinheiten pro Woche, davon zwei vormittags, erfordern eine ausgeklügelte Alltagslogistik. Kaderlehrgänge kommen dazu, außerdem regelmäßige Physiotherapie und Mentaltraining. Ihre Eltern Nina-Marie und Holger fungieren als Fahrdienst, da Greta noch über keinen Führerschein verfügt. In der Gutenbergschule, wo sie die elfte Klasse besucht, ist sie auf wohlwollende Lehrer und flexible Klausurtermine angewiesen.
Star und Randfigur zugleich
„Die Schule supportet mich zu hundert Prozent“, sagt die Teenagerin über die Akzeptanz ihrer Sonderrolle. „Auch die meisten Lehrer finden es cool.“ Viele erkundigen sich auch schon mal, wie ein Wettkampf gelaufen sei. Dennoch plant sie, die anstehende Abiturphase von zwei auf drei Schuljahre zu strecken, um ihr Pensum bestmöglich absolvieren zu können. Diesem Sonderweg muss allerdings das Staatliche Schulamt noch zustimmen.
Schon jetzt agiert die Einserschülerin wie eine Studentin, springt zwischen Klassen hin und her, kommt bisweilen nur für eine Stunde in die Schule. Unter den Mitschülerinnen gilt sie als Star und Randfigur zugleich. Als Tribut ihres Hobbys muss sie damit klarkommen, keiner festen Gruppe anzugehören. „Ich sehe meine Freundinnen eher außerhalb der Schule.“ Und auch für die Partys an den Wochenenden bleibt nicht viel Zeit. „Ich gehe schon gerne mal aus, aber nur an wirklich freien Wochenenden, und dann genieße ich es sehr!“

Die Frage, ob sich der ganze Aufwand lohnt, stellt sich für Greta Steinbrenner nicht. „Ich trainiere gern und viel“, sagt sie voller Überzeugung. Derzeit feilt sie an einem dreifachen Salto vorwärts gehockt mit halber Schraube. „Es ist mein erster Dreifachsprung“, sagt sie stolz über die Herausforderung; spätestens bei der WM sollte er fester Teil der Übung sein.
„Ich muss spüren, was ich mache“
Doch mit dem einen Element ist es nicht getan. Zehn verschiedene Sprünge gehören zum Pflichtprogramm, dazu kommt noch die Kür, die möglichst facettenreich gestaltet werden sollte. Und bei jedem einzelnen Sprung hat die Sportlerin nur einen kurzen Moment Zeit für die Ausführung. Entscheidend ist der Absprung. „Wenn man es im Tuch gut steuert, geht der Sprung automatisch.“ Es ist harte Arbeit, turnerische Kunst leicht aussehen zu lassen.
In der Luft spürt Greta Steinbrenner in einer Mischung aus Intuition und gelerntem Verhalten, wie gut ihr die Übung gelungen ist, ob sie sich so anfühlte, wie sie sich anfühlen sollte. Oder eben nicht. Beim spezifischen Training kommen so schnell zehn bis fünfzehn Wiederholungen eines einzigen Elements zusammen. Auch Videoanalyse gehört dazu, doch „entscheidend ist mein Gefühl“. Ihr Raum-Lage-Empfinden ist sehr gut ausgeprägt. „Das ist die Kunst: Ich muss spüren, was ich mache.“
Der Wechsel von Frankfurt an den Bundesstützpunkt nach Bad Kreuznach hat sich für Greta Steinbrenner gelohnt, denn das Trainingsniveau ist dort deutlich höher. In der Frankfurter Trainingsgruppe war sie die Beste, „was ein Privileg, aber kein Fortkommen“ darstellte. Nun trainiert sie zusammen mit Aileen Rösler (26) und Fabian Vogel (31), dem einzigen deutschen Olympiateilnehmer in Paris. „Eine ganz andere Klasse“, von der Greta profitiert.
„Zu leicht geht nicht“
Wie bei allen kompositorischen Sportarten gehören auch beim Trampolinturnen bestimmte körperliche Voraussetzungen zum Anforderungsprofil. Als „schlank, schmal und dennoch muskulös“ bezeichnet es Greta Steinbrenner. Sie legt Wert darauf, sich gut zu ernähren und sich auch dafür zu interessieren: „Zu leicht geht nicht, dann hast du nicht genug Kraft im Tuch.“
Ernährungswissenschaft nennt sie neben Sportwissenschaft und Psychologie als eines von drei möglichen Studienfächern, die ihr nach dem Abitur „reizvoll“ erscheinen. Auch eine Anstellung bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr könnte sie sich vorstellen – als Absicherung.
Dass sie von ihrem Sport nicht reich werden kann, stellt für sie kein Kriterium dar. Gleichwohl versucht sie schon, die vorhandenen Fördertöpfe zu nutzen. Von der Wiesbadener Sportförderung (WISPO) bis zur Stiftung Deutsche Sporthilfe reichen ihre Sponsoren – doch die Förderung der Sponsoren reicht bei Weitem nicht, um den Sport professionell zu betreiben. Und auch dafür muss sie aktiv werben. „Wenn du nichts tust, kommt nichts.“
