Tief im tropischen Wald von Yucatan strahlen grelle weiße Lichter in die Wildnis. Sie erhellen ein Wartungsdepot für ein milliardenschweres Bahnprojekt. Unmittelbar daneben liegt ein Dorf ohne Stromanschluss im Dunkeln.
Bewohner aus den Gemeinden entlang der Strecke berichten, trotz staatlicher Versprechen kaum vom Projekt profitiert zu haben. Im Ort Vida y Esperanza, der nur wenigen Meter von einem Bahnwartungsdepot entfernt liegt, hatten die Bewohner auf Veränderung gehofft. „Wir verlangen ja nicht viel“, sagt Mary Sandra Peraza, eine 30 Jahre alte Mutter von vier Kindern. Stromleitungen, die für den Zug verlegt wurden, verlaufen nahezu direkt über ihrem Haus. Dennoch ist ihre Familie für die Energieversorgung auf ein gemietetes Solarpanel und einen Generator angewiesen. „Einen wirklichen Nutzen haben wir nicht“, sagt sie.



Noch vor der Morgendämmerung kocht Peraza das Frühstück auf einer Propangaskochplatte in einer kleinen Außenküche. Die einzige Grundschule des Dorfes liegt nur einen Steinwurf vom Depot entfernt, hat aber ebenso keinen Stromanschluss. Weder Ventilatoren noch Computer oder eine verlässliche Beleuchtung sind vorhanden.
Die Lehrerin der Schule, Lidia Patricia Chan Us, von ihren 35 Schülerinnen und Schülern liebevoll „Maestra Pati“ genannt, kämpft seit Jahren darum, einen Stromanschluss zu bekommen.
Die Behörden teilen ihr mit, dass eine Stromleitung zur Schule erst dann möglich sei, wenn das Grundstück unter der Schule formal eingetragen ist. Dieses bürokratische Problem ist auf kommunalen Landflächen im ländlichen Raum weitverbreitet. Chan Us hatte jedoch gehofft, dass sich das mit dem Großprojekt ändern würde, das die Regierung als Motor für Entwicklung und Fortschritt angepriesen hatte.
„Am Anfang, als das Projekt kam, haben wir uns gefreut“, sagt Chan Us. Einige Bewohner hätten Lebensmittel an die Bauarbeiter verkauft. Das war ein echter Vorteil für die Dorfgemeinschaft, wie sie findet. „Aber als der Bau endete, war es genauso schnell vorbei, wie es gekommen war.“
Im Bundesstaat Quintana Roo, wo Vida y Esperanza liegt, sank der Anteil der Haushalte mit Stromanschluss laut amtlichen Daten während des Streckenbaus sogar leicht, obwohl gleichzeitig neue Umspannwerke für den Betrieb des Zuges errichtet wurden.
Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum verteidigt die Strecke als Erfolg. Auf einer ihrer regulären Morgenpressekonferenzen erklärte sie, das Projekt habe zur regionalen Entwicklung beigetragen, räumte jedoch ein, dass „das keine Sache ist, die über Nacht geschieht“.



Ein Versprechen, das nie eingelöst wurde
Andrés Manuel López Obrador hatte den Maya Zug als sein Vorzeigeprojekt vermarktet: Die Rundstrecke verbindet Städte und archäologische Stätten auf der Halbinsel Yucatán und sollte nach dem Willen des damaligen Präsidenten indigene Mayagemeinden wirtschaftlich fördern und den Tourismus über die Badeorte rund um Cancún hinaus in die Region lenken. Doch diese Entwicklung lässt auf sich warten, wie Regierungsdaten belegen.
Zwar lösten die Bundesausgaben für den Maya-Zug 2023 einen historischen Wirtschaftsschub von 13,2 Prozent im Bundesstaat Quintana Roo aus, doch dieser erwies sich als vorübergehender, baubedingter Aufschwung. In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 brach die Wirtschaft des Bundesstaates laut aktuellen Daten des Statistikamts Inegi wieder um 9,7 Prozent ein. In Quintana Roo konnte zwar die Arbeitslosigkeit gesenkt werden, doch rund 60 Prozent der Arbeitnehmer auf der Halbinsel Yucatán arbeiten weiterhin in informellen Jobs ohne rechtlichen Schutz oder Sozialversicherung.




