Im Gegensatz zu den meisten Weinfachmessen in Deutschland dürfen zur VieVinum in der prächtigen Wiener Hofburg auch Konsumenten pilgern. Das macht das professionelle Verkosten nicht einfacher, verschafft einem aber insoweit Heiterkeit, als dass man sich fortlaufend in lebenden Gemälden von Manfred Deix zu bewegen glaubt. Das große Welttheater in einer Stadt, in einem Gebäude gar: Ganz Österreich kommt in der Hofburg zusammen und empfängt die Welt mit Stolz und Heiterkeit.
Im Rittersaal der Hofburg lud das renommierte Wachauer Weingut F. X. Pichler eine ausgewählte Schar von 80 Fachleuten aus aller Welt zur Premiere seines Pinot-Noir-Rotweins. Der erste Jahrgang ist der 2022er, und er ist höchst respektabel. Rotwein hatte das auf Grünen Veltliner und Riesling spezialisierte Weingut bislang nie erzeugt. Basierend auf Trauben burgundischer Genetik, die auf fünf verschiedenen Standorten des Loibner Beckens kultiviert werden, wird dieser Wachauer Pinot über mindestens zwei Jahre im Fass ausgebaut.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Der im März letzten Jahres gefüllte 2022er kommt im September in den Verkauf, zusammen übrigens mit dem im vergangenen März gefüllten 2023er. Der 2022er besitzt eine reife und intensive, aber doch feine Burgunderfrucht, die nervige Rasse der Wachauer Terrassenlagen sowie die Eleganz und Würze des hier im Gegensatz zu vielen Regionen Westeuropas eher kühlen Jahrgangs. Vor allem aber ist Pichlers Premieren-Pinot von der Donau angenehm weit entfernt davon, feinen französischen Burgunder zu kopieren, auch wenn ihm die Chambertins, Musignys und Vosne-Romanées der Côte d’Or als Vorbilder gedient haben, weil sie Intensität nicht mit Macht, sondern mit Finesse, Eleganz und Transparenz verbinden.
Ob da wohl was für den Rest der Welt übrig bleibt?
Die Inszenierung des neuen Weins samt Verkostung sollte Pichlers Pinot gleich einen sensationellen Start verschaffen – und den wird er in Österreich wohl auch haben, immerhin kommt er „vom FX“, einem Säulenheiligen des österreichischen Weins. Ob die Österreicher von den kaum mehr als 2000 Flaschen des ersten Jahrgangs etwas für die Welt übrig lassen? Mag sein.

Doch selbst wenn nicht: Es ist dann eben doch nur ein sehr guter Wachauer Rotwein, dessen Preis (irgendwo zwischen 120 und 150 Euro pro Flasche) die Erwartungen womöglich höher schraubt, als der Wein schlussendlich erfüllen kann. Wenn allem Anfang ein Zauber innewohnt, dann hat es hier nicht ganz so gut geklappt mit der Zauberei. Zumal mit dem warmen und durchaus üppigen, aber etwas konturschwachen 2023er gleich der zweite, noch weniger überzeugende Jahrgang angeboten wird.
In Österreich ecken die Weine an, die anderswo gefeiert werden
Am nächsten Tag wetterte eine Etage über dem Rittersaal der Burgenländer Roland Velich, der seit einem Vierteljahrhundert unter dem Namen Moric Lutzmannsburger Blaufränkisch Rotweine von Weltklasse erzeugt, auf die österreichischen Weinkontrolleure. Die hatten es, nicht zum ersten Mal, gewagt, einen seiner von der Journaille gepriesenen Wein als eines Qualitätsweins „nicht würdig“ zu erachten. Der Wein sei „untypisch“ und weise zudem allerlei Fehler auf, so der Befund von gleich zwei Blindproben. Der 2023er darf daher nicht, wie seit 2001, mit der Herkunftsbezeichnung Burgenland Blaufränkisch Lutzmannsburg Alte Reben vermarktet werden. Er kommt nun als Landwein Alte Reben L in den Verkauf.
Auch andere international gefeierte Weinproduzenten Österreichs scheitern immer wieder an der Engstirnigkeit der Kontrolleure, die allzu oft Individualität mit Qualität verwechseln. Das südsteirische Weingut Tement etwa hatte seinen so fordernden wie fulminanten 2022er Kår aus der Lage Zieregg gleich 14 Mal anstellen müssen, bis die Qualitätskontrolle nichts mehr zu beanstanden hatte. Dabei hatte sich der Wein nicht verändert, nur die Zusammensetzung des Verkoster-Panels. Wie so oft ecken auch in Österreich genau jene Weine an, die in der weiten Welt des Weins am meisten gefeiert werden – wegen ihrer durch die Herkunft geprägten Einzigartigkeit, nicht wegen ihrer Austauschbarkeit.
Derlei Probleme hat Jutta Ambrositsch in Wien schon lange nicht mehr. Die aus dem Südburgenland stammende Winzerin vermarket ihre frischen, unprätentiösen, radikal stimulierenden Weißweine als Landwein ohne spezifische Herkunft, nicht als Qualitätswein. Sie haben daher auch keine gängigen Namen, sondern kommen mit Phantasiebezeichnungen auf den Tisch, und das nirgends angemessener als in ihrem Buschenschank „in Residence“ im 19. Bezirk, in Döbling. Hier ist es laut, fröhlich und zünftig, und ihr Wein fließt in Strömen: einer anders als der andere und der nächste wiederum anders anders. Dazu kalte Speisen und ein roter Blaufränkisch zum Verlieben: 2019 Hetfleisch aus dem Südburgenland. Nicht billig, aber einer der schönsten Rotweine des Landes.
