Herr Mölling, angesichts der Entwicklungen des Krieges in der Ukraine und der Bedeutung von Drohnen: Braucht Deutschland überhaupt noch ein bemanntes Kampfflugzeug?
Warum sollte es das nicht brauchen? Die Ukraine kauft ja selbst schwedische oder französische Kampfflugzeuge oder bekommt sie geschenkt. Die nimmt sie auch gerne und setzt sie ein. Von daher ist die Ukraine eigentlich das erste Beispiel dafür, dass die Zukunft der Luftfahrt, der Mix zwischen bemannt und unbemannt, sich zwar ändert. Aber das ist weniger spektakulär, als einen Dualismus aufzumachen zwischen Alt und Neu. Tatsächlich kann man sagen, wir werden Kampfflugzeuge weiterhin brauchen, wenn wir sie nicht komplett automatisieren wollen. Das wäre noch zwei, drei Schritte weiter. Aber dann nähmen wir auch den Piloten als Entscheider aus dem Loop heraus.
Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, würde ich das gerne tun. Der Krieg als Überlebenskampf macht es notwendig, dass man technologisch an die Grenzen geht. Dazu gehört auch, im Zweifelsfall Systemen eine Autonomie einzuräumen. Und das haben wir in der Diskussion in Deutschland, die ja irgendwann angehalten hat, als nicht so gut empfunden. Aber ich glaube, mit der Ukraine stellt sich die Frage nach Autonomie sehr viel konkreter. Wir müssen uns überlegen: Wenn das rote Team komplett autonom Krieg führt, was machen wir dann eigentlich?

Aber Autonomie ist ja immer noch etwas anderes, als wenn irgendwo in einem Container noch ein Pilot sitzt und das Gerät steuert.
Na klar. Aber Autonomie heißt, dass das System letztlich im Kampfgebiet allein entscheiden kann und entscheiden muss, weil die Verbindung zum Menschen im Container abgerissen ist. Und ab dann müssen Sie entscheiden: Was mache ich eigentlich? Lasse ich das System das Ziel weiterhin bekämpfen, auch wenn ich das Ziel gar nicht mehr sehen kann und die letzte Entscheidung nicht mehr treffen kann? Oder wie gehe ich denn jetzt weiterhin damit um?
Wäre das jetzt gescheiterte deutsch-französische Kampfflugzeugprojekt FCAS eine gute Lösung gewesen für die kommenden Herausforderungen?
Man muss das FCAS verstehen als einen Blumenstrauß von technologischen Weiterentwicklungen. Man hat damit drei Stränge in Angriff genommen: das Kampfflugzeug, die sogenannten Unmanned Systems – das Flugzeug begleitende Drohnen – und vor allen Dingen die Combat Cloud, also das digitale Rückgrat. In allen drei Bereichen müssen wir Fortschritte machen. Von daher ist es sinnvoll, dass die Bundesregierung die beiden anderen Projektstränge neben dem Flugzeug weiter betreiben will. Der militärische Bedarf ist ja weiterhin da. Die digitale Combat Cloud muss ja auch domänenübergreifend, also auf dem Land, in der Luft und auf See, funktionieren. Gerade im Bereich der Digitalisierung sind wir ja immer noch Merkels Neuland, wenn man so will.
Kann Deutschland das Flugzeug eigentlich allein entwickeln, oder braucht es jetzt andere Projektpartner?
Technisch könnte Airbus das vielleicht. Politisch ist es wahrscheinlich sehr unklug, das zu machen. Es gibt bei Rüstungsprojekten die Tendenz, dass Deutschland stärker ins Zentrum der Produktion rückt. Und das triggert, jenseits der konkreten Projekte wie FCAS, sowohl Paris als auch andere Länder wie Polen ganz besonders. Deswegen ist es sinnvoll, das politisch einzufangen und sie industriell zu beteiligen.
Ist es überhaupt noch realistisch zu sagen, bis 2045 könnte so ein Flugzeug entwickelt sein?
Ich glaube, das hängt davon ab, ob sie bereit sind, abzuschichten bei den Ambitionen. Die Idee, nach einem Kampfflugzeug der vierten Generation jetzt eines der sechsten Generation zu entwickeln und dabei einen Entwicklungsschritt zu überspringen, war, und ist immer noch, eine Wette. Gerade wenn Sie sich die Amerikaner anschauen, die die vierte Generation gebaut haben, dann die fünfte Generation und jetzt in die sechste gehen können, wie viel Forschungs- und Entwicklungsgeld da reingeflossen ist, dann ist wirklich die Frage, ob das möglich ist. Ich denke, dass man am Ende sagen wird: Das Flugzeug muss gut genug sein, wir brauchen einen Nachfolger für den Eurofighter und auch einen Ausstiegsweg aus der F35. Das ist im Grunde genommen die Aufgabe, die das FCAS haben kann und haben wird.
Hat Sie das Scheitern von FCAS überrascht?
Nein, leider schon lange nicht mehr. Das Problem aus meiner Sicht an solchen Projekten ist, wenn sie nicht aktiv permanent politisch vorangetrieben werden, dann werden sie von anderen übernommen oder getötet. Sie haben überall in den Hauptstädten nationale Heckenschützen, die das Projekt nicht wollen, die glauben, dass es besser ist, wenn man es allein macht. Das ist der Klassiker bei solchen Rüstungsprojekten, das ist nie nur eine deutsch-französische Problematik. Solche Projekte sterben dann manchmal auf der Landstraße, manchmal sehr laut.
