
Die sogenannten Abnehmspritzen sind beliebt. Doch die GLP-1-Agonisten haben ein Problem: Sie sorgen nicht nur dafür, dass die Fettpolster dünner werden, sondern verringern auch die Muskelmasse. Immerhin 25 bis 40 Prozent des Gewichtsverlustes gehen auf den Abbau der fettfreien Körpermasse zurück. Experten warnen deshalb davor, dass Menschen, die mithilfe der Abnehmspritze abnehmen, das Mittel dann absetzen und daraufhin wieder zunehmen, am Ende schlechter dastehen als zuvor: Nehmen sie nach der Therapie wieder an Gewicht zu (Studien zufolge ist dieser Jo-Jo-Effekt normal), dann ist das Verhältnis von Muskeln und Fett schlechter als vor Beginn der Therapie. Menschen, die mithilfe der Abnehmspritze an Gewicht verlieren wollen, sollten deshalb – sofern es möglich ist – unbedingt Sport treiben.
Deshalb suchen Wissenschaftler nach Wegen, den Abbau der Muskelmasse zu verhindern oder zumindest zu verringern. Nun präsentiert ein Team um Richard E. Pratley in „Nature Medicine“ Daten aus einer doppelt verblindeten Phase-2-Studie, bei der 102 übergewichtigen Menschen der Antikörper Apitegromab oder ein Placebo während einer Therapie mit dem Wirkstoff Tirzepatid (Handelsname Mounjaro) gegeben wurde.
Nur halb so viel Muskelverlust
Das Ergebnis ist vielversprechend: Der Abbau der sogenannten Magermasse (also der Körpermasse ohne das Gewicht des Fetts) war bei Probanden, die den Antikörper bekamen, weniger stark als bei denen, die Apitegromab nicht erhielten. Der Antikörper wirkt, indem er Myostatine hemmt. Diese Substanzen sorgen normalerweise dafür, dass ein Muskel nicht immer weiter wächst, sondern nur so viel, wie benötigt wird. Werden nun durch den Verlust des Appetits durch Tirzepatid weniger Proteine aufgenommen, so bleibt der Muskel nicht stabil, sondern baut ab. Umso mehr, wenn Myostatine wirken. Werden diese durch den Antikörper blockiert, stoppt auch der Abbau der Muskeln.
Nach 24 Wochen hatten die Probanden im Durchschnitt 1,6 Kilogramm Magermasse verloren (14,6 Prozent des gesamten Gewichts), die Placebo-Gruppe hingegen mehr als doppelt so viel, nämlich 3,5 Kilogramm (30,2 Prozent). Der gesamte Gewichtsverlust war in beiden Gruppen etwa gleich (11,2 Kilogramm versus 12,5 Kilogramm). Die Körperzusammensetzung blieb laut Studienautoren auch zwei Monate nach dem Ende der Therapie bestehen. Die Probanden, die zusätzlich zur Abnehmspritze auch den Antikörper erhalten hatten, hatten etwas häufiger Nebenwirkungen.
Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg vom Universitätsklinikum Tübingen sagte gegenüber dem Science Media Center: „Dies stellt einen wichtigen Schritt zur Erhaltung der Muskelmasse während medikamentös induzierter Gewichtsreduktion dar.“ Man müsse in größeren Studien nun überprüfen, ob die Nebenwirkungen Fatigue und Kopfschmerzen wirklich nur unerheblich schwerer ausfallen als bei Tirzepatid-Gabe allein. Zudem sei nicht klar, ob die Apitegromab-Gruppe möglichweise während der Studie mehr Sport getrieben habe als die Placebo-Gruppe.
Henning Tim Langer von der Beliner Charité, der zum Thema Muskelschwund forscht, sieht die Studie ähnlich positiv. „Durch den gesteigerten Erhalt von Magermasse bei gleichem Gewichtsverlust erhöht sich bei Kombinationstherapien mit den Inhibitoren die Gesamtmenge an verlorenem Körperfett in PatientInnen. Das stellt im Sinne der Behandlung von Adipositas eine deutliche Verbesserung dar.“ Er räumt einer Antikörper-Abnehmspritzen-Kombination gute Chancen auf Zulassung durch die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel (FDA) im Rahmen der Indikation Adipositas ein. „Prinzipiell sollte die größere Reduktion des Körperfetts auch mit einer Verbesserung kardiometabolischer Parameter und Marker einhergehen. Ob das allerdings tatsächlich auch der Fall sein wird, ist aktuell noch völlig unklar.“
Proteine, Sport und Verhaltenstherapie sind sicher
Internist und Ernährungsmediziner Haiko Schlögel vom Uniklinikum Leipzig betont, dass Stoffe, die den Abbau der Muskelmasse verhindern, auch vor dem Hintergrund neuerer Studiendaten sehr relevant werden. Innerhalb des ersten Jahres sei die Abbruchrate der Therapie mit Abnehmspritzen hoch, sie liege bei circa 50 Prozent. Es folge meist ein Rebound mit Gewichtswiederzunahme. „Das wieder zugenommene Gewicht ist dann allerdings Fettgewebe, und der Patient oder die Patientin liegt dann eine Weile nach Therapieabbruch wieder bei dem gleichen Körpergewicht, jetzt allerdings mit weniger Muskelmasse. Der sinnvollste Therapieansatz, um Gewicht ohne Muskelmasse zu verlieren, ist weiterhin die konservative multimodale Therapie: ein Programm aus Ernährungstherapie mit ausreichend Proteinzufuhr, Sport und Verhaltenstherapie.“
Sollte der Antikörper als Begleittherapie zu Tirzepatid zugelassen werden, sei er vor allem für Menschen mit Übergewicht „eine gute therapeutische Option, die eine Tirzepatid-Therapie nicht wie empfohlen mit einer Sport- und Ernährungstherapie kombinieren können“. Allerdings müsse zunächst noch in einer großen Phase-III-Studie gezeigt werden, dass das Medikament auch langfristig zu besseren Outcomes als eine Tirzepatid-Monotherapie führt. „Hier wird man sich natürlich das kardiovaskuläre Outcome, aber auch die Muskelfunktion als Outcome anschauen.“
Apitegromab ist der zweite getestete Antikörper, der das Problem der abnehmenden Magermasse während der Therapie mit einer Abnehmspritze in Angriff nimmt. Ein anderer Antikörper ist Bimagrumab. Er wurde bereits in Kombination mit einer Abnehmspritze (in dem Fall war es Semaglutid, bekannt als Ozempic oder Wegowy) getestet und zeigte in einer Phase-II-Studie ähnlich vielversprechende Ergebnisse.
