
Als 1969 Gordon Woods Buch „The Creation of the American Republic“ herauskam, stellte ein Historikerkollege an den Schluss seiner Besprechung in einer Fachzeitschrift einen Appell ans Lesevolk: Jedermann solle „ein Exemplar erbetteln, ausleihen oder stehlen, sich (reichlich) Zeit für die Beschäftigung mit ihm nehmen – und lesen“. Das aus der in Harvard eingereichten Doktorarbeit des Autors hervorgegangene Buch ist 650 Seiten dick, verlangt also in der Tat eine große Lesezeitinvestition. Der Rezensent wollte aber natürlich nicht sagen, dass der gewichtige Lesestoff nicht auch sein Geld wert sei. Indem er spaßeshalber mehr oder weniger unkonventionelle, jedenfalls kostenlose Erwerbsmethoden empfahl, nahm er ein Leitmotiv von Woods Forschungen auf, das in seinen späteren Werken noch deutlicher hervortrat. Anders gesagt: Er ließ sich von der Stimmung und Richtung der Erzählung mitreißen.
Die Erschaffung der amerikanischen Republik geschah zwischen 1776 und 1787. Sie begann mit der Unabhängigkeitserklärung der dreizehn Kolonien und endete mit der Verfassung der Vereinigten Staaten. Woods Buch ist im Kern ein Werk der Ideengeschichte und fördert wie alle Meisterwerke dieser gelehrten Spezialdisziplin durch Detailarbeit überraschende Erkenntnisse über ironische Wendungen im Schicksal von Geschriebenem an den Tag. Als die nordamerikanischen Untertanen Georgs III. die britische Herrschaft abschüttelten, beriefen sie sich auf Theorien, die auch im Mutterland beliebt gewesen waren, hauptsächlich allerdings bei Oppositionspolitikern. Mit diesen republikanischen Ideen musste nun Staat gemacht werden, und dazu waren in Amerika zwei Versuche erforderlich (oder sogar drei, wenn man den Amerikanischen Bürgerkrieg der Jahre 1861 bis 1865 mitzählt).
Die Verfassungsväter klauten bei den Einzelstaaten
Den 1776 errichteten nationalen Institutionen ging die Durchsetzungskraft gegenüber den Einzelstaaten ab, weshalb mit der Verfassung eine starke Bundesstaatsgewalt geschaffen wurde. Eine von Woods ironischen Pointen ist die These, dass sich die Verfassungsväter von Philadelphia bei den Verfassungen der Einzelstaaten bedienten. Sie ordneten das Verhältnis von Zentrale und Mitgliedsstaaten hierarchisch, richten ihr Regelwerk aber am fundamentalen Prinzip der Gleichheit der Bürger aus.
In der amerikanischen Geschichtswissenschaft war die Wirkungskraft politischer Ideen während der ersten zwei Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts gering veranschlagt worden. Linke Sozialhistoriker taten sie als Fassade ab, und regierungsfreundliche Politikhistoriker, die den nationalen „Konsens“ beschworen, stimmten mit dieser zynischen Sicht im Grunde überein. Für die Revolutionszeit änderte sich alles mit Woods Doktorvater Bernard Bailyn, dessen Buch „The Ideological Origins of the American Revolution“ 1967 erschien, nur zwei Jahre vor „The Creation of the American Republic“. Über die Leser englischer antimonarchischer Traktate, die in Amerika Revolution machten, kann man im Sinne von Bailyn und Wood sagen: Sie wussten, was sie taten, aber sie wussten nicht, was sie anrichteten, oder besser (denn Bailyn und Wood schrieben nicht von einem konterrevolutionären Standpunkt aus), sie wussten nicht, was sie auslösten.
Dem Missverständnis, er habe mit dem Hinweis auf ungewollte Folgen das Revolutionäre kleinreden wollen, trat Wood in seinem zweiten zum Klassiker gewordenen Buch, das ihm 1993 den Pulitzer-Preis eintrug, schon mit dem Titel entgegen: „The Radicalism of the American Revolution“. Diesen Radikalismus sah Wood darin, dass sich die ungeplanten Konsequenzen der republikanischen Idee nicht auf Erfindungen in der Staatsorganisation beschränkten. Mit dem Wechsel des Prinzips der politischen Legitimität veränderte sich ein für alle Mal das ganze Land. In einer Gesellschaft der Gleichen werden die Umgangsformen robuster und direkter. Man stürzte sich in den Austausch von Ideen, Waren und Dienstleistungen, aber das egalitäre Versprechen der Tauschgesellschaft wurde vom Markt allein nicht erfüllt. Diesen Geist erfasste der Rezensent von 1969 mit dem Witz, dass für die Beschaffung des Buches von Wood jedes Mittel recht sein müsse.
Die Gründerväter schufen eine Welt, die sie nicht mehr verstanden. Bei Woods Kollegen genoss der Emeritus der Brown University auch deshalb eine fast schon unrepublikanische Verehrung, weil er die Melancholie von Jefferson, Adams und Madison vergegenwärtigte, ohne sich in seiner optimistischen Einschätzung der langfristigen Aussichten des nationalen Projekts beirren zu lassen. Er lobte den verfassungspatriotischen Trotz, der James Madison im britisch-amerikanischen Krieg von 1812 davon absehen ließ, die Chance einer Ausweitung der Präsidentenmacht zu nutzen. Den zweihundertfünfzigsten Republikgeburtstag wird Gordon Wood nun nicht mehr miterleben. Am Montag ist er im Alter von 92 Jahren in Providence gestorben.
