
Immer mehr Menschen nutzen gebrauchte Waren. Davon profitieren zahlreiche Plattformen. Neun Jahre nach Gründung gehört Refurbed zu den am schnellsten wachsenden Onlinemarktplätzen für rundum erneuerte Elektronik in Europa. Das Wiener Unternehmen positioniert sich dabei bewusst nicht als Gebrauchtwaren-Portal, sondern als Qualitätsmarktplatz mit Nachhaltigkeitsversprechen – und das über Smartphones hinaus zunehmend in breitere Warengruppen hinein.
Gestartet ist Refurbed mit Smartphones und Laptops, heute bietet das Unternehmen auch Haushalts- und Küchengeräte, Sportartikel sowie Kinder- und Babyausstattung an. Rund 65.000 verschiedene Produkte sind gelistet – Tendenz steigend.
Statt mit zig Kleinanbietern zu arbeiten, kuratiert die Plattform ein Netzwerk von etwa 300 bis 350 Partnern und arbeitet zudem direkt mit Herstellern wie Dyson, AEG oder Kärcher – auch in der Baby- und Kinderausstattung.
Smartphones treiben das Volumen
Das größte Volumen entsteht, wie Mitgründer und Geschäftsführer Kilian Kaminski im Gespräch mit der F.A.Z. ausführt, weiterhin in der Elektronik, angeführt von Smartphones: „Der Takt der Gerätewechsel – zwei bis drei Jahre bei Handys – sorgt für hohe Angebots- und Nachfragedynamik.“ Anders als bei Staubsaugern, Kaffeemaschinen oder E‑Bikes, die Kunden in längeren Zyklen ersetzen, ist das Smartphone das Eintrittstor in dieses Handelssegment. Danach griffen viele Käufer zu weiteren Kategorien, weil die Bestandskundschaft nach positiven Erfahrungen das Konzept in den Alltag überträgt – beispielsweise wenn die Kaffeemaschine kaputtgeht, der Staubsauger schwächelt oder ein anderes Haushaltsgerät fällig wird.
Als wichtigsten Unterschied zu Marktplatzgeneralisten nennt Kaminski, dass ausschließlich wiederaufbereitete (refurbished) Ware verkauft wird. „Dafür gibt es transparente Zustands- und Service-Standards.“ Während bei Amazon oder Ebay die Gleichzeitigkeit von Neu-, Gebraucht- und Refurbished-Angeboten Verwirrung stiften kann, setzt Refurbed bewusst auf Spezialisierung, klare Garantien, Rückgaberegeln und definierte Qualitätsstufen. Gegenüber Herstellerprogrammen sieht Kaminski die größte Barriere auf Herstellerseite in der Angst vor Kannibalisierung des Neugeschäfts.
Zwar arbeiten einige Hersteller mit Refurbished-Angeboten, doch diese seien oft ergänzend positioniert. Marken, mit denen Refurbed zusammenarbeitet, nutzen die Plattform, um neue Kundengruppen zu erschließen – besonders bei höherpreisigen Produkten, wo 20 bis 30 Prozent Preisvorteil stärker ins Gewicht fallen. Insgesamt erwartet Kaminski deshalb keine umfassende Verlagerung hin zu herstellereigenen Wiederaufbereitungsprogrammen, die echte Konkurrenz für unabhängige Marktplätze bedeuten würde.
In Deutschland und Österreich punktet die Kreislaufwirtschaft
Konkrete Marktanteile lassen sich Kaminski zufolge schwer belastbar definieren, weil Abgrenzungen und Datengrundlagen je nach Berechnung variieren. Klar sei jedoch: In den meisten europäischen Ländern sei Refurbed in diesem Segment Nummer eins oder zwei, in Österreich und Deutschland klarer Marktführer. Die Internationalisierung spielt für die Strategie eine zentrale Rolle. Refurbed ist in 24 europäischen Märkten tätig. Besonders gut laufen Deutschland, Österreich, Italien sowie die nordischen Länder. In den Nordics zahlt das höhere Bewusstsein für Nachhaltigkeit auf die Kategorie ein, während in den deutschsprachigen Märkten die Pionierarbeit und langjährige Präsenz die Marke stark verankert haben. Neumärkte wie Polen, Litauen, Spanien und Frankreich entwickeln sich vielversprechend. Zentrales Kaufargument bleibt in ganz Europa der Preis.
Das Erlösmodell entspricht dem klassischer Marktplätze: Verkaufsprovisionen, differenziert nach Kategorie – in der Regel um zehn Prozent, mit einer Bandbreite von etwa fünf Prozentpunkten zwischen margenschwachen und margenstärkeren Gruppen. Hinzu kommen Erlöse aus Zusatzleistungen: Garantieverlängerungen sowie Geräteschutzversicherungen auch für selbst verschuldete Schäden – ein Angebot, das Refurbed nach eigener Darstellung als Erstes in Europa für Refurbished-Geräte etabliert hat. Zudem können Kunden Altgeräte abgeben, die dann wiederaufbereitet oder – sollte das nicht möglich sein – in den Kreislauf zurückgeführt werden, was wieder Erlöse bringt. Hintergrund ist eine gewaltige Rohstoffreserve in europäischen Haushalten: Über 600 Millionen Smartphones liegen nach einer Untersuchung des Fraunhofer-Austria-Forschungsinstituts ungenutzt in Schubladen. Rund 200 Millionen davon könnten aus Sicht Kaminskis wiederaufbereitet werden.
Mindestkriterien wie Akkugesundheit
Weil bislang EU-weit keine verbindlichen Refurbishment-Standards existieren, setzt Refurbed interne Mindestkriterien, die alle Partner erfüllen müssen. Dazu gehören neben Akkugesundheit die Datenlöschung sowie Zustandskategorien.
