„Staatenlos“ ist für Monique Rothschild nicht nur ein juristischer Begriff, sondern eine Kindheitserfahrung. Sie ist 1940 im besetzten Frankreich geboren und überlebte als jüdisches Kind die Zeit des Nationalsozialismus im Exil. Ihre Eltern hatten die deutsche Staatsangehörigkeit verloren, lange bevor die Familie in den Vereinigten Staaten eine neue bekam. Unter dem Titel „Stateless“ hat sie ihre Erinnerungen und die Geschichte ihrer Familie aufgeschrieben – zunächst nur für einen kleinen Kreis von Freunden und Verwandten rund um den Globus.
Erst beim Schreiben wurde ihr bewusst, wie sehr sie damit in die Fußstapfen ihres Vaters trat, der in Frankfurt als Kulturjournalist für die „Frankfurter Zeitung“, die Vorgängerin der F.A.Z., arbeitete, bevor er aus der Stadt fliehen musste. Nun ist sie im Rahmen eines Besuchsprogramms nach Frankfurt gekommen. Seit 1980 lädt die Stadt NS-Verfolgte, die aus Frankfurt fliehen mussten, oder deren Nachfahren ein.
Ernst Leonard Rothschild, der Vater von Monique Rothschild, wurde 1896 in Frankfurt geboren. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg als Soldat für Deutschland. Später studierte er an der Frankfurter Goethe-Universität, wo er auch Vorlesungen zum Journalismus besuchte.
Ihr Vater schrieb für die „Frankfurter Zeitung“
Als Autor der „Frankfurter Zeitung“ rezensierte er unter anderem ein Buch, in dem Adolf Hitler als schlauer Mann dargestellt wurde. Rothschild widersprach, beschrieb Hitler als jemanden, der zwar Menschen manipulieren könne, aber kein kluger Staatsmann sei. Nach der Veröffentlichung des Artikels stand sein Name auf einer Liste der Nazis. Seine Wohnung wurde nachts überwacht, er wechselte ständig die Unterkunft, bis ihm die Flucht nach Frankreich gelang. So erzählt es heute seine Tochter.

Moniques Mutter Hildegard Freundlich, 1913 in Hamburg geboren, hatte in Frankfurt ein Jahr Philosophie studiert. Während ihres Studiums wurden jüdische Studierende beschimpft, bespuckt und geschlagen. Am 1. April 1933 sagte sie zu ihrem Vater: „Wir müssen gehen.“ Er nannte sie eine Kommunistin, sie floh trotzdem am selben Tag allein nach Paris.
Zufällig verließ auch Ernst Leonard Rothschild genau am selben Tag Frankfurt. Beide studierten an der Goethe-Universität, kannten sich aber nicht. Erst im Exil in Paris begegneten sie einander und gründeten eine Familie. Ihre Tochter Monique wurde 1940 in Frankreich geboren. Kurz darauf begann für ihre Familie eine lange Folge von Flucht, Internierung und Anträgen auf Aufenthaltserlaubnisse.
„Ich wurde erzogen, nicht nachzufragen“
Über all dies schwiegen die Eltern später weitgehend. Monique wuchs in Cincinnati auf, einer Stadt „mit vielen deutschen Wurzeln“. Die Stadt, der Ohio River und die Hügel erinnerte Einwanderer damals an das Rheinland. Zu Hause wurde kaum Deutsch gesprochen. Der Vater wechselte manchmal in die vertraute Sprache, die Mutter weigerte sich, sie überhaupt zu benutzen. Fragen nach Deutschland oder nach der Flucht prallten ab. „Ich wurde erzogen, nicht nachzufragen“, sagt Rothschild heute.

Wenn sie es doch versuchte, sei es gewesen, als ob eine Mauer vor ihren Eltern herunterfalle, mit einem eigenen, nur dafür reservierten Gesichtsausdruck. Deutsche Traditionen wurden nicht gepflegt, obwohl Vater und Großvater im Ersten Weltkrieg für ihr Land gekämpft und sich lange als stolze Deutsche verstanden hatten.
Die Geschichte der Großeltern entdeckte Rothschild erst, als sie selbst schon alt war. Karl und Recha Rothschild flüchteten 1937 und 1938 nach Frankreich. Als Frankreich 1939 an der Seite Englands in den Krieg eintrat, wurden deutsche Männer interniert, auch die jüdischen. Die Großeltern wurden später nach Auschwitz deportiert und ermordet. Lange wusste Monique nicht einmal, ob sie überhaupt von ihrer Geburt erfahren hatten. Erst als sie mit der Historikerin Maggie Zakri die Umzugskartons der Mutter durchging, fand sie zwei Briefe, in denen die Großeltern das Enkelkind erwähnten.
Auf Spurensuche in Frankfurt
Die Zusammenarbeit mit Maggie Zakri wurde zum Ausgangspunkt ihrer Spurensuche. Zakri war noch Geschichtsstudentin, als sie Rothschild kennenlernte. Ihre Masterarbeit schrieb sie über deren Lebensgeschichte. Gemeinsam mit einer deutschen und einer französischen Übersetzerin sortierten die beiden Briefe, Notizen und Dokumente.
Gerade in Frankfurt, in den Straßen rund um die frühere Wohnung und die Universität, verschränken sich für Rothschild die Erzählungen der Eltern mit der heutigen Stadt. Sie besuchten die Goethe-Universität, frühere Adressen, ein Haus in der Kronberger Straße, in dem der Vater als junger Mann lebte. Im vergangenen Sommer stand Rothschild gemeinsam mit ihrem 21 Jahre alten Enkel vor einer Gedenktafel, auf der sie die Namen ihrer Großeltern las. „Es ist schön, jemanden zu haben, an dem man sich festhalten kann, während man in Tränen ausbricht“, sagt sie.

