
Am Ende der Woche werden an 27 Stellen im Hochtaunuskreis Stelen stehen, die auf Orte der Demokratie hinweisen. Damit beteiligt sich der hessische Landkreis an der World Design Capital. An die Holzsäulen sind Infoschilder aus Kunststoff geschraubt. So soll sichtbar werden, wo im Taunus Demokratie historisch gewachsen ist und „bis heute aktiv gestaltet wird“. Die Stelen sind auch als Appell gedacht: Sie sollen daran erinnern, dass die Volksherrschaft nicht selbstverständlich sei, sondern täglich gelebt werden müsse, um eine Gesellschaft in Freiheit zu garantieren.
Das ist alles richtig und wichtig. Doch kommen Zweifel auf, ob die Sperrholz-Stelen helfen, die Demokratie zu stärken. Die Frage stellt sich ästhetisch, kommunikationstheoretisch und historisch.
Über Geschmack lässt sich streiten. Der Kreis nennt die Säulen künstlerisch gestaltet. Möglich, dass sich eine Tafel mit WDC-Logo als Alltagskunst interpretieren lässt und ein QR-Code als optischer Schlüssel zu Tiefenschichten. Schön finden müssen Vorübergehende sie deshalb nicht. Wobei zu erwarten ist, dass etliche auch einfach genau das tun werden – nämlich vorübergehen.
Kommt die Botschaft beim Volk an?
Womit der nächste Zweifel angesprochen ist, der nach der Wirkung. Kommt die Botschaft beim Volk an? Helfen derlei Projekte, die Demokratie zu festigen? Das wäre ein Thema für eine Arbeit zum Thema Sender-Empfänger-Modell in einer kommunikationswissenschaftlichen Studie. Solange es nicht mit einer Umfrage oder gar vertiefenden Interviews unter Einwohnern im Taunus erforscht ist, müssen Erfahrungswerte herhalten. Die sagen: Eine Säule vor einem Rathaus oder einer Freiheitslinde macht noch keinen Demokraten.
Vielmehr sind es doch die Orte selbst, die Demokratie vermitteln. Im Fall der 1848 gepflanzten Linde im Bad Homburger Stadtteil Gonzenheim handelt es sich sogar um gespeicherte Demokratiegeschichte, Jahresring für Jahresring. Das Rathaus von Friedrichsdorf dagegen ist ein Verwaltungs-Zweckbau. Erfüllt es seinen Zweck, stärkt das die Demokratie. Mit oder ohne Stele.
Die 27 Orte sind eine Auswahl. Die muss nicht vollständig sein. Trotzdem erstaunt es, dass in Königstein zwar drei Säulen stehen, keine davon aber vor der Villa Rothschild, in der die westdeutschen Ministerpräsidenten 1948 am Grundgesetz arbeiteten. Dafür ist der Große Feldberg dabei. Dort entfachte Ernst Moritz Arndt am ersten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig ein Freudenfeuer. Das macht den Gipfel für den Kreis zum Symbol, zusammen mit einem Turnfest in der Höhe. Doch warb Arndt nicht nur für die Einheit Deutschlands, sondern säte auch Hass gegen Juden und Franzosen. Als Gewährsmann für die Demokratie ist er damit zumindest fragwürdig.
