Für Gärtner, die gerne Ordnung in ihr Planquadrat bringen, ist schon die fehlerfreie Aussprache des Begriffs eine Zumutung: No Mow May, das klingt irgendwie nach Kuh, hat aber nur sehr indirekt damit zu tun. Hinter dem Begriff steckt eine nicht mehr ganz neue Kampagne, im Mai einfach mal das Mähen (nicht das Muhen) sein und die Wiese wachsen zu lassen. Auf diese Weise sollen Wildblumen aufblühen, damit sie Bienen und anderen Insekten als Nahrungsquelle dienen.
Der mähfreie Mai ist aber nicht nur für die Bienchen gut. Längeres Gras bietet vielen Insekten und Spinnen Schutz und Lebensraum, auch Igel und andere kleine Säugetiere profitieren. Am Ende hat sogar der ordnungsliebende Gärtner etwas davon. Lange Halme verankern sich besser im Boden, die Wurzeln reichen tiefer – der Rasen ist später widerstandsfähiger gegen Trockenphasen im Sommer. Denn spätestens im Hochsommer lassen Anhänger getrimmter Rasenflächen wieder den Rasenmäher auf die Wiese los. Wer schnell mäht, lässt Insekten keine Zeit zur Flucht und zerhäckselt das mühsam aufgebaute Biotop wieder. Das war’s dann mit dem Leben hinter dem Haus.

Wer das schade und unsinnig findet, kann eine eigenwillige Herrschaftsform im Garten anwenden: Anarchie. Der Rasenmäher wird verkauft, das spart Zeit und Arbeit und rettet Leben. Denn viele Grasarten sind ein Paradies für Insekten, haben Göttinger Agrarökologen kürzlich in einer Studie im Fachmagazin Basic and Applied Ecology herausgefunden. Die Wissenschaftler inspizierten zwar keine Privatgärten, dafür aber 15 Felder mit Grünland – und stießen auf eine kleine Sensation.
Auf Grünland, in dem mehrjährige Grasarten wuchsen, fanden sie 255 verschiedene Arten von Insekten. Darunter waren kleine, fast unscheinbare Kerbtiere wie Gallmücken, Halmfliegen, Wespen oder Käfer. Je länger die Halme waren, desto mehr wimmelte es vor Leben. Die meisten der gefundenen Insekten sind großartige Spezialisten, die auf eine bestimmte Grasart angewiesen sind. Ein Drittel der Insekten ernährt sich direkt vom Gras, der Rest – darunter vor allem Wespen – lebt als Parasiten von den grasfressenden Insekten. Sie sind die Feinde der Grasfresser. So schließt sich der Kreis.
Artenreiches Grünland ist bedroht
Auf den Feldern mit einjährigen Grasarten fanden die Forscher: nichts. Nicht einmal eine müde Fliege entdeckten sie auf den Halmen. Und die Forscher waren gründlich, sie scheuten keine Mühe, um das unscheinbare Leben im Gras zu entdecken. 23.000 Halme suchten sie jeden Herbst auf kleine Insekten ab und ordneten sie ihrer Art zu. Zudem zogen sie kleine Larven im Labor auf, um sie später bestimmen zu können. Zum Abschluss analysierten sie das Nahrungsnetz zwischen den Gräsern, pflanzenfressenden Pflanzen und deren Feinden, den parasitischen Wespen.
Wer regelmäßig mäht, zerstört dieses kleine Idyll – was Grundlandbewirtschafter in der Regel ignorieren. Die naheliegende Botschaft drückt der Göttinger Studienleiter Teja Tscharntke daher so aus: „Stabile Insekten-Populationen brauchen ungestörte Refugien mit intakten Grashalmen.“ Ob in Brüssel und Berlin künftig für intakte Grashalme Politik gemacht wird? Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Dabei ist artenreiches Grünland bedroht, künftig sollen Bauern noch mehr Energiepflanzen wie Mais für die Wärmewende anbauen, damit im Heizungskeller alles so bleiben darf, wie es ist. Biogas statt Biogras.
Für Naturgärtner bleibt immerhin eine Möglichkeit, etwas für die unscheinbare Welt der Gräser zu tun: Lasst die Halme im Herbst einfach stehen. Der No Mow May gilt für das ganze Jahr.
