Viermal kurz, dreimal lang. Das mit dem Klatschen haben die Kinder schnell drauf, wenn sie den passenden Text dazu sagen: „Ich ess‘ gerne Eis. Erd-beer-eis.“ Im Konzertsaal des Kreuzfahrtschiffs Aidamar üben 600 Kinder rhythmische Überlagerungen, hören Profimusiker klassische Stücke spielen, kombiniert mit modernen Beats. „Mäck & Pomm auf AIDA – Festspiel-Konzert für Kids an Bord“ nennt sich das Programm.
Manchen ist aber anderes wichtiger als die Rhythmen. „Ich hab‘ schon das sechste Glas Saft getrunken“, prahlt ein Junge in den hinteren Zuschauerreihen, während auf der Bühne Beethoven gespielt wird, „Für Elise“ und die Mondscheinsonate. Einer der Schulfreunde wirft die Frage auf, wo es überhaupt Toiletten auf dem Schiff geben könnte. Schulausflugsstimmung. Neben der Musikshow gibt es Schiffsbesichtigung, Mittagessen am üppigen Buffet und eine Fragestunde mit dem Kapitän.

Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern, die das Programm ausrichten, bringen Musik in den letzten Winkel des Landes. Damit sind auch Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit verbunden. Doch in wirtschaftlich und politisch unsicheren Zeiten steht diese Rolle zunehmend in Frage. Das Allermeiste davon war bislang durch privates Geld gestützt – aber dem Konstrukt fehlt die langfristige Finanzierung. Und was im Bundesland nach einem Regierungswechsel passieren würde, ist nicht ausgemacht.
Vorgeschmack auf den Festspielsommer in Mecklenburg-Vorpommern
Ab 9 Uhr ist es wuselig am Cruise Center Warnemünde, wo die Dritt- und Viertklässler klassenweise auf das Kreuzfahrtschiff geleitet werden. Laut ist es nicht, kein Vergleich mit einem Schulhof. „Ich hab’ mich schon in der Bahn gewundert“, berichtet eine der begleitenden Mütter, erstaunt über die Disziplin der Kinder. Offenbar seien alle von den Lehrkräften eingenordet worden, mutmaßt ein Vater. Jetzt schärfen blau gekleidete Aida-Mitarbeiter den Schülern ein, dass sie zusammenbleiben müssen, und wo sie Hilfe finden könnten, wenn sie trotz aller Vorsicht verloren gehen auf dem Schiff, das immerhin 252 Meter lang ist.

Kurz bevor am 13. Juni der Festspielsommer in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Potpourri an klassischer Musik startet, gibt es dieses erste Konzert für Kinder auf dem Kreuzfahrtschiff. Damit alle das auch in Erinnerung behalten, werden am Schiffseingang klassenweise Fotos mit dem Werbeschild der Veranstaltung geschossen.

Ursula Haselböck ist eine der Erwachsenen, mit denen die Kinder sich auf dem Schiff unterhalten. Sie ist 44 Jahre alt und die Intendantin der Festspiele. Durch ihre eigenen Kinder weiß sie von der riesigen Anziehungskraft eines Kreuzfahrtschiffs. Schon deshalb hält sie es ganz gut aus, dass heute bei der Fragerunde nach dem Mittagessen, Kapitän Max Reginka im Vordergrund steht und nicht sie mit ihrer Kompetenz zur klassischen Musik. Nur hier und da mischt sie sich ein, etwa als der Kapitän etwas zu viel Seemannsgarn spinnt auf die Frage, wie viel Geld man denn sparen müsse, um sich so ein Kreuzfahrtschiff kaufen zu können.
Die Festspiele transportieren hochwertige Kultur und prägen die Identität. Bei den Kindern, die das Programm mitmachen – wie auch bei den erwachsenen Klassikfreunden, die im Sommer aus 120 Konzerten auswählen können. Wo immer es passt, kommt das Festspiel-Team aus Schwerin angereist und baut aus und um, damit Künstler und Publikum Platz haben. Oft treibt man den Aufwand für einen einzigen Abend, an manchen Orten dagegen kommen die Festspiele quasi im Abo, wie etwa auf dem Landgestüt Redefin. Dort wird auf dem Sand einer Reithalle ein großer Konzertsaal für 3000 Besucher gebaut. Auch kleine Orte mit nur hundert Plätzen haben eine Chance, wenn jemand sich für sie einsetzt.
„Wir sind ein Festival fürs Volk“
„Die Festspiele schaffen ein Grundwummern in der Fläche“, beschreibt Intendantin Ursula Haselböck die Wirkung. Viele Orte gäbe es vielleicht nicht mehr, wenn sie nicht dank der Festspiele besondere Aufmerksamkeit bekommen hätten, sinniert sie. So aber führe ein Projekt die Menschen zusammen, die Feuerwehr engagiere sich und der Pastor. Mancher Gutshof, der in DDR-Zeiten die Post, die Kita und einen Konsum unter seinem Dach vereint habe, werde auf diese Weise zu einem Paradebeispiel für einen Dritten Ort, wo man stolz sein könne, gemeinsam etwas zu bewegen.

