
Ohne intelligente Stromzähler keine erfolgreiche Energiewende, in diesem Punkt sind sich Fachleute und Politiker weitgehend einig. Dennoch hinkt Deutschland bei der Installation solcher sogenannten Smart Meter hinterher. Gerade einmal jeder zwanzigste Haushalt hat einen intelligenten Zähler. Die Europäische Kommission macht deshalb nun Druck. Sie will die EU-Staaten verpflichten, bis Ende 2030 mindestens die Hälfte aller Endkunden mit Smart-Meter-Technik auszustatten. Bis Ende 2033 sollen es 65 Prozent sein.
Das geht aus einem Entwurf für ein neues Elektrifizierungsgesetz hervor, das die Kommission Ende Juli vorlegen will. Der Entwurf liegt der F.A.Z. vor. Prozentzahlen und Daten stehen in dem Papier in Klammern. Sie können sich also noch ändern. Dass die Europäische Kommission Quoten vorschlägt, gilt aber als sicher.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat die Elektrifizierung der Wirtschaft nach dem Ausbruch des Irankriegs oben auf die Agenda gesetzt. Die EU soll ihrer Ansicht nach mehr heimische Energie aus erneuerbaren Quellen und Atomkraft nutzen. Das mache die EU unabhängiger von der Einfuhr fossiler Brennstoffe. „Insgesamt benötigen wir mehr Energie, weil Datenzentren und Künstliche Intelligenz zunehmen“, sagte von der Leyen Ende April im Europaparlament. Ein Kontinent mit begrenzten Reserven müsse daher führend sein in der Elektrifizierung. Von der Leyen hat deshalb auch ein neues Elektrifizierungsziel für die EU angekündigt.
Antwort auf den Irankrieg
Mit Smart Metern können Verbraucher und Industrie den Stromverbrauch besser kontrollieren und von abgestuften Tarifen profitieren. Das gilt auch für das Einspeisen von selbst erzeugtem Strom ins Netz. Sie ermöglichen zudem, Elektroautos oder Wärmepumpen als flexible Speicher in das Stromnetz einzubinden. Voraussetzung dafür ist, das Stromnetz nach dem Ausbau der Erneuerbaren effizient zu steuern und so die Kosten zu senken. Energiekommissar Dan Jørgensen hatte in der vergangenen Woche gesagt, dass schwedische Haushalte mit Elektroheizungen schon heute bis zu 40 Prozent der Kosten sparten, wenn sie die Fernsteuerung des Verbrauchs zuließen.
Deshalb hatte er zugleich kritisiert, dass der Roll-out von Smart Metern in einigen Staaten nicht vorankomme. Er reiche von fünf Prozent der Endkunden in einigen EU-Staaten bis 90 Prozent in anderen. In Deutschland sind nach Angaben der Bundesnetzagentur erst 5,5 Prozent aller privaten Haushalte mit einem intelligenten Stromzähler ausgestattet. Es gehört damit zu den Schlusslichtern in Europa.
77 von insgesamt mehr als 800 Messstellenbetreibern hatten Ende 2025 noch kein einziges Gerät verbaut – obwohl sie eigentlich dazu verpflichtet sind, bestimmte Quoten zu erfüllen. Vorrang genießen dabei Haushalte, die mehr als 6000 Kilowattstunden Strom im Jahr verbrauchen oder eine steuerbare Wärmepumpe oder ein Elektroauto besitzen. 20 Prozent von ihnen sollten eigentlich schon zum Jahresende mit den Geräten ausgestattet sein. Doch vor allem kleine Messstellenbetreiber tun sich mit dem dafür erforderlichen Ausbau ihrer IT-Systeme schwer.
„Deutscher Sonderweg“ und hohe Kosten
Bastian Gierull, Chef des Energieversorgers Octopus Energy Deutschland und Sprecher der Smart-Meter-Initiative, führt den schleppenden Roll-out auch auf die im europäischen Vergleich hohen Kosten für die Hardware (200 bis 220 Euro je Einheit) sowie komplexe technische Vorgaben der Behörden („deutscher Sonderweg“) zurück. In Italien, Spanien, Dänemark, Finnland und Portugal ist schon heute praktisch jeder Haushalt mit einem intelligenten Stromzähler ausgestattet, in Frankreich knapp 95, in Großbritannien rund 70 Prozent.
Unabhängig davon will die Kommission mit dem Gesetz ihr Ziel vorantreiben, dass Strom nicht höher besteuert wird als Erdgas. Die EU-Staaten sollen dafür einen Steuerrahmen schaffen, der die Nutzung von Strom fördert. Zudem will sie untersagen, dass die Steuern auf Strom höher sind als die Steuern auf Gas. Energieintensive Unternehmen sollen darüber hinaus leichter als bisher von ermäßigten Steuersätzen profitieren können. Die Staaten sollen sie ohne weitere Anforderungen auch auf null setzen können, weil die Nutzung von Strom einen Beitrag zum Erreichen der EU-Klimaziele leiste, wie es in dem Entwurf heißt.
Die Vorschläge zu den Steuern sind politisch heikel. Eigentlich gilt in der Steuerpolitik auf europäischer Ebene das Einstimmigkeitsprinzip im Ministerrat. Das macht Reformen extrem schwierig. Die nun vorgeschlagene Änderung der EU-Binnenmarktregeln kann vom Ministerrat hingegen mit qualifizierter Mehrheit beschlossen werden. Auch das Europäische Parlament muss dem Vorschlag zustimmen, damit er in Kraft treten kann.
