Das Kontrastprogramm war verlockend. Er wolle Mario-Kart-Spielen und dann früh schlafen gehen, hatte Alexander Zverev lapidar angekündigt, nachdem er bei den French Open zum bereits fünften Mal in den vergangenen sechs Jahren das Halbfinale erreicht hatte. Insofern ist nicht ganz klar, ob er am späten Dienstagabend – wie er das ebenfalls andeutete – auf der Couch sitzend eingeschaltet hatte, als zwei Jungspunde auf dem Court Philippe Chatrier seinen nächsten Gegner ermittelten.
Spätestens am Morgen hat Zverev dann aber wohl erfahren, dass er es am Freitag (14:30 Uhr live bei Dazn und Eurosport) mit dem 20 Jahre alten Tschechen Jakub Mensik zu tun bekommt, der wiederum den 19 Jahre alten Brasilianer Joao Fonseca 6:4, 6:3, 7:6 (7:3) besiegt hatte. Für Zverev sind die Tage der Entscheidung in Paris nunmal ein wenig wie „business as usual“. Mit der großen Ausnahme allerdings, dass er nach dem völlig überraschenden Aus des Weltranglistenersten Jannik Sinner erstmals der haushohe Favorit ist und die Chance wohl nie größer war, endlich den seit Jahren ersehnten ersten Grand-Slam-Titel zu gewinnen.

Das bislang einzige Duell mit Zverev hatte Mensik zwar erst Ende im April in drei umkämpften Sätzen beim Masters in Madrid verloren. Doch schon wenige Wochen später wirkt er noch ein bisschen stabiler als damals. In der „night session“ am Dienstagabend hatte er sich jedenfalls einen am Ende erstaunlich einseitigen Kampf mit dem ähnlich talentierten Fonseca geliefert – und gezeigt, was ihn von seinen Altersgenossen abhebt.
Denn Fonseca ist im Grunde auf dem besten Wege, so etwas wie der nächste Adoptivsohn des Pariser Publikums zu werden. Einer jener ausländischen Lieblinge wie das zuvor schonmal sein berühmter Landsmann Gustavo Kuerten war, vor allem aber der Spanier Rafael Nadal. Sicher auch in jahrzehntelanger Ermangelung heimischer Sieganwärter wurden sie von den Franzosen irgendwann besonders ins Herz geschlossen und als einer der ihren akzeptiert. Die Unterstützung von den Rängen war ihnen fortan in jedem Match und unabhängig vom Spielstand sicher.
Im Viertelfinale wirkte Mensik wie der Spießer vom Ordnungsamt
Auch Fonseca bekam gegen Mensik, schon als er den Platz betrat, donnernden Applaus. Aus einer Ecke mit vielen Zuschauern in leuchtend-gelben Brasilien-Trikots wurden Fußballfangesänge angestimmt, in die bald das halbe Stadion einfiel. Wenn es eng wurde, wenn es spektakulär wurde, wenn er mal wieder aus dem Nichts eine seiner gefürchteten Vorhandschläge über das Netz donnerte, wurde es laut. Mensik wirkte in dieser Atmosphäre dagegen oft wie der Spießer vom Ordnungsamt, der den Regler der Musikanlage mit Verweis auf die behördliche Lärmbelästigungsverordnung prompt wieder runterdrehte.

Der schüchterne Tscheche ist keiner, dem die Fanherzen zufliegen. Sein Spiel ist unspektakulär gut, mehr gnadenlos effizient als gnadenlos mitreißend. In Interviews spricht er mit monotoner Stimme, zieht sich zumeist auf etablierte Sportlerphrasen zurück. „Sogar als die Fans aufgedreht haben, habe ich nichts gehört. Ich war zu sehr bei mir selbst“, sagte er am späten Dienstagabend, als er erklären sollte, wie er nach sechs vergebenen Matchballen im Tiebreak des dritten Satzes plötzlich wieder stabil war. „In the zone“, sagt Mensik dazu auf Englisch immer wieder, so wie das vor allem Basketballer gerne sagen, wenn sie den Zustand mit dem größtmöglichen Fokus beschreiben.
Mensik ist der Mann „in the zone“
Mensik, das wurde am Dienstag klar, an dem zuerst Zverev Jodar die Grenzen aufzeigte und dann er selbst Fonseca zurechtstutzte, ist damit schon einen Schritt weiter als seine jeweils ein Jahr jüngeren Mitbewerber aus der Riege der aufstrebenden Großtalente. Mit ähnlichen Stärken ausgestattetet wie Fonseca oder Jodar – einem guten Aufschlag, einer kräftigen Vorhand, einem Hang zum unwiderstehlichen Angriffstennis also – spielt Mensik schon viel häufiger den richtigen Schlag zur richtigen Zeit. Vor allem aber, lässt er sich von allem, was um ihn herum passiert, so wenig beeinflussen, dass er weniger Schwankungen in seinem Spiel hat. „Ich schaue immer nur auf den nächsten Schlag“, sagte er. So sehr sei er „in the zone“.
Damit treibt Mensik das beliebte Sportlermantra des „Von-Spiel-zu-Spiel-Schauens“ gewissermaßen auf die Spitze. Vor allem scheint er früh in seiner Karriere eine Erkenntnis gewonnen zu haben, für die andere Spieler Jahre brauchen. Einzig wenn er sich, wie etwa zu Beginn der Sandplatzsaison in diesem Jahr, zu viele Gedanken um seinen eigenen Körper machen müsse, verliere er bisweilen seinen Fokus für das Geschehen auf dem Platz. Kurz nachdem er das erzählt hatte, bekam Mensik mitten in seiner Pressekonferenz einen Krampf im Bein. Er lachte, dehnte sich und entschuldigte sich für die kurze Unterbrechung. Dann sprach er weiter, als wäre nichts gewesen.