„Wir sind ein Festival fürs Volk“, fasst Haselböck zusammen. Was politisch als eine Art von Daseinsvorsorge verortet werden könnte, ist aber keine staatliche Angelegenheit. Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern sind nahezu komplett privat finanziert, eine Organisation mit 20 Festangestellten, sieben Azubis, drei Praktikanten und einer Stelle fürs freiwillige soziale Jahr. Am diesjährigen Etat von 5,6 Millionen Euro beteiligt sich die öffentliche Hand nur mit 16 Prozent, und auch das nicht in Form von regelmäßiger Unterstützung, sondern projektbezogen.
Damit steht der Nordosten vergleichsweise schlecht da. Im Durchschnitt generierten Klassikfestivals 40 Prozent der Einnahmen über öffentliche Zuschüsse, heißt es in der Festivalstudie 2025, die im Auftrag dreier Institutionen des Livemusikgeschäfts in Deutschland erstellt wurde. Die Kassen sind inzwischen überall klamm. So könnte die Finanzierung ganz generell schwieriger werden.
Festspiele suchen Sponsoren
Das Festival fürs Volk braucht also viele Geldgeber, Spender, Sponsoren, Konzertbesucher. Das ist kein Selbstläufer, gerade hier nicht, im Nordosten der Republik. Nur knapp 1,6 Millionen Menschen leben in Mecklenburg-Vorpommern, etwas weniger als in Hamburg, während die Landesfläche mehr als 30-mal so groß ist wie Hamburg – und übrigens auch rund 10 Prozent größer als Hessen.

Mit der Wirtschaftsbrille betrachtet ist Mecklenburg-Vorpommern ein strukturschwaches Gebiet. Hier lebt man nicht von einer starken Industrie, sondern vom Tourismus und der Landwirtschaft. Das Lohnniveau ist niedrig, das Nahverkehrsnetz löchrig, die Zahl der jungen Menschen unterdurchschnittlich. Die Landeshauptstadt Schwerin ist mit knapp 100.000 Einwohnern nach der Statistik nicht einmal eine Großstadt.
Spannung vor Landtagswahlen im September
Das ganze Land ist geprägt von jenen ländlichen Regionen, die ins Visier von Politik und Wissenschaft geraten sind – weil Menschen sich hier vielfach abgehängt fühlen von Impulsen für Wachstum und Beschäftigung, obgleich das Prinzip gleichwertiger Lebensverhältnisse sogar im Grundgesetz verankert ist. Im September werden die Landtagswahlen zeigen, ob sich die Wähler deswegen verstärkt extremen Kandidaten zuwenden.
Intendantin Haselböck hat einen Blick von außen auf die Entwicklung. Sie stammt aus der österreichischen Hauptstadt Wien zugereist, wo klassische Musik ein Teil des kulturellen Selbstverständnisses ist. Für sie sind die Festspiele mehr als ein früher oder späterer Kontakt zur klassischen Musik, sondern ein Mittel der Demokratieförderung: „Kultur ist immer ein Investment in gesellschaftlichen Zusammenhalt, in Grundwerte.“

