
Es war ein einziger Tag, der George Soros zur Legende machte: Am 16. September 1992 – seither bekannt als „Schwarzer Mittwoch“ – verdiente der Hedgefondsmanager mehr als eine Milliarde Dollar, während die britische Regierung unter Premierminister John Major eine der größten Niederlagen ihrer Wirtschaftsgeschichte einstecken musste. Soros hatte gegen das britische Pfund gewettet – und gewonnen. Die Bank of England, die den Wechselkurs um jeden Preis verteidigen wollte, musste kapitulieren und das Pfund abwerten. Für Großbritannien war es ein Prestigedebakel. Für Soros war es der Beginn eines Mythos.
Dabei war die Wette alles andere als ein Glücksspiel. Soros und sein damaliger Chefstratege Stanley Druckenmiller hatten erkannt, dass das britische Pfund im Europäischen Währungssystem strukturell überbewertet war – Großbritannien kämpfte mit hoher Inflation und schwachem Wachstum, während die Bundesbank gleichzeitig die Zinsen anhob. Das System konnte nicht halten. Soros lieh sich Pfund im Wert von insgesamt rund 15 Milliarden Dollar, verkaufte sie und kaufte sie nach der Abwertung günstiger zurück. Der Gewinn: mehr als eine Milliarde Dollar an einem einzigen Tag.
Portfolio erstaunlich unspektakulär
Doch der heute 94-jährige Soros ist längst mehr als der Mann, der die Bank of England brach. Sein Quantum Fund gehörte jahrzehntelang zu den erfolgreichsten Hedgefonds der Welt. Seit 2011 verwaltet die Soros Fund Management LLC offiziell nur noch das Familienvermögen. Sie ist damit kein öffentlicher Hedgefonds mehr, muss aber als großer institutioneller Investor weiterhin der amerikanischen Börsenaufsicht SEC quartalsweise Bericht erstatten, welche Aktien sie hält. Damit ist das Depot zumindest in Teilen öffentlich einsehbar. Der aktuelle Portfoliowert beläuft sich laut dem jüngsten 13F-Filing auf rund 8,6 Milliarden Dollar, verteilt auf 244 Positionen.
Wer nun erwartet, ein Portfolio voller spektakulärer Wetten zu finden, wird überrascht sein. Die fünf größten Aktienpositionen sind Amazon, Alphabet, Salesforce, TKO Group Holdings und Microsoft. Das sind zu einem guten Teil solide Techkonzerne, die sich auch in jedem Privatanlegerdepot finden könnten. Das Portfolio ist allerdings deutlich breiter gestreut als etwa das der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung: Mit 244 Positionen ist es fast schon das Gegenteil einer konzentrierten Wette. Hinzu kommen ETFs, Anleihen und Optionen – also Instrumente, die zeigen, dass Soros Fund Management auch heute noch in beide Richtungen des Marktes denkt: und auf steigende wie auf fallende Kurse setzt.
Hebelwirkung als Erfolgsrezept
Genau das ist der Kern des Soros-Ansatzes, der ihn von Buffett oder Gates fundamental unterscheidet: Soros ist kein klassischer Value-Investor, der billige Aktien kauft und lange hält. Er ist Makro-Investor. Er analysiert gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge – Zinsen, Wechselkurse, politische Entwicklungen – und leitet daraus ab, welche Märkte oder Währungen unter Druck geraten oder profitieren werden. Dabei nutzt er Hebelwirkung: Er leiht sich Geld, um mit mehr Kapital zu wetten, als er tatsächlich besitzt. Das maximiert die Gewinne, aber auch die Verluste.
Für Privatanleger ist das eine wichtige Erkenntnis, und zwar eine ernüchternde: Das, womit Soros wirklich reich geworden ist, lässt sich nicht nachahmen. Währungswetten in dieser Größenordnung sind für Privatpersonen schlicht nicht zugänglich. Und der Einsatz von Hebelwirkung hat schon viele Kleinanleger ruiniert, die dachten, sie könnten professionelle Trader imitieren. Dazu kommt: Selbst Soros hatte Verlustjahre. 1999 etwa wettete er falsch auf das Ende des Dotcom-Booms und verlor mehrere Milliarden Dollar. Kurz darauf platzte die Blase – aber zu spät für ihn.
Märkte entscheiden nicht immer rational
Dass das heutige Portfolio eher brav wirkt, hat einen einfachen Grund: Makro-Wetten tauchen im 13F-Filing kaum auf. Währungspositionen, Zinswetten oder Short-Positionen auf ganze Märkte müssen dort nicht offengelegt werden. Was man sieht, ist also nur ein Bruchteil der tatsächlichen Strategie – und wahrscheinlich der unspektakulärste Teil davon.
Was bleibt also für Privatanleger? Zunächst eine intellektuelle Lektion: Soros hat früh verstanden, dass Märkte nicht immer rational funktionieren und dass politische Fehlentscheidungen Chancen erzeugen. Das ist ein wertvoller Denkansatz – auch wenn man ihn nicht mit Milliardenwetten umsetzen kann. Konkret übertragbar ist dagegen, dass auch Soros heute auf breite Diversifikation setzt und sich nicht mehr auf einzelne spektakuläre Wetten verlässt. Mit 244 Positionen ist sein aktuelles Portfolio breiter gestreut als das mancher passiver Fonds. Und der Anteil an ETFs im Portfolio zeigt: Selbst einer der berühmtesten aktiven Investoren der Geschichte setzt inzwischen teilweise auf passive Instrumente.
Das eigentliche Erbe von Soros für Privatanleger ist aber weniger das Portfolio als der Denkrahmen: nicht blind auf Aktien setzen, weil sie günstig aussehen oder weil andere sie kaufen, sondern verstehen, in welchem gesamtwirtschaftlichen Umfeld man investiert. Wer etwa nicht berücksichtigt, was steigende Zinsen, Inflation oder geopolitische Verschiebungen für sein Depot bedeuten, handelt blind. Soros hat das immer anders gemacht. Ob er damit langfristig besser abschneidet als ein simpler Indexfonds – das ist eine andere Frage. Aber so zu denken, schadet keinem Anleger.
