„New Yorker, die nicht die Weltmeisterschaftskarten erhalten haben, für die sie bezahlt haben, werden darin bestärkt, das Büro der Generalstaatsanwältin darüber in Kenntnis zu setzen, indem sie eine Beschwerde einreichen oder 1 (800) 771-7755 anrufen.“ Damit endet die Pressemitteilung, die das Büro von Letitia James, der Generalstaatsanwältin für den Bundesstaat New York, am Mittwoch vergangener Woche veröffentlicht hat. Ihre Überschrift: „Generalstaatsanwältin James und Generalstaatsanwältin Davenport laden FIFA wegen Weltmeisterschaftskarten vor“.
Damit hatte sich rund zwei Wochen vor dem ersten Spiel einer Fußball-Weltmeisterschaft, für die aufseiten des Internationalen Fußball-Verbandes FIFA einzig der Name Gianni Infantino steht, in mancherlei Hinsicht ein Kreis geschlossen. Denn der Aufstieg des 56 Jahre alten Wallisers an die Spitze der FIFA ist ohne die Arbeit amerikanischer Ermittlungsbehörden kaum vorstellbar. Rückblende nach Zürich. Die Bilder vom Morgen des 27. Mai 2015 gehen um die Welt: Hinter Laken verdeckt werden Fußballfunktionäre aus dem noblen Hotel Baur au Lac geführt. Barack Obamas Justizministerin Loretta Lynch lässt gegen sie ermitteln. Die ganze Welt bekommt den Eindruck, dass hier nun endgültig eine Ära zu Ende gehen wird, ein Geschäftsmodell an seine Grenzen stößt. So, wie die FIFA vom Walliser Joseph Sepp Blatter geführt wird, geht es nicht weiter.
Wählt mich, und ihr bekommt euer Geld!
Blatter, damals 79 Jahre alt, muss sich zurückziehen, in den folgenden Monaten positioniert sich Infantino als Kandidat für das Präsidentenamt. Zum damaligen Zeitpunkt ist das durchaus überraschend. Infantino, Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union UEFA, kommt erst zum Zug, als deren Präsident, der einstige Fußballstar Michel Platini aus Frankreich, wegen Ermittlungen von Schweizer Staatsanwälten zu seinen Geschäften mit Blatter – an deren Ende, Jahre später, Freisprüche stehen – seine eigenen Ambitionen begraben muss.
Im Februar 2016 treffen sich die mächtigsten Fußball-Funktionäre der Welt wieder in Zürich. Es geht nun um Blatters Nachfolge. Wer schlägt ein neues Kapitel in der Geschichte der Fédération Internationale de Football Association auf? Die Delegierten im Hallenstadion wählen: Giovanni Vincenzo Infantino, geboren 1970 in Brig, Sohn italienischer Migranten. Wer jetzt, rund zehn Jahre FIFA-Präsidentschaft später, auf das blickt, was dieser Gianni Infantino so veranstaltet, sollte immer daran denken, was er damals versprach.
Dieser große Bogen ist wichtig, weil Infantino damals das Leitmotiv seiner Präsidentschaft verkündet, von der weder damals noch heute abzusehen ist, wie lange sie wohl dauern wird. Dieses Leitmotiv ist von bemerkenswerter Schlichtheit: „It’s your money, not the money of the FIFA president.“ Wählt mich, ruft er also den Delegierten der Nationalverbände zu, und ihr bekommt euer Geld. Sie wählten ihn. Und damit trat die FIFA ein in die Infantino-Ära.

Beim jüngsten FIFA-Kongress, abgehalten Ende April in Vancouver, klingt sie so: Für den Zeitraum von 2027 bis 2030 verspricht Gianni Infantino Einnahmen von 14 Milliarden Dollar (rund 12 Milliarden Euro). Der Anteil, der an die Nationalverbände geht, soll um 20 Prozent steigen, mindestens 2,7 Milliarden Dollar betragen. Und dann verspricht Infantino: „Es wird alles noch viel, viel besser.“ Er ist ein Mann, der mit einfachen Slogans arbeitet. Und mit einfachen Strukturen: Er bringt das Geld. Er hat die Macht. Die Mitglieder des FIFA-Council, des Rats, der ihn kontrollieren soll, unter ihnen Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bunds, sind Statisten. Es wirkt nicht, als störe es sie.
Gedacht war das ganz anders. Im Interregnum zwischen Blatters Rückzug und Infantinos Wahl, unter dem Druck der Ermittlungen, der Last des Skandals, hatte sich die FIFA eine neue Struktur verpassen lassen. Die Macht sollte eigentlich nicht mehr beim Präsidenten liegen, das Tagesgeschäft sollte Sache des Generalsekretärs sein. Wenige Monate nach seinem Amtsantritt präsentierte Infantino für diesen Posten Fatma Samoura, eine Diplomatin aus Senegal.
Signierte Fußbälle für iranische Aktivistinnen
Die beabsichtigte Wirkung war offensichtlich: Eine Afrikanerin auf dem nominell wichtigsten Posten, noch mehr neue FIFA geht nicht. Dabei hatte Infantino umgehend begonnen, alle Entscheidungsgewalt an sich zu reißen. Jahrelang blieb Fatma Samoura seine Generalsekretärin, in der Öffentlichkeit fiel sie vor allem dadurch auf, dass sie die Fußballspiele, die sie besuchte, auf Twitter gewissermaßen live tickerte.
Als 2018 zwei iranische Aktivistinnen bei ihr vorsprachen, um vom Weltverband endlich mehr Unterstützung beim Kampf gegen das Stadionverbot für Frauen in der Islamischen Republik zu erreichen, verabschiedete die FIFA-Generalsekretärin sie mit zwei von sich signierten Fußbällen. Inzwischen ist Infantinos Vertrauter Mattias Grafström Generalsekretär. Ein Mann aus Schweden.

