Wird ein Journalist in Deutschland wegen seiner politischen Meinung „wirtschaftlich vernichtet und entrechtet“? So stellt es ein Aufruf dar, den die BSW-Politikerin Sevim Dağdelen derzeit verbreitet. Was sie verschweigt: Das angebliche Opfer betrieb ein Portal, das das Hamas-Massaker vom 7. Oktober als „palästinensische Widerstandsoperation“ feierte – und nach Überzeugung der EU und der deutschen Sicherheitsbehörden eng mit russischer Staatspropaganda verflochten war.
Es geht um Hüseyin Doğru, einen deutschen Staatsbürger türkisch-kurdischer Herkunft, der in Berlin lebt und das Medienunternehmen Red oder Red Media betrieb. Die EU hat ihn vor gut einem Jahr, am 20. Mai 2025, auf ihre Sanktionsliste gesetzt. Sein Medienunternehmen unterhalte „enge finanzielle und organisatorische Verbindungen zu russischen Propagandaakteuren“ und sei tiefgehend mit russischen staatlichen Medien verflochten, begründete die EU ihre Entscheidung. Doğru behauptet, dass das Medienunternehmen, das durch seine Firma AFA Medya A.Ş. mit Sitz in Istanbul verwaltet wurde, sich durch Spenden finanzierte.
Das Who’s who des europäischen Putin-Versteher-Milieus
Auch das BSW sieht die Sanktionsgründe der EU als unbelegt an. Laut einem Beschluss des BSW-Vorstands vom 1. April dieses Jahres zielt die Sanktion gegen Doğru „darauf ab, seine und die wirtschaftliche Existenz seiner Familie zu zerstören, und soll damit als abschreckendes Beispiel für unabhängige und kritische Stimmen insgesamt dienen“. Wagenknecht warf der EU auf Instagram vor, Doğrus Familie „auszuhungern“ – „wegen seiner politischen Meinung“. Dabei erwähnte sie allerdings nicht, dass die Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung (ZfS) das Konto von Doğrus Ehefrau nicht wegen seiner politischen Meinung gesperrt hatte, sondern weil es nach Einschätzung der Behörde zur Sanktionsumgehung genutzt worden war.

Für die Kampagne zur Solidarität mit Doğru gründete Dağdelen kurzerhand einen eigenen Verein – den „Verein für Rechtsstaatlichkeit e.V.“, dessen Vorsitzende sie selbst ist. In einer Petition, die zum Jahrestag der verhängten EU-Sanktionen von ihr im Namen des Vereins veröffentlicht wurde, wird die Bundesregierung aufgefordert, sie sofort aufzuheben. Dafür hat die Bundesregierung aber keine rechtliche Handhabe. Denn EU-Sanktionen sind unmittelbar geltendes Recht in allen EU-Mitgliedstaaten, verbindlich ohne nationalen Umsetzungsakt und vorrangig gegenüber nationalem Recht.
Die Erstunterzeichner der Petition lesen sich wie ein Who’s who des europäischen Putin-Versteher-Milieus: Roger Waters, der britische Rockmusiker und notorische Israel-Kritiker; Jeremy Corbyn, Yanis Varoufakis. Dazu Gregor Gysi, Ulrike Guérot, Gabriele Krone-Schmalz, Günter Verheugen – allesamt bekannt für ihre Nähe zu russischen Positionen. Ebenfalls zu den Erstunterzeichnern gehört Florian Warweg, der lange für RT-DE gearbeitet hat, den deutschen Ableger des russischen Staatssenders Russia Today. Heute schreibt Warweg für die „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ des Verlegers Holger Friedrich. Die BSW-Politikerin und Initiatorin Dağdelen hatte den „Tag des Sieges“ am 9. Mai in der russischen Botschaft mit Botschafter Sergej Netschajew begangen und ihn am Folgetag zu einer Matinee über „Frieden durch Dialog“ eingeladen. Bis zum 1. Juni hatten mehr als 7500 Personen die Petition „Free Doğru“ unterzeichnet, die am 20. Mai gestartet wurde.
