Rathäuser sind besondere Gebäude: lokale Machtzentralen, stolze Aushängeschilder einer Stadt, wichtig für die Identität eines Ortes. Wie hat sich die Architektur der Rathäuser im Laufe der Jahrhunderte verändert? Und welche Gedanken verbergen sich hinter der Gestaltung? Das ist das Thema von sechs Rathaustouren, die unter dem Motto „Demokratie bauen!“ noch bis Mitte Oktober von der Gesellschaft „Kulturregion Frankfurt/Rhein-Main“ angeboten werden, in der sich 50 Landkreise und Städte zusammengeschlossen haben. Zum Auftakt führte am letzten Sonntag im Mai eine Rathaustour mit der S-Bahn vom Frankfurter Römer über das Offenbacher Rathaus bis zum Rathaus im Schloss von Heusenstamm.
Am ersten Stopp nahm Stadtführer Frank Seibold die Gruppe mit hinter die Postkartenkulisse des Römers. Viele assoziieren nur die drei Giebelhäuser am Römerberg mit dem Rathaus, dabei gehört ein ganzer Komplex von früheren Bürgerhäusern dazu. Seibold erzählt, wie die Stadt 1405 die Gebäude norditalienischer Kaufleute erwarb und der Name „Römer“ aus dem Missverständnis entstand, dort hätten „römische“ Händler gewohnt. Damals waren die Fassaden schlicht, Balkone und Ziergiebel kamen erst in der Nostalgiewelle um 1900 dazu. Drinnen öffnet der Kaisersaal seine Türen. Zwischen den Ölgemälden der 52 Kaiser des Heiligen Römischen Reichs erklärt Seibold, wie Frankfurt sich um 1900 als „Kaiserstadt“ neu erfand: Der Saal wurde historistisch ausgestattet, der Balkon zur Kulisse für Empfänge, und die Kunstschule des Städel lieferte die Kaiserporträts.
„Modernisierung um jeden Preis“
In Offenbach wirkt das Rathaus wie ein Gegenentwurf. Der Bau aus den späten Sechzigerjahren setzt mit seiner Betonarchitektur und markanten Dreiecksform bewusst auf Großstadtmoderne. Jürgen Eichenauer vom Haus der Stadtgeschichte erklärt, wie hier „um jeden Preis modernisiert“ wurde. Die alte Innenstadt mit ihren Kneipen, Vereinsstrukturen und Nachbarschaften musste weichen, um Platz für ein neues, funktionales Zentrum zu schaffen. „Man wollte zeigen: Wir sind jetzt eine Großstadt“, sagt er und ergänzt, dass in dieser Phase kaum Protest laut wurde. Viele Menschen seien noch autoritäre Entscheidungswege gewohnt gewesen.

Vom Schloss zum Rathaus
In Heusenstamm ist die Verwaltung im ehemaligen Schloss der Grafen von Schönborn untergebracht. Roland Krebs und Michael Kern vom Heimat- und Geschichtsverein zeichnen den Weg dorthin nach. Es geht vorbei am ehemaligen Schul- und Waisenhaus, das später Rathaus war und heute „Haus der Musik“ heißt, hinüber zur Gastwirtschaft „Goldener Löwe“ und schließlich zum Schloss Schönborn, dem heutigen Rathaus.

Krebs erzählt, wie früher Politik in Wirtshäusern vorbereitet wurde und der Bürgermeister gewissermaßen im „Homeoffice“ aus der eigenen Wohnung arbeitete. Schritt für Schritt erhielten die Verwaltung und kommunale Gremien eigene Gebäude. Bis die Stadt 1978 das Schloss kaufte und zum Rathaus umbaute. Außen blieb die Renaissancefront mit Türmen und Gärten, innen zogen Büros und Sitzungssäle ein. „Demokratie muss gebaut und ständig renoviert werden“, sagt Krebs während der Führung.
Die Reihe „Demokratie bauen!“ bleibt nicht bei dieser einen Tour stehen. Von Juni bis Dezember stehen in der ganzen Region Führungen, Exkursionen, Workshops und Gespräche auf dem Programm. Fünf Rathaustouren mit Bus, Bahn oder Rad verbinden insgesamt 14 Rathäuser in kleineren und größeren Orten. Dazu kommen Veranstaltungen rund um Landratsämter, Kirchen, Konzerthallen, Bibliotheken, Dorfgemeinschaftshäuser oder Schwimmbäder. Überall dort, wo sich kommunale Selbstverwaltung und gesellschaftliches Miteinander räumlich verdichten.
