Als stummer Zeuge erzählt schon der Briefkasten von Heike Kekulé einen Teil ihrer Geschichte. Die meisten anderen Klappen daran wurden von der Wohnungsbaugenossenschaft Bad Salzungen längst abgeklebt, auch Kekulé, 55, wird den Plattenbau bald verlassen müssen. Ihr Sohn Michel ist schon seit vielen Jahren weg, er lebt in Berlin, aber er hat sich seiner Mutter und dem Ort, der für beide nie so richtig Heimat wurde, zuletzt wieder angenähert, in seiner Abschlussarbeit an der renommierten Ostkreuzschule für Fotografie.
Mutterland heißt das fragmentarische Projekt von Michel Kekulé, 35. Er hat dafür keine steile These aufgestellt, vielmehr dokumentiert er in seinen Bildern individuelle Ausprägungen einer kollektiven Erfahrung, die sich bis heute unendlich schwer in Worte fassen lässt, obwohl sie den Osten sehr grundsätzlich betrifft, seine Biografien und Regionen, letztlich auch seine bis heute andauernde Suche nach Glück. Denn es geht Kekulé um all die Umbruchserfahrungen nach 1989, um Deindustrialisierung und Abwanderung, Frakturen und Fehlentwicklungen. Es geht ihm um die Frage, welche Verwüstungen das, was rhetorisch oft nur trocken als Transformationszeit abgehakt wird, in Familien hinterlassen hat – und wie sich die gewaltigen Strukturbrüche bis heute fortschreiben in den Leben von Menschen, die sonst in großer Verlässlichkeit unsichtbar bleiben, in politischen Diskursen genauso wie in journalistischen Betrachtungen.