Die fehlende europaweite Normierung beschäftigt die Branche. Kaminski ist Vizevorsitzender im Vorstand der European Refurbishment Association und treibt dort die Standardisierung voran – mit dem Ziel, branchenweite Erwartungen und Prüfprozesse zu harmonisieren.
Die Rücksendequote liegt im niedrigen einstelligen Prozentbereich und damit auf Niveau von Neuwaren, sagt Kaminski und nennt als häufigsten Rückgabegrund abweichende Erwartungen an den optischen Zustand. Ein 30-tägiges Rückgaberecht soll hier Barrieren senken.
Ressourceneffizienz mit Fraunhofer-Institut
Die CO₂- und Ressourceneinsparungen weist Refurbed in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Austria-Research-Institut aus. Über drei Jahre wurden methodische Modelle entwickelt und in Nachhaltigkeitsberichten veröffentlicht. Ausgehend von Analysen zu einigen Kern-Geräteklassen hat Fraunhofer ein Modell aufgebaut, das mittlerweile rund 80 Prozent der gelisteten Produkte abdeckt.
Ein strukturelles Problem der Kreislaufwirtschaft zeigt sich bei nicht mehr wiederaufbereitbaren Geräten: Der Einzelversand von Altgeräten durch Privatkunden zum Recycler ist oft teurer als ihr Restwert, wie Kaminski weiß. „Damit fehlt ein finanzieller Anreiz; der Aufwand übersteigt den wahrgenommenen Nutzen.“ Kommunale Wertstoffhöfe sind deshalb ein wichtiger Baustein, ebenso wie Aufklärung. Perspektivisch will Refurbed das Recycling-Glied stärker integrieren, heute liegt der Schwerpunkt auf dem Refurbishment und dem Trade-in für Smartphones.
Die größte verfügbare Menge an Refurbished-Smartphones stammt typischerweise aus ein bis zwei Generationen hinter dem aktuellen Modell, häufig aus Firmenflotten, die im Rollout neue Geräte ausgeben und Altbestand bündeln. Entsprechend sind iPhone-Generationen wie 14 und 15 derzeit im großen Stil verfügbar. Mit wachsender Verfügbarkeit sinken die Ankaufpreise, was sich in attraktiveren Endkundenpreisen niederschlägt – ein typischer Marktmechanismus, der dafür sorgt, dass Refurbished-Preise über die Zeit nachgeben.
Refurbed betreibt keine zentralen Lager, die Waren liegen dezentral bei Partnern. Die Durchlaufzeiten hängen vom Produkt und der Saisonalität ab. Smartphones als Topseller drehen schnell – oft binnen weniger Tage. Hochpreisige, saisonale oder sperrige Güter wie E‑Bikes können mehrere Wochen liegen. Das vierte Quartal ist der stärkste Zeitraum, getrieben durch das Weihnachtsgeschäft. Entsprechend sinken die Durchlaufzeiten, wenn die Nachfrage anzieht.
Im Rahmen der Regulierung hofft Kaminski auf ein EU-Recht auf Reparierbarkeit, das Hersteller verpflichtet, Ersatzteile bereitzustellen. Zudem setzt er auf eine stärker reparaturfreundliche Produktgestaltung. Außerdem könnte eine rechtliche Verankerung einer eigenständigen Produktkategorie „refurbished“ samt definierten Prozessen und Qualitätsmerkmalen das Geschäft befruchten.
Kunden kehren gern wieder
Seit Gründung hat Refurbed nach eigenen Angaben einen kumulierten Außenumsatz (GMV) von über drei Milliarden Euro erzielt – erwirtschaftet über alle europäischen Märkte mit 270 Beschäftigten. Genaue Jahres-GMV kommuniziert das Unternehmen nicht, nennt aber Wachstumsmarken: Die erste Milliarde brauchte fünf bis sechs Jahre, die zweite folgte binnen eineinhalb Jahren, die dritte in weniger als zwölf Monaten. Im vergangenen Jahr wuchs der Außenumsatz um rund 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr, eine Größenordnung, die Kaminski auch für das laufende Jahr für machbar hält. 2025 war das Unternehmen erstmals auf Konzernebene ertragreich, obwohl die Expansion in neue Länder Kosten treibt. Einzelmärkte sind teils schon länger profitabel. Zentraler Hebel ist die wachsende Bestandskundschaft: Die Erstakquise ist teuer, doch Wiederkäufe und organische Weiterempfehlungen senken die Marketingkosten signifikant.
In der Kundengewinnung stützen Google- und Meta-Kanäle den größten Anteil, flankiert von digitalen und analogen Kommunikationswegen. Auf der Finanzierungsseite hat Refurbed über 150 Millionen Euro Wagniskapital aufgenommen, zuletzt 2025 eine Runde über mehr als 50 Millionen Euro zur Marktexpansion. Weitere Kapitalaufnahmen sind aktuell nicht geplant.
Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Kontext spielt Refurbed in die Karten. Auf der Nachfrageseite belasten höhere Lebenshaltungskosten den Neugerätekauf, gleichzeitig wächst der Wunsch, nachhaltiger zu konsumieren. Entscheidend für den nächsten Schritt wird sein, ob es gelingt, die Kreislaufkette über Trade-in hinaus stärker zu schließen, die Standardisierung in Europa mitzugestalten und Ersatzteil- sowie Softwarefragen in den Griff zu bekommen. Gelingt das, könnte Refurbishment in fünf Jahren dort sein, wo Gebrauchtwagen heute sind: ein selbstverständlicher, transparenter Zweitmarkt.
