
Boris Becker war 17 Jahre alt, als er mit seinem Wimbledonsieg 1985 beinahe das ganze Land über Nacht ins Tennisfieber versetzte. Das Märchen von damals ist seither so oft erzählt worden, dass die Sehnsucht nach neuen Kapiteln groß war. Nun sollte niemand erwarten, dass die Fortsetzung so gut ist wie das Original und dass auch Alexander Zverev, der am Sonntag das Finale bei den French Open gegen den Italiener Flavio Cobolli gewann, eine kollektive deutsche Tennisbegeisterung auslöst. Massenphänomene wie in den Achtziger- und Neunzigerjahren sind rar geworden.
Fakt aber ist: 30 Jahre nach Beckers letztem Sieg in Melbourne 1996 hat Deutschland wieder einen Grand-Slam-Sieger im Männertennis. Das allein ist bemerkenswert. Wie Becker hatte Zverev schon als 17-Jähriger mit seinen Leistungen Aufsehen erregt, wenn auch auf deutlich kleinerer Bühne. Beim Turnier am Hamburger Rothenbaum begeisterte er viele mit seinem großen Talent und verstörte manche mit seinem noch größeren Selbstbewusstsein. Den Ruf, er sei arrogant, wird er seither nur mühsam wieder los.
Rückschläge im Sport, Vorwürfe im Privatleben
Es hat dann länger gedauert, als wohl auch er selbst erwartet hatte, ehe der 29 Jahre alte Zverev nun eingelöst hat, was der 17 Jahre alte Zverev versprochen hatte. Er musste Rückschläge verdauen wie die Niederlagen in drei Grand-Slam-Finals in New York (2020), Paris (2024) und Melbourne (2025) und hat große Erfolge bejubelt wie den Olympiasieg 2021 in Tokio. Er hat sich von Verletzungen zurückgekämpft, hat gelernt, wie er trotz einer Diabetes-Erkrankung Spitzensport betreiben kann. In der Tennis-Weltrangliste war er schon mehrmals Zweiter.
Viel passiert ist bei Zverev auch abseits des Tennisplatzes. Zwei ehemalige Partnerinnen erhoben Vorwürfe wegen häuslicher Gewalt gegen ihn. Er streitet das ab, erwirkte im ersten Fall eine Unterlassungserklärung, im zweiten Fall – mit der Frau hat er auch ein Kind – stellte ein Berliner Gericht das Verfahren gegen eine Geldauflage ein. Inzwischen ist Zverev mit der prominenten Moderatorin und Schauspielerin Sophia Thomalla liiert. Der Boulevard goutiert auch das.
Zverev stammt aus einer Tennisfamilie, die über die Jahre zu einem Tennis-Familienunternehmen geworden ist. Bruder Mischa war selbst Profi und ist heute sein Manager. Vater Alexander senior trat einst im Davis-Cup für die Sowjetunion an und ist sein Trainer. Auch Mutter Irina war Profispielerin und regelt heute viele Dinge im Hintergrund. Die Familie war Anfang der Neunzigerjahre nach Deutschland gezogen, lebte zu Beginn in Mölln in Schleswig-Holstein, später in Hamburg, wo Alexander junior geboren wurde. Inzwischen ist der Lebensmittelpunkt in Monaco. Dort lebte während seiner Spielerkarriere einst auch Boris Becker – und damit schließt sich der Kreis dann doch wieder.
