Sie treten bei der Fußball-WM als Kommentator an, und Sie haben gerade das neue Nahrungsergänzungsmittel „superum essentials“ mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Pflanzenstoffen vorgestellt. Das soll, schätze ich, auf ein längeres, gesundes Leben einzahlen. Wie alt werden die Menschen in Ihrer Familie?
Meine Großeltern so 85 bis 90. Ich glaube eher, dass die Zwischengeneration ein Problem hat, also die in den Fünfziger-, Sechziger, Siebzigerjahren groß geworden sind. Denn unsere Großeltern haben noch regionale Küche genossen und waren viel in Bewegung – nicht weil sie viel im Fitnessstudio waren, sondern weil ihr Leben der Bewegung bedurfte. Aber in den Achtzigern wurde das Leben bequemer, und es wurde mehr konsumiert, mehr gefeiert. Diese Generation muss aktiv gegensteuern, weil das aktive Bewegen abgenommen hat. Die medizinischen Möglichkeiten sind besser geworden. Deshalb kann man das Leben oftmals mit Medikamenten verlängern. Aber wir bekämpfen da eher die Symptome.
Wir Deutsche haben ja die geringste Lebenserwartung von allen Westeuropäern.
Da sieht man, dass es Nachholbedarf gibt!
Seit wann ist für Sie klar, dass Sie etwas tun müssen?
Ende 20, Anfang 30. Ich habe gemerkt, ich will nun mehr für meine Gesundheit machen. Sobald du die magische 30 erreichst, bist du nicht mehr der Jungspund. Ich bin ein sehr logisch denkender Mensch. Emotional bin ich nur auf dem Platz. Du willst dich selbst proaktiv unterstützen, um deine Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und auf Topniveau zu bleiben. Da gab es um mich herum Spieler wie Robert Lewandowski. Der war da schon ein Vorreiter – und habe gespürt, dass es mir hilft. Das bedeutet einen gewissen Aufwand, den ich bewusst in Kauf nehme.
Wie kann man sich das praktisch vorstellen?
Ich würde bei allen Themen das Gas rausnehmen. Wenig Schlafen ist nicht gut, aber das ist kein Weltuntergang. Wichtig ist, dass man es an dem Tag, an dem man es sich einrichten kann, sagt: Okay – das ist meine Basis. Es geht darum, dass die Basis sinnvoll sein soll. Und alle Ausreißer nach unten oder nach oben sind okay. Wichtig ist, dass du die Grundlage gelegt hast. Ich achte jetzt nicht darauf, kein „ich darf nicht“ und „ich muss“ – eher ich will’s. Fange einfach mit den kleinen Sachen an wie Kaffee und Kuchen. Da trinken die Leute einen Kaffee, hauen da noch den Zucker rein und essen dazu ein Stück Kuchen. Das war auch mein Ritual früher. Nun lass ich eben den Zucker im Kaffee weg, wenn ich eh schon ein süßes Stück Kuchen dazu esse. Schon diese kleinen Anpassungen zeigen viel Wirkung. Man kann sich auch über die Zubereitungsart von Gerichten informieren. Es gibt Kartoffelsalat und Kartoffelsalat. Einer mit viel Mayonnaise, der andere hat etwas Leichtes – das macht schon mal 200 Kalorien Unterschied.
Ich gehe zwischen halb elf und halb zwölf ins Bett, stehe – je nach Programm – tendenziell um acht Uhr auf. In der Früh trinke ich nach dem Aufwachen einen halben Liter Wasser. Nicht weil ich Durst habe, sondern weil das zur Morgenroutine gehört. So habe ich schon mal meinen Körper mit Flüssigkeit versorgt. Und manchmal gibt es Zitronensaft ins Wasser.
Zum Frühstück gibt es bei Ihnen Walnüsse und vier Löffel Olivenöl.
Es kommt darauf an, ob ich ein Spiel habe oder frei. Wenn ich frei habe, lasse ich die Kohlenhydrate eher weg. Rührei esse ich oft, gerne auch viel Obst, besonders Beeren, wenig Zucker, viele Antioxidantien. Dann lebe ich in den Tag hinein. Mittagessen gibt’s in der Regel bei den Vancouver Whitecaps mit einem reichhaltigen Buffet, damit ich meine Speicher wieder auffüllen kann. Wenn ich allerdings abends mit Freunden weggehe, gibt es auch mal Pizza, von der ich weiß, dass da nicht viel drin ist, außer ein bisschen Energie und guter Geschmack. Ich habe da kein schlechtes Gewissen .
Warum machen Sie kein Krafttraining – so wie Robert Lewandowski?
Als Fußballer ist ein kräftiger Oberkörper nicht so wichtig. Da zählt eher Agilität, schnelle Wendungen. Du musst stabil sein. Oft, wenn ich viel Krafttraining gemacht habe, wurde der Rücken etwas fester. Der Rücken ist bei mir die Achillesferse. Ich muss darauf achten, dass der Rücken schön beweglich und locker bleibt. Wenn ich hohe Spielbelastung habe und dazu noch den Oberkörper klassisch trainiere, dann war’s bei mir eher kontraproduktiv im Vergleich zu den vermeintlichen Vorteilen, die ich auf dem Platz davon haben soll.

Ist der Kommentatorenjob schon die Vorbereitung der Nach-Fußball-Ära, und wer übernimmt in der Nationalmannschaft die Rolle von Radio Müller?