In der Wirtschaft verfängt dieser Gedanke eines Zusammenhangs nicht überall. „Es geht immer auch um Effizienz. Wir müssen schauen, wo die Mittel eingesetzt werden“, erklärt Nico Fickinger, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Nordmetall. Über viele Jahre hat die Stiftung des Verbands den Festspielen regelmäßig sechsstellige Beträge zur Verfügung gestellt, jetzt hat sie die Mittel stark gekürzt. Nun fließen sie in vermeintlich stärker fokussierte Projekte im Gesellschafts- und Bildungsbereich.
Ministerpräsidentin Manuela Schwesig ist Schirmherrin der Festspiele
Was bleibt, ist das Schloss Hasenwinkel als Austragungsort für das jährliche Kinder- und Familienfest. „Ein richtiges Highlight“, lobt Fickinger die beliebte Veranstaltung. Für das Tagungshaus, das der Nordmetall-Stiftung nach der Wiedervereinigung zugefallen ist, bringt so ein Fest auch Renommee, schon weil Ministerpräsidentin Manuela Schwesig als Schirmherrin der Festspiele regelmäßig mit dabei ist.
Und wenn der nächste Ministerpräsident der Mann von der AfD wäre? Für Ursula Haselböck wäre das fühlbar der GAU. Die Vorstellung, dem AfD-Politiker ein Forum geben zu müssen, schauert sie: Da werde man sich schon überlegen müssen, welchen Förderantrag bei der Landesregierung überhaupt noch stellen könnte, sagt sie. Sie fürchtet, Sponsoren etwa aus Hamburg oder Berlin könnten sich abwenden, wenn Mecklenburg-Vorpommern ein AfD-Land würde. Touristen könnten wegbleiben, die ja auch einen großen Teil der Besucher stellen.

Umgekehrt ist das Thema heikel für die Intendantin: Mit einer Schimpftirade gegen die AfD träfe sie auch einen Teil der Gäste, da macht sich Haselböck nichts vor. Vom Publikum aber sind die Festspiele abhängig. In der laufenden Saison entfallen 53 Prozent der Einnahmen auf die Tickets – jedenfalls laut Plan.
Ursula Haselböck hat in ihrer Heimat Österreich längst mitansehen können, was es für eine Gesellschaft heißt, Rechtspopulisten in der Regierung zu haben. Was sie in Mecklenburg-Vorpommern erwarten würde, hat die Musikmanagerin allerdings nicht erahnen können. Nachdem sie einige Jahre als Dramaturgin am Konzerthaus Berlin tätig gewesen war, hatte sie gerade ihr zweites Kind geboren, als die Festspiele mit Sitz in Schwerin an ihrem beruflichen Horizont auftauchten.
„Dieses Jahr ist es besonders herausfordernd“
Im September 2020, als sie ihre Stelle als Intendantin der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern antrat, hatte sich die Corona-Pandemie mit voller Wucht verbreitet, ein Impfstoff gegen Covid war noch nicht erfunden, selbst FFP2-Masken waren in Deutschland noch Mangelware. Die grundstürzenden Veränderungen, die in den Jahren danach folgten, änderten auch den Job der Musikmanagerin fundamental. „Ich bin für die Kunst geholt worden. Aber tatsächlich entfallen 85 bis 90 Prozent meiner Arbeit auf die Finanzen.“

„Dieses Jahr ist es besonders herausfordernd“, räumt Haselböck ein. Nicht immer ist in den vergangenen Jahren genug Geld geflossen, um die Ausgaben zu decken. Noch sind Rücklagen da. Aber wie schnell sich große Lücken auftun können, hat der Teilrückzug der Nordmetall-Stiftung ihr deutlich vor Augen geführt. Gerade weil Konzerte zwei bis drei Jahre im Voraus geplant werden müssten, bräuchte es eigentlich verlässliche, langfristige Einnahmen. Die Unterstützer aber entschieden immer kurzfristiger.
Beziehungsarbeit nennt die Intendantin ihre Aufgabe. Reden mit allen, die einen Beitrag leisten können zum Gelingen der Festspiele. Auch Kooperieren, wo Unterstützung gebraucht wird. So gesehen wirkt es selbstverständlich, dass Ursula Haselböcks Team die Musiker organisiert hat für die 30-Jahr-Feier von Aida Cruises jüngst in Berlin.
Der Milliardenkonzern aus Rostock ist lange Jahre schon Hauptsponsor. Eine „starke Partnerschaft, die Menschen zusammenbringt und unser Bundesland nachhaltig bereichert“, bescheinigt Aida-PR-Manager Dirk Inger. Das Unternehmen, das für sich in Anspruch nimmt, die Kreuzfahrt demokratisiert zu haben, gehört heute zum amerikanischen Carnival-Konzern. Weil die Geschichte der Aida aber auf die Deutsche Seereederei (DSR) zurückgeht, die seit 1960 mit dem Passagierschiff „Völkerfreundschaft“ auch BRD-Bürger über die Meere schipperte, gehört Aida für viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern zur Identität.