Doğru beschuldigt die EU, den „Nazis in der Ukraine“ zuzujubeln
Im Zentrum ihres Anliegens steht dabei ein Mann, dessen Portal immer wieder auch mit israelfeindlichen Beiträgen auffiel. Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 ergriff Red klar Partei für die Hamas. Ganz im Sprachgebrauch der Terrororganisation wurde das Massaker als „palästinensische Widerstandsoperation“ bezeichnet. Doğru schrieb dazu, die Europäer hätten erst „den Nazis in der Ukraine“ zugejubelt, jetzt würden sie „Beifall klatschen für israelische Kriegsverbrechen“. Als propalästinensische Studenten am 22. und 23. Mai 2024 das Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität in Berlin besetzten, berichtete Red unmittelbar vom Ort des Geschehens. Während die Besetzer den meisten anderen Medien den Zugang verwehrten, war das Portal offenbar zuvor in die Besetzungspläne eingeweiht worden und übernahm koordinierende Funktionen.

Red legte sich in seiner Parteinahme für die Gegner Israels keine Zurückhaltung auf. Kurz vor dem ersten Jahrestag des Terrorangriffs vom 7. Oktober äußerten sich Mitglieder der Hamas, des Islamischen Jihads, der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), der Hizbullah und der Huthi auf dem Portal, das zum Sprachrohr der von Iran unterstützten Terrororganisationen wurde. Mit dieser Kampagne und seiner israelfeindlichen Haltung konnte Red die Zahl seiner Follower sprunghaft steigern, im Juni 2024 waren es rund 220.000.
Das Putin-Regime nutzt Themen, die europäische Länder spalten
Mit seinem Vorgehen erfüllte das Portal nach Auffassung der EU die Ziele russischer Propaganda und Desinformation, die gesellschaftlichen Konflikte in den EU-Staaten anzuheizen und die politische Polarisierung voranzutreiben. Das Putin-Regime nutzt dafür die Themen, die europäische Länder besonders spalten: Das kann die Migrationskrise sein, die Covid-Pandemie, der Krieg Moskaus gegen die Ukraine oder eben auch der Krieg im Nahen und Mittleren Osten. Das Portal Red habe seine Kanäle immer wieder dazu genutzt, „gezielt Falschinformationen zu verbreiten, mit der Absicht, ethnische, politische und religiöse Zwietracht unter seinem überwiegend deutschen Zielpublikum zu säen“, schrieb die EU in ihrer Begründung zu der Sanktion.
Die Bundesregierung schloss sich dieser Auffassung ausdrücklich an. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sprach in der Bundespressekonferenz am 2. Juli 2025 davon, dass solche Plattformen von Russland genutzt würden, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland und Europa zu schwächen, „indem Debatten manipuliert und durch Falschinformationen künstlich angeheizt werden“. Dass Russland hinter dem Portal stehe, habe eine Analyse der deutschen Sicherheitsbehörden klar ergeben.
Deutsche Geheimdienste sind überzeugt, dass es sich bei Red um den Nachfolger der Videoplattform Redfish handelt, für die Doğru bereits tätig war. Mit seinen Videoreportagen setzte das Medienportal von 2018 an auf Themen für die radikale Linke. Es ging damals etwa um die „Gelbwesten“ in Frankreich, die Lage der Migranten an der mexikanischen Grenze zu den USA, aber auch um deutsche Themen wie den „Kampf um den Hambacher Wald“ oder eine angebliche „Merkel-Doktrin“, laut der andere Länder mit deutschen Waffen beliefert werden sollten. Ein Video über einen Polizeieinsatz am Kottbusser Tor in Berlin sollte zeigen, wie brutal Beamte gegen einen unbewaffneten schwarzen Mann vorgingen. Nach Polizeiangaben hatte der Mann die Beamten aber vorher angegriffen und sich der Festnahme widersetzt. Alle Sujets wurden so behandelt, dass westliche Regierungen in schlechtem Licht dastanden.
Wie verlaufen die Wege von Red nach Russland?
