In Albanien formiert sich Widerstand gegen ein Fremdenverkehrsprojekt, das maßgeblich von Präsident Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner vorangetrieben wird. Seit Wochenbeginn ziehen in Tirana jeden Abend Tausende Demonstranten vor den Amtssitz von Ministerpräsident Edi Rama. Sie fordern einen Stopp der Arbeiten und den Rücktritt des Regierungschefs, der das Bauvorhaben mit einem Investitionsvolumen von rund 1,4 Milliarden Euro nachdrücklich unterstützt.
Am Mittwoch kam es am Rande einer Kundgebung zu Zusammenstößen mit der Polizei. Diese setzte Wasserwerfer ein, um die Demonstranten vom Amtssitz des Regierungschefs abzudrängen. Auch für diesen Donnerstagabend ist eine Kundgebung angekündigt.
Die projektierten Bauflächen liegen im Naturschutzgebiet um die Lagune von Narta im Delta des Flusses Vjosa. Das Feuchtgebiet ist ein wichtiger Nist- und Rastplatz für Zugvögel, unter ihnen Flamingos, Pelikane und Reiher. Naturschützer befürchten, dass die geplante Errichtung von Luxushotels und Villenanlagen mit bis zu 10.000 Zimmern, dazu Yachthäfen, Pools und Freizeiteinrichtungen, auf einer Fläche von 1400 Hektar das Ökosystem des Vjosa-Deltas aus dem Gleichgewicht bringt. In dem Delta liegt auch der umstrittene internationale Flughafen von Vlora, dessen Eröffnung sich wegen Rechtsstreitigkeiten mit Umweltschützern und unter den Baubeteiligten weiter verzögert.
Hinter dem Bauvorhaben auf der Halbinsel Zvërnec und der vorgelagerten Insel Sazan steht das Unternehmen Affinity Partners, das unter Führung Kushners über Investitionsmittel aus Qatar und Saudi-Arabien in Höhe von drei Milliarden Euro verfügen soll. Bei Zvërnec wurden Ende Mai Vorbereitungen für den Bau von Zufahrtsstraßen begonnen und Absperrgitter errichtet.
Der verschlafene Weiler Zvërnec liegt, rund zehn Kilometer Luftlinie südlich des Flughafens Vlora, am Ende einer lang gestreckten Landzunge. Die enge Straße parallel zur Küste führt durch einen dichten Pinienwald. Auf einer winzigen Insel liegt ein orthodoxes Marienkloster aus dem 14. Jahrhundert, es ist durch einen geschwungenen Holzsteg mit dem Festland verbunden.
Jared Kushner und seine Ehefrau Ivanka Tump sollen schon bei ihrem ersten Besuch an der albanischen Riviera vor Jahren von dem Entwicklungspotential dieses Küstenabschnitts überzeugt gewesen sein. Als Cicerone wirkte damals Richard Grenell, in Trumps erster Amtszeit Botschafter in Berlin und dessen Balkan-Beauftragter. Gemeinsame Bauprojekte von Kushner, Trump und Grenell in anderen Staaten des Westbalkans, namentlich in der serbischen Hauptstadt Belgrad, liegen vorerst auf Eis.

Der albanische Partner des Konsortiums, das Unternehmen Sazan Real Estate Development, verspricht einen verantwortungsvollen Umgang mit der geschützten Natur und die Einhaltung aller Umweltauflagen. „Unser Fokus liegt weiter auf verantwortungsvoller Bewirtschaftung, Umweltschutz, Schaffung von Arbeitsplätzen und der langfristigen Wertschöpfung für die lokalen Gemeinschaften“, teilte das Unternehmen mit.
Ministerpräsident Rama bekräftigte vor der Presse in Tirana seine Unterstützung für das Projekt. „Es gibt absolut keine Chance, dass die Investition gestoppt wird, solange ich hier bin.“ Rama erinnerte daran, dass er bei den Parlamentswahlen vom Mai 2025 ein klares Mandat für die Fortsetzung der Regierungsarbeit erhalten habe, zeigte sich aber offen für den Dialog über Einzelheiten des Bauvorhabens.
Rama warf den Demonstranten und deren „selbst ernannten Sprechern“ vor, die Öffentlichkeit mit „Falschinformationen“ hinters Licht zu führen. Er begrüßte es ausdrücklich, dass die albanische Sonderstaatsanwaltschaft für Korruptionsbekämpfung Ermittlungen zum Gesetzgebungsprozess von 2024 im Zusammenhang mit dem Projekt in dem Schutzgebiet sowie zu Eigentumsübertragungen in der Gegend um Zvërnec aufgenommen habe.