Etwas Vergleichbares gibt es nicht in der kargen Unternehmenslandschaft des deutschen Nordostens. Wäre die florierende Rüstungsindustrie womöglich eine weitere, gute Geldquelle? Völlig undenkbar, hätte Haselböck vor einigen Jahren gesagt. Mittlerweile aber seien die Zeiten andere, räumt sie ein, der Blick auf die nationale Sicherheit habe sich gewandelt. Über einen Sponsor aus dem Verteidigungsgeschäft würde sie aber jedenfalls nicht allein entscheiden, sondern zusammen mit den Gesellschaftern der gemeinnützigen GmbH.
Mercedes-Benz bleibt Mobilitätspartner
Ein paar große Förderer gibt es noch, auf die sich die Festspiele fest verlassen: Mercedes-Benz als Mobilitätspartner für die vielen Transporte quer durchs Land, die Sparkassen mit ihrer Präsenz in jedem Winkel des Landes, der Energieversorger Wemag. Dazu kommen 200 weitere Unternehmen als Geldgeber, von denen die Festival-Mannschaft Dutzende Geschichten erzählen kann, jede ein Unikat, weil oft eine Unternehmerpersönlichkeit mit ihren ganz eigenen Vorstellungen hinter der Förderung steht.
Als die Intendantin davon berichtet, wird sichtbar, dass auch diese Gewissheiten brüchig werden könnten – wegen des demographischen Wandels: Während die alte Garde oft noch durchregiert, sind die Entscheidungskriterien und -strukturen in nachwachsenden Manager-Generationen oft ganz andere. Doch es gibt auch Verbindungen, die über Generationen hinweg halten, wie sich am Pianohaus Kunze aus Schwerin zeigt.
Alles, was Tasten habe, hätten schon die Eltern seit 1992 an die Konzertorte geliefert, berichtet Matthias Kunze und verweist stolz darauf, dass sein Sohn auch schon im Geschäft ist und Spaß an der Sache hat. Gratis ist der Service nicht, das könne er nicht leisten, erklärt der gelernte Klavierbauer, der auch Präsident des Unternehmerverbands Norddeutschland Mecklenburg-Schwerin ist. Aber einen Teil der Einnahmen gebe er als Sponsor regelmäßig zurück an das Festival. Für Matthias Kunze gibt es keinen Zweifel, dass diese Veranstaltungsreihe viel mehr bewirkt als nur ein paar schöne Stunden Musik: „Das ist so wichtig fürs Land. Kunst ist ein Miteinander und nicht ein Gegeneinander.“
Es ist ein erheblicher Kontrast: Für die Aidamar ist der Tag einer wie jeder andere Anlegetage am Kreuzfahrtterminal in Rostock-Warnemünde. Während die einen Passagiere gerade von Bord sind, stehen die anderen schon an zum Check-in. Gleichzeitig werden Vorräte aufgefüllt: 29 Tonnen Obst und Gemüse, vier Tonnen Mehl für frische Backwaren sollten eine Woche reichen. Gleichzeitig ist es ein Tag für Kundenbeziehungen.

Wer bei einem Schiffsrundgang aus dem Staunen nicht mehr heraus kommt, bucht eines Tages auch eine Kreuzfahrt, lautet wohl das Kalkül für dieses Angebot, das über die Aida-Homepage angepriesen wird. Das Kalkül von Festspiel-Intendantin Ursula Haselböck ist ein anderes. Sie hofft, dass sich die Kinder nicht nur an das Schiff erinnern, sondern auch an die Musik – gerade auch jene Kinder, die so etwas noch gar nicht kennen.
Jawoll, sie erwarte auch, dass einige Schüler ihren Eltern vorschlagen, eine „Mäck & Pomm“-Veranstaltung zu besuchen, wie das Festival die besonders familienfreundlichen Angebote nennt. In diesem Jahr finden die Konzerte quer übers Land verteilt an 90 Spielstätten statt, die alle eines gemeinsam haben: sie sind eigentlich keine Konzertsäle, sondern Gutshöfe, Kirchen, Fabriken, Werfthallen. Sogar den Plenarsaal in Schwerin bespielen die Festivalmacher einmal – passenderweise mit Volksmusik, wobei das Volk anschließend zum Singalong auf dem Marktplatz selbst einen Beitrag leisten kann.