Die seit jeher marginalisierten Mayagemeinschaften im Südosten Mexikos leiden unter Armut und einem eingeschränkten Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen. Über Jahrzehnte stellte die mexikanische Regierung Entwicklung und neue Chancen in Aussicht. Viele Aktivistinnen und Aktivisten aus den Gemeinden zeichnen jedoch ein anderes Bild: Sie berichten von geschädigten Wäldern und zunehmend erodierenden Böden.
Klagen von Umweltorganisationen und indigenen Gemeinschaften gegen den Bau scheiterten letztlich, als die Regierung das Projekt unter Berufung auf nationale Sicherheitsausnahmen vorantrieb. Für viele Maya ist das Land, über das die Gleise verlaufen, heiliges Erbe, zentral für ihre Identität und ihre Verbindung zu den Vorfahren. „Ich bin empört über die Art, wie die Regierung vorgegangen ist; denn sie hat uns nicht einbezogen“, sagt Eliseo Ek, 45, ein indigener Aktivist aus der Gemeinde Nicolás Bravo in Quintana Roo.
Wasser aus dem Kofferraum
In Xpujil, einem Ort nahe der Bahnstrecke und dem Calakmul-Biosphärenreservat im Bundesstaat Campeche, dreht Nicolás Moreno Jiménez einen Wasserhahn in seinem schlichten Betonhaus auf. Nichts kommt.
López Obrador hatte versprochen, die chronische Wasserknappheit der Stadt zu beheben, als er im Januar 2024 den Adolfo-López-Mateos-Aquädukt in Xpujil einweihte. „Wie baut man ein Großprojekt wie den Maya-Zug und bringt kein Wasser?“, fragte López Obrador damals bei der Veranstaltung.
Doch die Hähne sind immer noch trocken, sagt Moreno. „Das waren leere Worte“, urteilt er über das Versprechen des Ex-Präsidenten. Jede Woche bringt er mit dem Auto Wasser aus einer anderen Gemeinde, damit sein Sohn, ein Universitätsstudent, duschen, Geschirr spülen und die Toilette benutzen kann. Rund 70 Prozent der Bevölkerung Campeches haben Zugang zu fließendem Wasser. Für die Bewohner Xpujils gilt das offenbar noch immer nicht.


Zu teuer und zu weit ab vom Schuss
Auch der Zug selbst hat Mühe, das erhoffte Interesse zu wecken. Ursprünglich als nahtlose Bahnverbindung zwischen Cancún und anderen bedeutenden Touristenzielen geplant, wurden wesentliche Streckenabschnitte durch Rechtsstreits und Landnutzungsauflagen ins Landesinnere verlegt. Viele Bahnhöfe liegen weit von Stadtzentren und Flughäfen entfernt und sind damit für Reisende kaum praktisch nutzbar.
Die Nachrichtenagentur Reuters besuchte im November 2025 drei Bahnhöfe, die alle weitestgehend menschenleer waren. Auf einem Nachmittagszug zwischen Bacalar und Chetumal waren an einem Wochentag weniger als 40 der 230 Sitzplätze besetzt.
López Obrador hatte prognostiziert, der Zug werde nach Fertigstellung drei Millionen Passagiere pro Jahr befördern. Diese Zahl wurde inzwischen auf 1,2 Millionen korrigiert. Gleichzeitig ist das Projektbudget von sieben Milliarden auf mehr als 25 Milliarden Dollar angewachsen, während die Einnahmen im vergangenen Jahr weniger als 13 Prozent der Betriebskosten deckten. Entlang der Strecke entstanden außerdem sechs Tren-Maya-Hotels. Eines davon im Calakmul-Reservat, eingebettet in den Dschungel, verfügt über zwei Pools und moderne Ausstattung. An einem Novemberabend war es laut einer Mitarbeiterin am Empfang nur zu rund 20 Prozent ausgelastet.



Präsidentin Claudia Sheinbaum hat Kritik am Zug stets zurückgewiesen und ihn als Erfolg bezeichnet. Auf ihren täglichen Pressekonferenzen präsentiert sie regelmäßig Tourismuspakete für die Strecke und hat zudem angedeutet, die Bahnlinie könne künftig auch für Gütertransporte genutzt werden.
Für Moreno stellen die Hotels eine besonders bittere Benachteiligung dar. Seine Familie wurde vor Jahrzehnten umgesiedelt, als die Regierung das Calakmul-Reservat schuf, ein UNESCO-Welterbe zum Schutz der Artenvielfalt und der Ruinen des einstmals mächtigen Mayareichs. „Wir waren seit 1980 dort“, sagt Moreno. „1993 haben sie uns vertrieben. Und jetzt bauen sie Hotels dort, wo wir nicht bleiben durften. In den Pressekonferenzen heißt es, die Armen kommen zuerst“, fügt er hinzu. „Aber sie nehmen uns unsere Rechte weg.“




