Es ist ein regnerischer und windiger Tag. Immer wieder fallen ein paar Tropfen aus den tiefen Wolken; der Rheingau zeigt sich nicht von seiner schönsten Seite. Die etwa 300 Biker, die sich an Fronleichnam vor den Hotels an der Rheinuferstraße in Assmannshausen versammelt haben, verzagen nicht angesichts des schlechten Wetters. Auf Kommando steigen sie auf ihre schweren Motorräder, werfen die Maschinen, überwiegend von der amerikanischen Kultmarke Harley-Davidson, an, und im Rheintal erschallen röhrende, tiefe und blubbernde Motorengeräusche. Dann setzt sich der Konvoi in Richtung Weltkulturerbe in Bewegung: Die Magic Bike hat begonnen.
Etwa 30.000 Besucher aus Deutschland und europäischen Nachbarstaaten werden an diesem Wochenende zu dem Motorrad-Festival in Rüdesheim erwartet. Der Verein Buddies & Bikes hat für das Kulttreffen ein umfangreiches Programm organisiert. Biker, Rockfans und Festival-Liebhaber bekommen auf drei Bühnen Musik, Entertainment und Comedy von 30 Künstlern geboten. Top-Acts wie Bülent Ceylan mit Band sowie die Tribute-Bands God save the Queen und AC/ID sind angekündigt.
„Das ist jetzt die 24. Magic Bike, und nächstes Jahr feiern wir unser großes Jubiläum“, sagt Bernhard Jung, einer der Organisatoren, während er vor Hunderten Harleys steht und auf ein Interview mit dem Fernsehen wartet. Die sieben Mitglieder von Buddies & Bikes stemmen die Veranstaltung nicht allein, denn der Harley-Davidson-Club Rüdesheim und das „Wiesbaden-Nassau-Chapter“ helfen bei der Organisation. Mehr als 100 Biker seien im Einsatz, sagt Jung. Hinzu kommen Sicherheitspersonal und die Begleitung für die geführten Motorradtouren.
10.000 Motorräder in Rüdesheim
Einer der Höhepunkte ist die große Parade durch den Rheingau, die am Samstag um 14 Uhr beginnt. Wie viele Biker dann in Assmannshausen losfahren, hängt vom Wetter ab. Jung schätzt, dass über das Wochenende etwa 10.000 Motorräder durch Rüdesheim fahren werden. „Die Hotels in Rüdesheim und Umgebung sind alle voll“, berichtet er und weist auf die „enorme wirtschaftliche Bedeutung“ der Magic Bike hin.
Vorrangig geht es aber um die Maschinen, die von ihren Eigentümern oft individuell gestaltet werden. „Jede Harley gibt es quasi nur einmal“, sagt Jung und verspricht: „Für Auge und Ohr gibt’s einiges zu sehen und zu hören.“ Die Organisation der Ausfahrten ist für das Festival-Team die größte Herausforderung. „Die Welterbe-Fahrt führt nicht nur durch Hessen, sondern auch durch Rheinland-Pfalz. Das muss alles mit den Behörden abgestimmt werden“, sagt Jung.
„Die Rheinstraße in Rüdesheim ist eine Bundesstraße, die gesperrt wird. Das ist etwas Besonderes, und die Biker wissen das auch zu schätzen.“ Die Zusammenarbeit mit der Polizei lobt er ausdrücklich, zumal die Motorrad-Staffel des Landes Hessen vollzählig zur Parade erwartet wird. „Die können sehr gut fahren, und die Biker erkennen das an“, sagt er lobend über die Beamten.

Jung selbst fährt seit vielen Jahren eine Softail Heritage, mit der er schon in Amerika auf der legendären Route 66 unterwegs war. Sein Hobby ist nicht billig, denn ein Preis von 40.000 Euro für eine neue Harley ist keine Seltenheit, und Maschinen mit Spezialumbauten können bis zu 100.000 Euro kosten.
Während der Magic Bike dürfen Interessierte (mit Führerschein) alle Modelle zur Probe fahren, sagt Jung. Auf dem Gelände bieten etwa 40 Aussteller ihre Produkte an. Die Auswahl ist groß: Helme, Lederjacken, Auspuff-Tuning – es dreht sich alles um die Bikes. Das Lederwerk Frankfurt ist dabei, es gibt einen Tattoo-Stand, und bei Jack Daniel’s wird Whisky ausgeschenkt.
Thomas Jung aus Lahnstein ist mit seiner Street Glide Spezial gekommen. Jung ist regelmäßig auf der Magic Bike und nimmt an der Ausfahrt teil. „Hut ab, das ist eine Super-Veranstaltung“, sagt er und ergänzt: „Das Wetter spielt nicht mit, aber die Leute sind trotzdem da.“ Das gilt auch für Michael und Sabine Hoeneß aus Wiesbaden. „Das ist für uns ein kleiner Kurzurlaub, selbst aus Wiesbaden kommend schläft man in Rüdesheim“, sagt Michael. Das Paar gehört dem „Two Capital Chapter“ an, also einem Motorrad-Club, dessen Name sich auf die beiden Landeshauptstädte Wiesbaden und Mainz bezieht. Michael ist auf einer Road King unterwegs und freut sich: „Die macht richtig Krach.“
Gespräche mit Bikern sind deswegen manchmal etwas schwierig, denn irgendwo läuft immer gerade eine Maschine warm. Zwei Frauen, die ihren Nachnamen nicht nennen wollen, stört das nicht. Margrit und ihre Freundin Andrea stehen im Konvoi und warten auf die Abfahrt. Die beiden wohnen im Rheingau. Margrit fährt eine Honda Rebell und Andrea eine BMW F 800. Margrit hat ihren Motorradführerschein im Alter von 67 Jahren gemacht und sitzt mit ihren 77 Jahren ganz entspannt auf ihrer Maschine, bevor sie durch das Rheintal braust.
Unterdessen bilden sich lange Schlangen an der Kasse vor dem Festivalgelände. Dort ist Vera Jung im Einsatz. Viele Wiesbadener kennen sie als langjährige Organisatorin des „Balles des Weines“ im Kurhaus. Jung kann aber nicht nur Parkett, sondern auch Kickstarter. Sie war gemeinsam mit ihrem Mann Bernhard auf der Route 66 unterwegs, und jeder hatte ein Kind als Sozius auf seiner Maschine. Auch Vera fährt eine Softail Heritage.
Wer die Magic Bike besuchen möchte, hat am Samstag und Sonntag noch die Chance. Das Programm gibt es hier.
