So hatte der Bundestrainer das skizziert, nach dem Rücktritt Manuel Neuers, nach dem Verletzungspech Marc-André ter Stegens. Baumann sollte seine Nummer eins sein. Doch als er am Samstag wie ein WM-Torwart hielt, verriet ein Detail, dass Baumann doch nicht mehr der WM-Torwart sein soll. Auf dem Trikot stand zwar eine Eins. Aber auch eine Zwei. Eins und zwei macht im Fußball zwölf – und ist zumeist die Nummer der Nummer zwei im Tor.
Als Baumann nach dem Spiel im Bauch des Stadions Soldier Field sprach, huschte, fast wie ein Geist, fast von allen, auch von Baumann, unbemerkt, jemand in seinem Rücken vorbei. Es war der Geist, den Nagelsmann vor zweieinhalb Wochen aus der Flasche ließ. Anders als Baumann sagte dieser Geist nichts, wie in all den Tagen, seit Manuel Neuer zurückgekehrt ist. Und doch war er da, das war irgendwie auch zu spüren. Das muss Aura sein.
Wenn alles läuft, wie Nagelsmann es inzwischen geplant hat, wird Neuer in der neuen Woche ins Mannschaftstraining, das er nach seiner Auswechslung am 16. Mai im Spiel des FC Bayern nicht mehr absolviert hat, einsteigen. „Und dann wird er gegen Curaçao auch spielen“, sagte der Bundestrainer.
Seit die Wadenblessur auftrat, hat Neuer nicht nur das DFB-Pokalfinale, sondern auch die WM-Testspiele verpasst. Ein Problem sieht Nagelsmann im Kaltstart des 40 Jahre alten Torwarts zum WM-Auftakt nicht: „Er muss sich in seinem Alter nicht eingewöhnen. Er kommt mit einer Drucksituation klar.“
Baumann muss die vergangenen Wochen wie eine Geisterbahnfahrt erlebt haben. Als alle zu wissen glaubten, dass Neuer zurückkehrt, ging Baumann vom Gegenteil aus, zumindest öffentlich. Drei Tage vor der Nominierung teilte ihm der Bundestrainer seine kurzfristige Rückstufung mit.
In Chicago sprach Baumann nun erstmals wieder. „Anfangs war es natürlich hart. Das war nicht ganz cool von meinem Gefühl her“, sagte er. „Aber mir war sofort klar, dass ich fürs Team da sein werde und mitgehe (zur WM / d. Red.). Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht, nicht herzukommen.“
Den Eindruck eines „großen Sportsmanns“, wie Nagelsmann ihn nannte, vermittelte Baumann im Umgang mit der Degradierung. „Menschlich war das erste Sahne“, sagte der Bundestrainer. „Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er zwei, drei Wochen nicht mit mir gesprochen hätte.“
Den Teamgeist belasten soll Nagelsmanns Volte samt kommunikativer Holprigkeiten nicht. „Es ist alles sauber. Mit Manu verstehe ich mich super“, sagte Baumann. Er wolle der Mannschaft helfen mit seiner Leistung. „So ist die Herangehensweise, und dann ist das Thema auch bitte durch.“
Wer weiß. Noch ist nicht ausgemacht, dass es zum WM-Auftakt am nächsten Sonntag (19.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, in der ARD und bei MagentaTV) gegen Curaçao für Manuel Neuer nicht vielleicht doch heißt: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
