Dass ausgerechnet die offiziellen Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit ohne die angemessene Musik stattfinden würden, hätte man sich bis vor wenigen Jahren nicht träumen lassen, aber nun sieht es so aus: Denn der Rest vom Fest, das unter Donald Trumps Kuratel demnächst auf der Washingtoner Mall, also an der repräsentativsten Stelle der Vereinigten Staaten stattfinden soll, ist ziemlich kläglich.
Erst hatten, mit Verlaub, für die „Freedom 250 Concerts“ schon nur eher unbekannte oder etwas abgehalfterte Musiker zugesagt, dann von diesen auch noch immer mehr abgesagt, darunter auch kurioserweise „die überlebende Hälfte von Milli Vanilli“, also der Sänger Fab Morvan, der bekanntlich nicht so viel gesungen hat, sondern sich zum Playback bewegte, wie vor Jahrzehnten ans Licht kam. Das machte das von Trump als „greatest rally ever“ angekündigte Event zum Gespött der Satiremagazine – wobei hier ja eigentlich mal wieder, mit Philip Roth gesprochen, die Wirklichkeit alle Satire übertrifft.
„The Greatest Music Ever Played“?
Und dann setzte Donald Trump sogar noch einen drauf, in dem er nach diversen Absagen eingeschnappt mitteilte, nun würden die Konzerte auf der Mall ganz ausfallen. Er selbst ziehe ja ohnehin mehr Publikum an als Elvis zu seinen erfolgreichsten Zeiten und werde die Party dann eben allein schmeißen. Die vorher gebuchten Musiker schmähte Trump plötzlich als talentlos und überbezahlt: „We’ve told them all to stay home. All we want is you, me, a few speakers, and the Greatest Music ever played, the same Music you have listened to for years!“ Aber, fragte man sich, was sollte das denn jetzt noch für Musik sein, die alle Amerikaner angeblich seit Jahren hören?
Offenbar jedenfalls immer irgendwas mit Vanille: Wenn es dabei bleibt, wird am 4. Juli in Washington noch der fast vergessene Rapper Vanilla Ice auftreten, außerdem der Rapper Flo Rida und der Countrysänger Lee Greenwood, während der Tenor Christopher Macchio laut Trump „Nessun Dorma, Hallelujah, Ave Maria, God Bless America and others“ mit seinem „operatic timbre“ zum Besten geben wird, das jenem von Luciano Pavarotti gleichkomme. Nichts gegen die Musiker oder die genannten Musikstücke an sich; aber um zu ermessen, was für ein Abstieg das beim gegebenen Anlass ist, darf man vielleicht einmal daran erinnern, wie viel würdiger, kreativer und mitreißender Trumps Vorgänger Jimmy Carter rund um das zweihundertjährige Jubiläum der Vereinigten Staaten die Musik als deren zentralen Bestandteil ausstellen und feiern ließ.
Jazzy Jimmys Vermächtnis
Carter hatte der Popmusik schon in seinem Wahlkampf 1976 eine Schlüsselrolle zugedacht. Aber während insbesondere seine Unterstützung durch die Südstaaten-Rockband der Allman Brothers auch kritisch gesehen und ihm als Opportunismus ausgelegt wurde (er selbst hat später einmal gesagt, die Allmans hätten ihn wahrscheinlich ins Weiße Haus befördert), hat er dann während seiner Amtszeit bewiesen, wie ernst ihm die Verbindung von Politik und Musik war – und damit Historisches geleistet.
Ein Gedenkartikel der „White House Historical Association“ erinnert daran, dass Carter nicht nur in seinen mitreißenden Reden Geschichte und Populärkultur fruchtbar miteinander verbunden hat, wenn er sich etwa rhetorisch auf Bob Dylan stützte: Amerika sei eine Nation, die „damit beschäftigt ist, geboren zu werden, nicht zu sterben“. Sondern erst recht habe Carter durch zahlreiche Konzerte im Weißen Haus zwischen Country, Jazz, Blues, Klassik und Gospel dafür gesorgt, die amerikanischen Bürger wirklich zusammenzubringen. Carter habe in der Musik eine moralische Kraft gesehen, die Amerika nach einer Zeit der Unruhen, Spaltungen und Skandale wieder heilen könne.
Bei seiner Inauguration 1977 traten Aretha Franklin und Paul Simon auf, aber eines der historisch bedeutendsten musikalischen Ereignisse vielleicht in der Gesamtgeschichte der USA war 1978 das White House Jazz Festival, das auf dem Rasen vor dem Gebäude Spitzenmusiker wie Dizzy Gillespie, Eubie Blake und Ornette Coleman zusammenbrachte. Carter wies dort in einer Ansprache ausdrücklich darauf hin, dass der Jazz in Amerika lange nicht genug gewürdigt worden sei, weder als Kunstform noch in seiner verbindenden Kraft, die Rassismus zu überwinden helfen könne. Das Konzert kulminierte darin, dass „Jazzy Jimmy“ beim Auftritt von Gillespie mit diesem zusammen dessen Hit „Salt Peanuts“ sang und dem im Rollstuhl sitzenden Charles Mingus die Hand schüttelte. „Let us live and work and play and make beautiful music together“: Wie fern scheint Carters Appell von heute. Wenn man sich Ausschnitte aus dem Konzert anschaut, können einem die Tränen kommen.
Die Musik, die Amerika formte
Wird das aktuelle amerikanische Gedenkjahr nun also ohne passende Musik auskommen müssen? Nein, und dafür hat natürlich wieder mal einer gesorgt, der inzwischen von vielen als einer der eigentlichen Staatsträger der USA gesehen wird: Bruce Springsteen. In weiser Voraussicht hat er mit anderen organisiert, was man durchaus als Gegenkonzerte bezeichnen kann, und zwar „kuratiert“ und „celebrating America’s 250th Birthday“ unter dem Titel „The Songs that Shaped Us“. Wenn man liest und sieht, wer dort alles auftrat und wer musikalisch gewürdigt wurde, wird sofort deutlich, was Trump fehlt: Auf der Bühne standen neben Springsteen etwa Rosanne Cash, Keb’ Mo’, Sheryl Crow, Jon Bon Jovi, Darlene Love und Jackson Browne, gespielt wurden Songs von Robert Johnson, Hank Williams und Woody Guthrie, Elvis Presley, Chuck Berry, Bob Dylan, Dion DiMucci und Public Enemy.
Die Konzerte dienten zudem der Eröffnung einer Stätte der noch dauerhafteren Würdigung amerikanischer Musik: nämlich des Bruce Springsteen Center for American Music, der auf dem Campus der Monmouth University in Long Branch, New Jersey, künftig Ausstellungen, Konzerte, Vorträge und Kurse bieten wird. Er wird kuratiert von Bob Santelli, der mehrere Bücher über amerikanische Musik veröffentlicht und zuvor als Kurator an der Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland gewirkt hat, und geleitet von Eileen Chapman, die unter anderen für die Grundausstellung über Bruce Springsteen und seine E-Street Band verantwortlich ist. Gleich zu Beginn des Centers stand, nur zum Beispiel, auch ein Konzert über die „Native American Music Experience“. Während in Washington, wie vielfach berichtet, die Museen der Smithsonian Institution unter politischen Druck geraten und nach fragwürdigen Maßgaben verändert werden (sollen), ist ein Teil der würdigen Gedenkkultur der USA vorerst vom Potomac River an die Jersey Shore gewandert. Dort zumindest macht man den Maximen Jimmy Carters alle Ehre.
