Lange ist es nicht mehr hin. Knapp 25 Jahre noch, dann ist die Jahrhundertmitte erreicht. Lange ist es aber auch nicht her, dass wir die Jahrtausendwende begingen, damals eine Projektionsfläche für Zukunftsphantasien aller Art, im Positiven wie im Negativen. Viele Voraussagen von damals erfüllten sich nicht. Prognostiziert wurden etwa demographische Schrumpfung und kollabierende Sozialsysteme; dank politischer Reformen, zusätzlicher Einwanderung und höherer Erwerbstätigkeit kam es nicht dazu. Die Smartphone-Revolution, die 2007 begann, mit all ihren Auswirkungen auf Alltag, Wirtschaft und Politik, sah dagegen niemand voraus.
Auch mit einer Pandemie rechneten nur wenige. Der Aufstieg der populistischen Parteien begann gerade erst in einzelnen westlichen Demokratien, vor allem in den wohlhabendsten Gegenden wie der Schweiz, Österreich oder Norditalien. Die größte Gefahr für den Frieden geht heute nicht von islamistischem Terror aus, wie man seit 2001 vermutete, sondern vom autokratisch regierten Russland und daneben auch von einem irrlichternden US-Präsidenten. Andere Prognosen bewahrheiteten sich, etwa in Bezug auf die fortschreitende Erderwärmung. Und manches blieb auch einfach gleich. Wagen wir einen Blick, wie es werden könnte.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Lebenserwartung
Wir werden immer älter? Vorsicht! In diesen Fortschrittsoptimismus mischen sich zuletzt wachsende Zweifel. Die Zahl der voraussichtlichen Lebensjahre, ohnehin eine kompliziert errechnete Zahl mit vielen Unbekannten, wuchs in vielen Ländern zuletzt deutlich langsamer, während der Corona-Pandemie ging sie sogar zurück. Und sie ist sehr ungleich verteilt. In den Vereinigten Staaten nehmen zum Beispiel die Todesfälle unter jungen Erwachsenen stark zu, bedingt durch Drogenmissbrauch oder Suizide.
In Deutschland sterben Männer in Sachsen-Anhalt vier Jahre früher als in Baden-Württemberg, und insgesamt fällt die Bundesrepublik im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zurück. Hinzu kommt: Zivilisationskrankheiten wie Gefäßverschlüsse oder Diabetes sind sehr viel schwieriger zu bekämpfen als Infektionskrankheiten, die durch Hygiene und Impfkampagnen relativ leicht eingedämmt werden konnten. Damit, dass wir irgendwann alle hundert Jahre alt werden, rechnet kaum noch ein seriöser Forscher.
Weltbevölkerung
Der demographische Wandel schreitet überall voran. Nach der Jahrhundertmitte soll die Bevölkerung fast nur noch in Afrika nennenswert wachsen, auch dort allerdings mit sinkender Tendenz. Länder wie Spanien, das lange von Zuwanderung aus Lateinamerika profitierte, oder Deutschland, das viele Arbeitskräfte aus dem schon länger schrumpfenden Osteuropa bezog, könnten dann in Schwierigkeiten kommen.
Auch hier ist mit Prognosen allerdings Zurückhaltung geboten: So exakt, wie die Vertreter des Fachs oft behaupteten, sind die Voraussagen der Demographen nicht. Geburtenraten können schwanken, Ältere doch noch Kinder bekommen – und Migrationsbewegungen hängen ohnehin von vielen Faktoren ab, die sich nicht exakt vorausberechnen lassen. Mit den Problemen und Chancen alternder Gesellschaften, die in der Regel ein Zeichen von Wohlstand sind, werden sich in 25 Jahren aber nach aller Voraussicht weit mehr Regierungen beschäftigen als bisher.
Stadt und Land
Egal, ob die Bevölkerung wächst oder schrumpft, der Zuzug in die Ballungsräume ist auf der ganzen Welt ungebrochen. Forscher rechnen damit, dass im Jahr 2050 fast 70 Prozent aller Menschen in Städten leben, in Deutschland sollen es sogar 84 Prozent sein. Mit sinkenden Mieten und Kaufpreisen ist deshalb in den großen Städten bis auf Weiteres nicht zu rechnen. Prognosen aus der Corona-Pandemiezeit, wonach die Möglichkeit zum Homeoffice das Landleben attraktiver mache, haben sich bislang nicht bewahrheitet.

Der Wohnraum pro Person, der sich in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg zunächst stetig vergrößert hatte, wird deshalb wie schon zuletzt zurückgehen, die Größe durchschnittlicher Neubauwohnungen aufgrund der kleineren Haushalte erst recht. Politisch wird das die Spaltung zwischen Stadt und Land weiter verstärken.
Klimaschutz
Deutschland will 2045 klimaneutral sein, die Europäische Union 2050, die Industrienationen insgesamt wollen spätestens zum Ende des Jahrhunderts so weit sein. Fahren dann nur noch Elektroautos auf den Straßen? In Peking wohl schon, in Berlin eher nicht. Selbst wenn es bei einem weitgehenden Verbrennerverbot von 2035 an bleibt, was politisch umstritten ist, wären 2045 noch viele Altautos unterwegs – die durchschnittliche Gesamtnutzungsdauer eines Autos ist in Deutschland zuletzt auf fast 20 Jahre gestiegen. Dann wäre das Land erst 2055 weitgehend verbrennerfrei, sofern es dann noch genügend Tankstellen für Benzin und Diesel gibt.
Das Tempo des Wandels hängt auch von Preis und Verfügbarkeit fossiler Energieträger ab, die schwer vorherzusagen sind, wie sich seit dem Irankrieg zeigt. Und davon, ob die Politik am Handel mit CO2-Zertifikaten fürs Heizen und Fahren in der geplanten Form festhält. Auch daran gab es zuletzt wachsende Zweifel.
Klimaschutz
Wer zuletzt etwa in der Pfalz unterwegs war, mag sich auf den weiteren Fortgang des Klimawandels in unseren Breiten vielleicht sogar freuen. Pinien stehen am Straßenrand, die Weingüter bauen die spanische Tempranillo-Rebe an und experimentieren mit italienischem Sangiovese. Aber Vorsicht: Auf den brandenburgischen Sandböden könnte es unangenehm trocken und an den Küsten angesichts eines steigenden Meeresspiegels bedrohlich nass werden.

