
Die kurze Zeit zwischen dem Ende der French Open und dem Start der Fußball-WM ist genau der richtige Moment, um sich zu fragen, warum im Tennis – von Ausnahmen wie Davis-Cup-Spielen in Brasilien oder den US Open abgesehen – Ruhe im Publikum als Ideal gilt („Silence, s’il vous plaît!“, „Quiet please!“), während im Fußball genau das Gegenteil erwartet wird, Stichwort „Hexenkessel“.
Es gibt dafür allerlei historische Erklärungsversuche, etwa, dass der Tennissport vornehmerer Abkunft sei als der angebliche Proletensport Fußball. Vor allem aber heißt es, dass im Tennis mehr Ruhe zu herrschen habe, weil dort die mentalen Anforderungen so hoch seien. Das ist Quatsch. Denn wäre es so, dann wäre es beim Darts, einem, nun ja, Sport, der mindestens so viel Konzentration erfordert wie das Tennis, kaum so laut wie auf einem Konzert von Manowar.
Die Spieler stöhnen, weil sie die Stille nicht ertragen!
Es dürfte sogar genau andersherum sein: dass die Ruhe die Konzentration stört, weil sie die Spieler so lange in sich hineinhorchen lässt, bis deren innere Stimmen unerträglich werden. Im Roman „Das Kalkwerk“ von Thomas Bernhard ist der Protagonist auf der Suche nach der absoluten Ruhe – diese soll zur größtmöglichen Fokussierung führen, endet aber im Wahnsinn.
So ist es auch auf dem Tennisplatz. Weil die Spieler die Stille nicht ertragen, haben sie das Stöhnen angefangen. Was viele für einen Tick oder eine Unsportlichkeit halten, ist in Wahrheit ein Hilferuf. Ein Tinnitus wird behandelt, indem man ihn mit anderen Geräuschen übertönt – warum gilt das nicht auf den Tennisanlagen dieser Welt?
Wer schon einmal die börsenparkettartige Atmosphäre einer Nachrichtenredaktion kurz vor Andruck erlebt hat, der weiß, was Flow bedeutet, der wird dann auch als Korrespondent nicht mehr in der Lage sein, im stillen Kämmerlein Artikel zu schreiben, der muss ins Borchardt oder ins Schumann’s, um sich dort auf den Klangteppich zu setzen und loszufliegen.
Am stillsten ist es im Auge des Orkans
Es ist kein Wunder, dass gerade der Tennisport immer wieder talentierte Schreiber hervorgebracht hat: Brad Gilbert („Winning Ugly“), Andrea Petković („Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“), Boris Becker („Augenblick, verweile doch …“), Andre Agassi („Open“). Der am besten schreibende ehemalige Tennisspieler dürfte jedoch David Foster Wallace sein.
In seiner Essaysammlung „On Tennis“ erzählt er, dass dort, wo er als Jugendspieler reüssierte, in Illinois, die Plätze windumtost waren. Seine Gegner, oft begabter als er, kamen damit nicht zurecht, weil sie die Stürme nicht umarmten. Er hingegen war irgendwann nicht mehr in der Lage, ohne sie gutes Tennis zu spielen.
Wallace umschreibt damit nur, was wissenschaftlich abgesichert ist und uns Menschen nicht nur auf dem Tennisplatz leiten sollte: Am stillsten ist es nicht in der sogenannten Ruhe vor dem Sturm, nicht dort, wo nichts lebt, wo keiner lacht und keiner schreit, sondern im Auge des Orkans.
