
Die vom Kreml in den vergangenen Wochen aufgebaute Drohkulisse ließ die Wahl in Armenien wie eine Entscheidung zwischen Russland und dem Westen aussehen. Das eigentliche Thema in Armenien selbst war aber ein anderes: Die Wahl war eine Abstimmung über den von der Regierung eingeschlagenen Weg zu einem Friedensabkommen mit Aserbaidschan. Armenien hat die Verhandlungen darüber nach zwei verlorenen Kriegen 2020 und 2023 aus einer Position der Schwäche geführt.
Die Wunden der armenischen Gesellschaft
Die nur zweieinhalb Jahre zurückliegende Flucht der gesamten armenischen Bevölkerung aus Nagornyj Karabach vor aserbaidschanischen Truppen ist eine offene Wunde im Bewusstsein einer Nation, deren Identität in starkem Maße durch den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915 geprägt ist. Gleichzeitig lässt das aserbaidschanische Regime die Armenier mit kleinen Drohgebärden regelmäßig spüren, wie verwundbar sie sind.
Die Armenier haben vor diesem Hintergrund zwar für die Friedenspolitik des Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan gestimmt, aber sie haben ihn nicht mit einer so großen Mehrheit ausgestattet, wie sie nötig wäre, um Aserbaidschans Forderung nach einer Änderung der armenischen Verfassung zu erfüllen. Wenn die Beendigung des mehr als drei Jahrzehnte währenden Konflikts nun nicht ganz im Belieben des Machthabers in Aserbaidschan liegen soll, ist viel diplomatisches Engagement der EU und der Vereinigten Staaten nötig.
Das Votum für Paschinjan und seinen Westkurs ist ein Ausdruck der Hoffnung genau darauf, dass es kommt. Von Russland erwarten die Armenier keine große Hilfe mehr – auch das zeigt der Ausgang der Wahl.