Redfish gab sich damals als Sprachrohr unterdrückter sozialer Bewegungen aus. Alleiniger Gesellschafter war allerdings die russische Videonachrichtenagentur Ruptly GmbH, wie es ein Auszug aus dem Handelsregister vom Januar 2018 belegt. Ruptly ging wiederum aus dem staatlichen Auslandssender RT, früher Russia Today, hervor. Nach dem russischen Großüberfall auf die Ukraine Anfang Februar 2022 wurde die Lage für Redfish schwierig. Denn RT wurde am 1. März 2022 per EU-Verordnung mit einem Verbreitungsverbot belegt; die daraus folgenden Sanktionen gegen RT entzogen Redfish die organisatorische und finanzielle Grundlage, sodass das Format Anfang 2023 eingestellt wurde.
Doch zugleich wurde Red gestartet, mit Doğru als alleinigem Geschäftsführer von AFA Medya, dem angeblichen Medienunternehmen in Istanbul im Impressum. Die Kontinuität ist unübersehbar: Red postete auf dem alten Redfish-Kanal weiter, mit demselben Personal – darunter Elizabeth Cocker, Redfish-Gründerin und RT-Veteranin. Und Doğru selbst hatte die Verbindung zu Ruptly nie geleugnet. Im Jahr 2019 schrieb er der F.A.Z.: „Ein Blick auf unsere Webseite reicht aus, um zu sehen, dass wir offen damit umgehen, dass wir ein Tochterunternehmen von Ruptly sind.“ Ruptly ist die Videoagentur von RT, RT ist russisches Staatsfernsehen. Nun behauptet Doğru, Red habe sich durch Spenden finanziert. Und bei AFA Medya schien es sich um eine Briefkastenfirma zu handeln, an der angegebenen Adresse in Istanbul existierte kein Büro, wie die Berliner „Tageszeitung“ (taz) berichtete.
Der damalige amerikanische Außenminister Antony Blinken bezeichnete im September 2024 Red als Nachfolger von Redfish. Die Plattform werde von dem russischen Staatsmedium RT verdeckt in Berlin weiter betrieben. RT sei ein „vollwertiges Mitglied des Nachrichtendienstes und der Operationen der russischen Regierung im Krieg in der Ukraine“.
Doğru ist nicht der Einzige, für den das BSW kämpft
Wie Red gegen Kritik vorging, zeigt der Fall des Journalisten Nicholas Potter, der bis vor Kurzem für die „taz“ arbeitete. Potter hatte über Red berichtet – und wurde dafür Opfer einer koordinierten Rufmordkampagne, die mutmaßlich von dem Portal ausging. Im öffentlichen Raum Berlins tauchten Aufkleber auf, die Potters Gesicht zeigten und ihn als „The German Hurensohn“ bezeichneten. Die Kampagne steigerte sich bis zu Morddrohungen. Als „Beweis“ für seine angebliche Parteilichkeit diente ein zweimonatiges Stipendium, das er in Israel bei der Jerusalem Post verbrachte. Vergeben wurde das Stipendium vom Internationalen Journalisten Programme (IJP) – eines der renommiertesten Austauschprogramme im deutschen Journalismus. Red bezeichnete das als Beleg dafür, dass Potter Teil von „Deutschlands pro-israelischem Propaganda-Komplex“ sei. Das Auswärtige Amt bestätigte den russischen Ursprung der Kampagne.
Dem BSW geht es in seiner Unterstützung Doğrus augenscheinlich aber nicht um das angebliche Opfer politischer Willkür, sondern darum, jegliche Sanktionen gegen Personen aufzuheben, die im Dienste Moskaus Propaganda und Desinformation betreiben. Das betrifft auch die kremltreuen Blogger Alina Lipp und Thomas Röper, die seit Jahren Desinformation und Verschwörungstheorien im Sinne des Putin-Regimes verbreiten. Lipp, die etwa die russischen Kriegsverbrechen in Butscha leugnete und derzeit mehr als 166.000 Follower auf Telegram hat, tut das seit 2021 vom russisch besetzten Donezk in der Ostukraine aus, Röper seit Jahren von seinem Wohnsitz in St. Petersburg.
Das BSW fordert, die EU-Sanktionen gegen Doğru, Lipp, Röper und andere aufzuheben – und nennt sie dabei „Journalisten und Publizisten“. Was diese verbindet: Sie alle verbreiteten Inhalte, die nach Überzeugung der EU und der deutschen Sicherheitsbehörden im Dienste russischer Desinformationsoperationen standen.
