
Im ersten Fall war die Uneinigkeit zwischen den Teilnehmern um acht bis 35 Prozent größer, wie die Forscher der Frankfurt School, der Bocconi University und des Centre for Economic Policy Research feststellten. Sie erklären dies damit, dass durch die bloße Thematisierung eines Konflikts ohne die Erwähnung neuer Fakten die Gruppenidentität gestärkt werde. Menschen nähmen dann die Welt stärker aus der Perspektive ihrer eigenen Gruppe wahr, und ihre Überzeugungen verschöben sich in die Richtung von Stereotypen. Politiker müssten demnach nicht einmal Fakten verzerren, um eine Gesellschaft zu spalten. Es reiche schon, einen bestimmten Konflikt nur hervorzuheben.
„Einladung, über Bedrohung nachzudenken“
„Die Politik aktiviert Gruppenkonflikte regelmäßig allein durch Rhetorik“, sagt Frederik Schwerter, Professor für Mikroökonomie an der Frankfurt School of Finance. „Wenn Donald Trump ‚Kommunisten, Marxisten, Faschisten und radikale linke Schläger‘ als Bedrohung für Amerika benennt, präsentiert er keine Fakten, nichts Neues und keine politischen Vorschläge. Stattdessen wird das Publikum dazu eingeladen, darüber nachzudenken, wer es bedroht.“
Nach Schwerters Ansicht bedeutet das: Oft genannte Standardrezepte gegen Polarisierung wie Faktenchecks, ausgewogene Mediennutzung und mehr Medienkompetenz könnten unzureichend sein. Wenn Identität aktiviert werde, gewichteten Menschen gruppenbasierte Überzeugungen stärker und themenspezifische Informationen schwächer. Ein gut platzierter Faktencheck könne sogar „nach hinten losgehen“, indem er die Wahrnehmung einer Voreingenommenheit der Fremdgruppe verstärke.
Es könne daher wirksamer sein, gemeinsame Identitäten zu aktivieren, etwa über kollektive nationale Projekte, gruppenübergreifende soziale Bindungen oder externe Herausforderungen. Dies könne Polarisierung wirksamer entschärfen, als ein bereits gesättigtes Medienumfeld mit noch mehr Informationen zu füttern.