Vor allem aber ist das Ganze womöglich nur ein Übergangsphänomen. Verliert der Golfstrom in den kommenden Jahrzehnten an Kraft, was als plausibles Szenario gilt, dann könnte es in Mitteleuropa sogar kälter werden als in vorindustrieller Zeit. Dann wäre ein Häuschen im Süden langfristig die bessere Investition, auch wenn es dort kurzfristig sehr heiß werden dürfte.
Arbeitsmarkt
Wir werden zur Jahrhundertmitte rund 25 Prozent weniger arbeiten, prognostizierte zuletzt etwa die Boston Consulting Group im optimistischsten von vier Zukunftsszenarien, die ein Beraterteam für das Jahr 2050 entwarf. Auch der deutsche Digitalminister äußerte jüngst in einem Interview ähnliche Erwartungen – und brachte ein Grundeinkommen ins Spiel, um die erwartete digitale Dividende auf die in Zukunft beschäftigungslos Gewordenen zu verteilen.
Ähnliche Prognosen, dass uns die Technik die Arbeit abnimmt, gibt es allerdings schon seit Langem, man schaue nur ins Godesberger Programm der SPD aus dem fernen Jahr 1959. Bewahrheitet haben sie sich bisher nicht. Mit neuen Möglichkeiten kamen stets neue Aufgaben hinzu, das „Change Management“ fraß zusätzliche Ressourcen, und viele Aufgaben von der Pflege bis zur Gastronomie lassen sich erstaunlich schlecht automatisieren. Viele dieser vergleichsweise sicheren Jobs sind allerdings schlecht bezahlt. Die Frage ist daher, auf welche Branchen und Qualifikationsniveaus sich die Jobs der Zukunft verteilen – und wie sie bezahlt sind.
Deutsche Bahn
Noch ein paar Jahre müssen die Fahrgäste mit Baustellen und Verspätungen durchhalten, dann wird durch das viele Geld aus dem Infrastruktur-Sondervermögen alles besser, verspricht die Bundesregierung. Wer’s glaubt. Dafür liegen die Probleme zu tief, dafür zerren auch zu viele Interessen in kontraproduktive Richtungen, etwa was die chronische Überlastung des Streckennetzes betrifft.

Wahrscheinlicher ist, dass sich die Passagiere künftig kaum noch am Fahrplan orientieren. Bereits jetzt ist es auf viel frequentierten Strecken tendenziell stressfreier, ohne Blick auf die App einfach zum Bahnhof zu gehen und in den nächsten zufällig verkehrenden Zug einzusteigen. Schließlich fahren auf vielen Verbindungen jetzt schon mindestens zwei Züge pro Stunde, da steht im Zweifel der vorvergangene noch am Bahnsteig, wenn eigentlich schon der übernächste verkehren sollte. Bloß auf schwächer befahrenen Routen funktioniert das nicht so gut.
Und wer’s schneller haben will, der kann im Jahr 2051 über die neuen Schnellstrecken im Ausland fahren, etwa in vier Stunden von Berlin nach Warschau oder durch den neuen Brennertunnel nach Italien, wenn er erst einmal das Nadelöhr bis zur deutschen Grenze passiert hat.
Populisten
Manche Verfechter der liberalen Demokratie schlugen zuletzt einen resignativen Ton an, als sei der globale Siegeszug der Populisten und Autoritären nur eine Frage der Zeit, in Deutschland zum Beispiel gilt die aktuelle Regierung manchen als die letzte Patrone der Demokratie. Aber so muss es nicht kommen. Die Wahlniederlage Viktor Orbáns in Ungarn, der Niedergang und die Spaltung der Partei von Geert Wilders in den Niederlanden zeigen ein gegenteiliges Bild.
In Polen haben die liberalen Kräfte immerhin die Mehrheit im Parlament, auch wenn die jüngste Präsidentenwahl ein prekäres Patt geschaffen hat, und in den Vereinigten Staaten ist die Zustimmungsrate zur wohlstandsvernichtenden Politik Donald Trumps zuletzt deutlich gefallen. Man sollte die Gefahren bloß nicht unterschätzen. Aber zwangsläufig ist der Niedergang nicht.
Europa
In Zeiten wachsender Konflikte kann sich Europa nur behaupten, wenn es geeint auftritt – das gilt heute als eine Binsenweisheit. Die Zweifel, ob das klappt, sind groß. Zwar ist der notorische Vetospieler Viktor Orbán abgetreten, an unsicheren Kantonisten herrscht trotzdem kein Mangel. Noch nicht mal Deutschland und Frankreich können sich über gemeinsame Rüstungsprojekte verständigen.
Andererseits hat die neue weltpolitische Lage die Stimmung in vielen Ländern zugunsten Europas gedreht, selbst im lange skeptischen Schweden wird über eine Euro-Einführung diskutiert, in Norwegen über den einst abgelehnten EU-Beitritt. Womöglich erleben wir bis zum Jahr 2051 tatsächlich eine Gemeinschaft, die sich zusammenrauft.
