Familie. Dieses Wort fällt in jedem Gespräch mit Mitgliedern des FC Würzburger Kickers Mädchen- & Frauenfußball. Ob Spielerin, Trainerin oder Teil des Vorstands: Sie alle erzählen davon, wie wohl sie sich in diesem Verein fühlen und wie verbunden sie miteinander sind. Es ist dieses Wir-Gefühl, das so viele motiviert, hier ihre Zeit zu verbringen.
In der jüngsten Welle des Sportentwicklungsberichts, veröffentlicht vor einem Jahr, ist zu lesen, beim ehrenamtlichen Engagement in Vereinen seien „signifikante Rückgänge“ zu erkennen. Hier in Würzburg entsteht der gegenteilige Eindruck: Mehr als zehn Prozent der Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich, hinzu kommen zahlreiche Freiwillige, die Kuchen backen, Fahrten übernehmen oder Pflastersteine verlegen. Wie hat der Verein das geschafft?
An einem Frühlingstag im April steht Gudrun Reinders auf dem Vereinsgelände am Würzburger Heuchelhof. Reinders, erste Vorsitzende und zuständig für das Personal, hat den Grundstein für den Verein gelegt. 2010 organisierte sie das erste Mädchenfußballtraining. Aus anfangs vier Spielerinnen und einer Abteilung des SC Heuchelhof ist heute ein eigenständiger Verein mit über 200 Mitgliedern und Mannschaften von der U8 bis zu den Damen geworden. Das Familiäre, das Wir-Gefühl dieses Vereins, ohne Reinders würde es das nicht geben. Doch sie weiß: „Wenn wir die Ehrenamtlichen nicht hätten, könnten wir das alles nicht machen.“
Die Trainer unterstützen
Eine dieser Ehrenamtlichen ist Johanna Rüppel. Sie ist seit 2024 im Verein, spielt in der ersten Frauenmannschaft und trainiert die U10-Juniorinnen. An diesem Tag im April hat sie außerdem mit drei anderen Spielerinnen das Girls-Camp geleitet. Ein Camp, bei dem fußballbegeisterte Mädchen drei Tage lang zusammen trainieren und spielen, unabhängig von Erfahrung und Können. „Die Kids sind leicht zu begeistern, das macht so viel Spaß“, sagt Johanna.
Als Spielerin der ersten Mannschaft trainiert Johanna viermal in der Woche selbst. Sie ist eine von zehn Spielerinnen der Mannschaft, die sich zusätzlich als Trainerinnen einer Juniorinnen-Mannschaft um den Nachwuchs kümmern. Sie verbringen im Schnitt zehn bis fünfzehn Stunden pro Woche im Verein – ohne Spieltage und Trainingslager und ohne Geld dafür zu bekommen. Johanna und ihre Kolleginnen stecken so viel Zeit in den Verein, weil sie den Fußball lieben und sich selbst weiterentwickeln möchten. Weil sie gerne mit Kindern arbeiten und dazu beitragen wollen, dass die Kleinen besser werden. Und sie tun es, weil der Verein sie dabei unterstützt.

Gudrun Reinders hat sich schon oft mit Trainerinnen und Trainern anderer Vereine unterhalten. Viele erzählen ihr, dass sie das Gefühl hätten, allein mit ihrer Mannschaft zu sein. „Dieses Gefühl, das wollen wir hier nicht“, sagt Reinders. Deswegen trifft sich der Vorstand alle sechs Wochen mit den Trainerinnen und Trainern aller Mannschaften. Um über Veränderungen zu informieren und neue Projekte zu diskutieren. Um gemeinsam zu entscheiden, wann wer bei einem anderen Team hospitiert, damit die Spielerinnen alle Trainer kennen und ihnen so der Übergang von einer Mannschaft zur nächsten leichter fällt. Und um über Probleme und Wünsche der Trainerinnen und Trainer zu sprechen. Reinders sagt: „Wir bemühen uns, alles auf Augenhöhe zu machen.“
Perspektiven geben und Entwicklungen fördern
Neben Gudrun Reinders steht Jonathan Rudingsdorfer. Er ist im Vorstand zuständig für die Jugend und sportlicher Leiter des Nachwuchsförderzentrums für Juniorinnen (NFZ), das die Frauen-Kickers gemeinsam mit dem Sportzentrum und dem Lehrstuhl für Empirische Bildungsforschung der Universität Würzburg betreiben. Rudingsdorfer sagt: „Wir im Vorstand müssen den Rahmen für die Ehrenamtlichen schaffen. Wir müssen dafür sorgen, dass es zeitlich für sie passt, dass sie sich ausprobieren können und Fehler machen dürfen.“
Deswegen finden beispielsweise die Trainings der Juniorinnen vor dem Training der ersten Mannschaft statt, damit Johanna Rüppel und ihre Kolleginnen nur einmal zum Gelände fahren müssen. Sie bekommen den Trainerschein bezahlt und werden bei der Trainingsgestaltung unterstützt. Seit Kurzem können sie sich sogar in einer App mit ein paar Klicks Übungen zusammenstellen, passend zu Spielerinnenanzahl und Trainingszielen.

Neben all der Unterstützung für die Trainerinnen und Trainer will der Vorstand, dass diese ihre Position ernst nehmen. „Wir machen von Beginn an klar, dass uns eine langfristige Perspektive wichtig ist, weil die Spielerinnen Kontinuität erwarten“, sagt Rudingsdorfer. Dafür nimmt der Verein auch ernst, wenn sich eine Trainerin weiterentwickeln möchte. Will eine U10-Trainerin mal ältere Mädchen trainieren, kann sie bei der U12 oder U14 hospitieren und irgendwann dort ins Trainerteam wechseln. Oder über Erasmus+ eine Woche lang an Workshops von zum Beispiel Athletic Bilbao in Spanien teilnehmen. Um den Trainerinnen so eine Reise ermöglichen zu können, nutzt der Verein öffentliche Förderprogramme als Finanzierungsquelle.