Jo Kimmich als Kapitän ist immer auf Sendung. Jeder führt auf seine Art und Weise. Er hat einen brutalen Ehrgeiz und den Anspruch in jeder Trainingseinheit. Der sagt auch einmal unangenehme Dinge. Der ist sicher aktuell im Lead. Damit die ganz besonderen Spieler wie Florian Wirtz und Jamal Musiala mal frei sein können. Die willst du nicht mit so Teams-Zeug belasten. Du willst als Kapitän deine Freigeister nicht belasten. Dafür sind andere Spieler da. David Raum etwa – der ist in Leipzig Kapitän, Jonathan Tah, Nico Schlotterbeck. Bei uns sind die Leitwölfe eher in der Defensive, die auch in ihren Vereinen ihre Führungsrollen haben. Dazu Manuel Neuer hinten drin. Ich würde mal sagen: Der gesamte Defensivblock ist sehr führungsbewusst.
Na ja, im Spiel gegen die USA hat die Defensive aber dem amerikanischen Torschützen viel Platz gelassen.
Das ist eben Fußball. Das eine ist der Sport, und das andere ist Menschenführung.
Ist Ihr Job bei Magenta TV der Einstieg in Ihre Karriere nach der aktiven Zeit als Fußballer?
Es ist nicht so, dass ich das bewusst gewählt habe und testen muss. Es hat sich einfach die Möglichkeit ergeben, dass ich für Magenta arbeiten darf bei der WM. Und bei einer WM dabei sein, nah dran sein – das fühlt sich für mich gut an. Deswegen freue ich mich auf diese spannende Aufgabe. Das ist aber nicht strategisch gewählt. Ich kann Ihnen dann im Nachgang berichten, wie es sich angefühlt hat.
Worauf freuen Sie sich besonders?
Beim Auftaktspiel knistert es besonders. Wie starten wir da rein? Und dann gibt es im weiteren Verlauf K.-o.-Spiele, bei denen du gern dabei bist. Du willst die Top-Mannschaften auch gerne sehen. Gleichzeitig sind da die Exoten. Wie sieht der Fußball in diesen Ländern aus? Haben sie Spieler dabei, die positiv überraschen?
Haben Sie Lieblingskommentatoren?
Ich fand Gerhard Delling und Günter Netzer immer witzig. Dieser besondere Humor zwischen den beiden, gepaart mit der Ernsthaftigkeit des Günter Netzer. Das war die Zeit, in der ich viel deutsche Nationalmannschaft im Fernsehen verfolgt habe.
Auch ein Kommentatoren-Trainingslager für den neuen Job besucht?
Natürlich habe ich mich darauf vorbereitet. Mit dem Magenta-Team und im Austausch mit Johannes B. Kerner. Er begleitet mich die meiste Zeit als Moderator und hält viele Tipps und Tricks für einen Novizen wie mich parat. Die Kamera ist für mich natürlich nicht neu. Aber ich muss mich in ein Sendungskonzept integrieren. Da sind manchmal andere Dinge gefragt. Darüber hinaus ist Jürgen Klopp beim Eröffnungsspiel und Finale als erfahrenen Partner an meiner Seite. Der hat das ja schon damals fürs ZDF gemacht
Wären Sie mal gerne von Klopp trainiert worden?
Neugierig wäre ich schon gewesen, wie es ist, unter ihm zu spielen.
Wie stehen Sie zur politischen Situation in den USA unter Trump zur WM?
Grundsätzlich bin ich schon politisch interessiert. Ich kriege durch diverse Medien viel mit, bin aber inhaltlich im Detail zu schwach auf der Brust, um die Zusammenhänge so zu verstehen, dass ich mir eine klare Meinung bilden kann, die ich dann auch nach außen vertreten wollte.
Auf welchem Level sehen Sie die aktuelle Nationalmannschaft?
Da ist vielleicht eine Parallele zu 2010. Diese Mannschaft ist nicht gemeinsam gereift. Ihr gemeinsamer Weg beginnt gerade erst. Die Spieler selbst sind auf dem Weg. 2014 hatte sich schon ein Kern etabliert. Damals hatte Sami Khedira frisch die Champions League gewonnen. Jetzt hast du viele talentierte Spieler wie Musiala oder Wirtz, die noch auf dem Weg sind. Es schreit für mich nicht nach: Das Finale ist gebucht. Mein Favorit bleibt erst mal Spanien.
Gibt es Stolpersteine in der Vorrunde, und gibt es einen echten Teamspirit?
Ich sehe keine Stolpersteine. Wir sollten den Anspruch haben, das zu gewinnen. In diesem Turniermodus gibt dir die Vorrunde die Möglichkeit, als Mannschaft gut reinzufinden. Wir müssen den Anspruch haben, weiterzukommen. Als Experte werde ich – dafür bin ich bekannt – immer die Wahrheit sagen. Der Teamgeist wird für mich viel zu sehr darauf reduziert, wie man sich untereinander versteht. Für mich ist wichtig, dass man sich respektiert, dass die Disziplin im Team da ist, dass jeder auch einen emotionalen Spielraum hat, dass es in den sechs Wochen auch etwas knirschen darf – und das okay ist. Jeder bringt absolute Leitungsbereitschaft mit. Das sehe ich. Deswegen sind die Spieler dort. Sie müssen als Mannschaft harmonisch auf- und eingestellt sein. Der Rest ist Zufall. Spiel mal einen langen Ball in eine Traube von 15 Spielern rein. Wo der Ball hinfällt, wer ihn auf den Fuß bekommt – das kannst Du nicht kontrollieren.