Als die beiden Iranerinnen Samouras Zürcher Büro im Herbst 2018 verlassen, war Gianni Infantino Donald Trump schon sehr nahegekommen. Im Juni jenen Jahres hatte die FIFA das Turnier 2026 an die gemeinsame Bewerbung Kanadas, Mexikos und der Vereinigten Staaten vergeben. Im August 2018 ist der FIFA-Präsident das erste Mal zu Gast im Weißen Haus, er drückt Trump ein Trikot mit der Rückennummer 26 in die Hand und eine Gelbe und eine Rote Karte: „Die Gelbe als Verwarnung, Rot, wenn Sie jemanden rausschmeißen wollen“, erklärt Infantino. Trump zeigt sie den Journalisten im Oval Office. „Könnte nützlich sein“, sagt Infantino. Gelächter. Da haben sich zwei gefunden, die ähnlich arbeiten: mit einfachen Slogans und dem Leitmotiv Geld.
Zwei WM-Turniere der Männer hatte Infantino aus der Blatter-Ära geerbt, die am selben Tag, dem 2. Dezember 2010 vergebenen Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Qatar. An jenem Tag hatte das Image der FIFA einen Anstrich bekommen, der für weite Teile der Öffentlichkeit, jedenfalls in Europa, bis heute sichtbar ist. Im Auftreten Infantinos gegenüber den Gastgebern, Wladimir Putin und Emir Tamim Al Thani, war zu erkennen, dass er sich von Blatter deutlich erkennbar unterschied. Blatter hatte gewiss kein gutes Image, aber niemand sagte ihm nach, dass er sich öffentlich an Politiker heranschmiss.
Mit roter Kappe in Trumps „Board of peace“
Infantino sagt Trump bei einem Dinner auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2020 in aller Öffentlichkeit, dessen Eigenschaften erinnerten ihn an jene, die er von den besten Fußballspielern der Welt kenne.
Doch auch das ist schon zu diesem Zeitpunkt keine neue Verhaltensweise. Als Infantino das erste Mal als FIFA-Präsident auf der Tribüne eines WM-Spiels sitzt, Russland eröffnet die WM 2018 gegen Saudi-Arabien, sitzen Putin und der saudische Kronzprinz Muhammad Bin Salman rechts und links neben ihm. Auch diese Bilder gehen um die Welt. Sie strahlen Harmonie aus, eine sehr spezielle Harmonie. Sie wirkt eiskalt.
Und mit dem Wissen von heute lässt sich in jene Aufnahmen vom 14. Juni 2018 auch schon die Zukunft hineinlesen, jene Zukunft, von der Infantino jüngst in Vancouver sagte, dass sie noch so „viel, viel besser“ würde. Denn während die Gegenwart Trump heißt, für den Infantino einen „FIFA- Friedenspreis“ erfindet, in dessen „Board of Peace“ er sich mit roter Kappe im MAGA-Stil setzt, dessen Politik er in Miami lobt und in dessen Sinn er die FIFA während der WM in Washington D.C. den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten feiern lassen will, ist das Ende dieses Kapitels absehbar: Nach dem Endspiel am 19. Juli in East Rutherford, New Jersey, wird Donald Trump auf absehbare Zeit nicht allzu viel zum „viel, viel besser“ beitragen können.
Für das nun beginnende Turnier hatte die FIFA unter Infantino es mit einem ganz neuen Ansatz probiert: Waren die Veranstaltungen bislang von Organisationskomitees in den Gastgeberländern aufgezogen worden, managt der Weltverband die WM 2026 selbst. Die Ermittlungen der Generalstaatsanwältinnen in New York und New Jersey, die unter anderem der Frage nachgehen, ob Tickets künstlich verknappt wurden, um sie zu überhöhten Preisen zu verkaufen, und ob Verbraucher betrogen wurden, weil sie andere als die vermeintlich erworbenen Tickets bekamen, sind eine Folge davon. Das letzte Kapitel der Gegenwart wird erst geschrieben werden, wenn die WM 2026 längst abgepfiffen ist.

Der Mann der Zukunft in Infantinos Sinne ist Muhammad Bin Salman. Muhammad Bin Salman ist Gastgeber der WM 2034. Denn im Dezember 2024 war aus der FIFA, die nie wieder zwei WM-Turniere auf einmal vergeben wollte, wieder die FIFA geworden, die zwei WM-Turniere auf einmal vergab. Weil für 2030 gleich sechs Länder – Argentinien, Paraguay, Uruguay, Marokko, Spanien und Portugal und damit drei Kontinente – bedient wurden, bekam Saudi-Arabien die Bühne für 2034. Und Infantino eine Perspektive, die es ihm erlaubt, eine „viel, viel bessere“ Zukunft zu versprechen. In den kommenden Wochen wird diese Zukunft zu sehen sein: Der saudische Staatsfonds PIF ist gerade als WM-Sponsor für das Turnier 2026 eingestiegen.
Die Zukunft hat also begonnen, in jeder Hinsicht. Damit Gianni Infantino sein Versprechen einhalten kann, muss Muhammad Bin Salman seine Versprechen einhalten. Man muss sich nur die ursprünglichen Projektionen für die Zukunftsstadt Neom und die Nachrichten von Baustopps und Downsizing vor Augen halten, um zu erkennen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.
Für Infantino ist Downsizing jedenfalls keine Option. In Kanada, Mexiko und den USA wird die erste Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften ausgespielt. Für die Zukunft darf man mit 64 Teilnehmern rechnen. Fußball ist ein einfaches Spiel, diese Rechnung ist noch einfacher: Wer mehr verspricht, muss mehr spielen lassen.