Die Eltern integrieren
Die Aufmerksamkeit, die der Vorstand den Trainern und Spielerinnen schenkt, schenkt er genauso den Eltern. Zweimal im Jahr, zu Saisonbeginn und zum Start der Rückrunde, gibt es einen Elternabend. Dabei informiert der Vorstand die Eltern über Neuigkeiten, Änderungen und Probleme. Und sie planen gemeinsam, was die nächsten Monate organisatorisch anfällt und wobei die Eltern unterstützen können. Hierbei hilft, dass Reinders bei den meisten weiß, welche Berufe und Fähigkeiten sie haben. „Wir haben das abgefragt“, sagt sie. „Denn wenn wir die Interessen der Eltern kennen, können wir sie gezielt für Projekte ansprechen.“
Um die Eltern noch besser kennenzulernen, gibt es beim FWK zudem neuerdings die Elternworkshops. „Beim Elternabend redet der Verein“, sagt Reinders. „Beim Workshop reden die Eltern.“ Moderiert von einer Sozialpädagogin erzählen die Eltern dann, ob sie mit der Kommunikation und Transparenz im Verein zufrieden sind, welche Strukturen ihnen fehlen oder welche Unterstützung sie sich wünschen. Aus den Gesprächen können Reinders und ihr Team dann neue Maßnahmen ableiten, um das Vereinsleben für alle zu verbessern.
Der Verein setzt stark auf „Geld von außen“
Dass der FWK die Eltern so stark einbezieht, hat sich bisher ausgezahlt. Alle tragen die Vereinsstrategie mit und konnten für die Projekte begeistert werden. Dass Verein und Eltern sich mal nicht einigen können, kam laut dem Vorstand bisher nur in Einzelfällen vor, in denen es nicht um den Verein als Ganzes ging, sondern speziell um die Förderung einer Spielerin. Hier könne es eine Lücke geben zwischen dem, was die Eltern für ihr Kind wollten, und dem, was der Verein leisten könne. Nur zwei oder drei Spielerinnen hätten deswegen in den letzten fünf Jahren den Verein gewechselt, erinnert sich Reinders.
Die Eltern sind Teil des Netzwerks, ohne das ein Verein nicht bestehen kann. „Das Netzwerk ist enorm wichtig“, sagt Reinders. Deswegen investieren die Vorstandsmitglieder einen Teil ihrer Zeit in die Kontaktpflege. Sie kennen Menschen aus dem Würzburger Stadtrat und aus regionalen Unternehmen. Sie gehen zu Veranstaltungen verschiedener Verbände und werben dort für ihren Verein – beziehungsweise für konkrete Projekte.
Denn das ist eins der finanziellen Erfolgsgeheimnisse des FWK: Neben den Mitgliedsbeiträgen und dem Geld aus der bayerischen Sportförderung setzt der Verein stark auf „Geld von außen“. Dabei denkt der Vorstand in Projekten, macht diese sichtbar und sucht für jedes einzelne gezielt passende Spender und Sponsoren, für die es einen Mehrwert hat, sich finanziell zu beteiligen. Auf diesem Weg hat der Verein letztes Jahr beispielsweise genügend Geld zusammenbekommen, um einen neuen Kunstrasenplatz zu bauen.
„Diese Vereine haben verstanden, dass sie eine Vision brauchen“
Sich um die Spielerinnen kümmern, die Trainerinnen unterstützen, nach öffentlichen Förderprogrammen suchen, Sponsoren auftreiben, das Netzwerk pflegen, die Eltern integrieren – all das kostet Zeit. Reinders und ihre drei Vorstandskollegen arbeiten pro Person jede Woche mindestens zehn Stunden ehrenamtlich für den Verein. Zu Hochzeiten, wenn zum Beispiel Turniere oder Großprojekte wie der Kunstrasenplatz anstehen, können es auch über 20 Stunden pro Woche sein. Das muss man zeitlich erst mal schaffen. Reinders, Rudingsdorfer und die anderen tun es, weil ihnen die Mädchen und jungen Frauen am Herzen liegen.
Die Maßnahmen, die der FWK umsetzt, basieren auf Erfahrungswerten, Gesprächen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Heinz Reinders, Vorstandsmitglied und mit Gudrun Reinders verheiratet, hat als Inhaber des Lehrstuhls für Empirische Bildungsforschung der Universität Würzburg viel zu bayerischen Fußballvereinen geforscht. Dabei hat er unter anderem herausgefunden, dass besonders erfolgreiche Vereine eine klare Kommunikations- und Aufgabenstruktur haben, auf ein breites Netzwerk zurückgreifen können und ihre Ehrenamtlichen nicht mit Geld, sondern mit Wertschätzung ködern. Also über das Gefühl, dazuzugehören.
„Zudem haben diese Vereine verstanden, dass sie eine Vision brauchen“, sagt Heinz Reinders. „Ein Ziel, mit dem sich alle identifizieren können und das alle mittragen.“
Solch ein Ziel haben die Frauen-Kickers jetzt auch. Anfang März haben sie ihre Vision 2030 vorgestellt. Mit Maßnahmen und Zielen für Spielerinnen, Teams, Trainer, Eltern und den Verein, die alle auf eine Mission einzahlen: die weiblichen Talente der Region im Leistungsfußball optimal zu fördern. Gudrun Reinders ist überzeugt: „Wenn man groß denkt, erreicht man vielleicht auch Großes.“