Lange meinte Rothschild, das alles sei vor allem für die eigene Familie wichtig. „Stateless“ schrieb sie für Freunde und Verwandte. Sie verschickte ihr Buch als eine Art erweiterten Familienbrief, nicht als Werk für ein großes Publikum. Nun gibt es Ideen, daraus ein elektronisches Buch zu machen, doch für Rothschild bleibt der Kern: Es ist der Versuch, die Bruchstücke der Familiengeschichte zu bewahren, bevor sie erneut im Schweigen verschwinden. Sie unterstreicht immer wieder: Man solle nichts wegwerfen und alles aufschreiben. Zu Hause hat sie noch alle Notizhefte und Tagebücher, die sie je geschrieben hat. „Manchmal weiß man erst, wie wichtig etwas ist, wenn man erwachsen ist“, sagt sie.
Rothschild hat einen deutschen Pass beantragt
Dass sie nun, mit über 80 Jahren, wieder intensiven Kontakt zu Deutschland sucht, hat auch mit der Gegenwart in ihrer heutigen Heimat zu tun. Gemeinsam mit ihrem Sohn hat sie sich um die deutsche Staatsbürgerschaft beworben. Auch ihre Tante Erika Freundlich und deren Tochter haben entsprechende Anträge gestellt. Für Rothschild bedeutet das nicht, dass sie Deutschland verziehen hätte. Sie beschreibt die Entscheidung als einen „Weg zu mehr Freiheit“ in einer Zeit, in der sie die politische Entwicklung in den Vereinigten Staaten mit Sorge betrachtet. Sie klagt über einen Präsidenten, der Schulen vorschreiben will, welche Bücher sie nutzen und was sie lehren dürfen.
Die deutsche Staatsangehörigkeit sieht Rothschild deshalb auch als Sicherheit, als Möglichkeit, im Notfall einen anderen Ort zu haben. Deutschland sei nicht mehr dasselbe Land wie das, aus dem ihre Eltern vertrieben wurden, sagt sie. Mit ihrer Teilnahme an dem Besuchsprogramm wolle sie zugleich zeigen, „dass ich immer noch da bin, nach allen Versuchen, uns auszulöschen“.
Im Gymnasium Römerhof, wo sie vor Schülerinnen und Schülern spricht, zeigt Rothschild eine Bildpräsentation, die die Stationen ihres Lebens und die Geschichte ihrer Eltern nachzeichnet. Sie erzählt, dass sie als Kind nur wusste, dass ihre Mutter in Hamburg und ihr Vater in Frankfurt geboren sind. Sie habe es lustig gefunden, einen „Hamburger“ und einen „Frankfurter“ als Eltern zu haben. Erst viel später erfuhr sie, dass ihr Vater in Frankreich zur Zwangsarbeit gezwungen wurde. Gegenüber ihr hatte er immer behauptet, er sei französischer Soldat gewesen. Die Schüler fragen, was sie als Kind von der Verfolgung wusste, wie sich ihre Sicht auf Deutschland verändert hat, ob sie sich heute hier sicher fühlt.
„Der einzige Weg ist, darüber zu sprechen“
Beim ersten Besuch in Deutschland sei sie voller Zorn gewesen, erzählt Rothschild. Jeder Mann im passenden Alter erschien ihr als möglicher Nationalsozialist. Sie brauchte mehrere Reisen, bis diese Wut nachließ. Heute, sagt sie, sei sie vor allem traurig – um die Eltern, denen ein gutes, sicheres Leben genommen wurde. Zu den Schülern sagt sie, dass jedes Mal, wenn sie etwas Neues über das Schicksal ihrer Familie erfahre, ein Stück in ihr sterben würde. Sie rede darüber, weil sie die Angst ihrer Eltern weiter in sich trage, aber nicht möchte, dass daraus wieder Schweigen wird.
Am Ende ihrer Begegnungen in Frankfurt formuliert Monique Rothschild eine klare Botschaft. „Der einzige Weg, Antisemitismus zu bekämpfen, ist es, darüber zu sprechen“, sagt sie. Sie fordert die Jugendlichen auf, nicht wegzusehen, wenn sie Ungerechtigkeiten wahrnehmen, sondern aufzustehen und sich zu Wort zu melden. Man solle keine Angst haben, anders zu sein, sagt Rothschild.
