Herr Madsen, der tote Buckelwal wird bald auf der dänischen Insel Anholt obduziert. Er ist aufgebläht, voller Gas. Worauf kommt es bei der Obduktion nun an?
Als Erstes wird der Wal kontrolliert punktiert. Dafür nimmt man ein Messer auf einem langen Holzstiel und macht ein kleines, gut platziertes Loch. So wird der Ballon quasi zum Platzen gebracht, das Gas entweicht. Dadurch verhindert man, dass jemand verletzt wird oder beim Öffnen jede Menge Schleim ins Gesicht bekommt. Danach beginnen die Messungen. Dafür gibt es ein umfangreiches Messprotokoll. Vermutlich wird auch nach äußeren Schäden gesucht. Es gibt schließlich Berichte, wonach das Tier beim Transport in der Barge verletzt worden sei. Danach wird das Tier geöffnet und die Speckdicke gemessen. Ich halte es für sehr wichtig, dazu Daten zu bekommen. Das Tier war abgemagert und krank. Vermutlich war es mehr oder weniger verhungert, bevor es ertrank. Aber es gibt das Narrativ dieser deutschen Helfergruppen, dass es ein gesundes Tier gewesen sei und man es hätte retten können. Hier der Öffentlichkeit Daten zu liefern, ist sehr wichtig.
Dann werden die Organe entnommen. Ich werde leider nicht bei der Obduktion dabei sein. Aber mit Sicherheit wird der gesamte Verdauungstrakt untersucht: vom Maul über die Speiseröhre, dann der Magen und der Darm. Man schaut nach Plastik, Netzen und Tauwerk. Dann werden verschiedene Proben aus Organen entnommen, um nach Parasiten und Krankheiten zu suchen. Im Moment deutet alles darauf hin, dass das Tier durch Verwicklung in Tauwerk oder Fischernetze geschwächt wurde, was dazu führte, dass es nicht fressen konnte. Es hungerte, wurde dünner und dünner und schließlich krank. Das trieb den Wal ins flache Wasser, weil er so schwach war, dass er kaum noch schwimmen konnte. Ich vermute, die Obduktion wird das bestätigen.

Die Aktivisten haben den Wal eingecremt, an ihm gezogen, ihn gefüttert. Wird man nach Spuren dieses Vorgehens suchen?
Die haben ihn wirklich gefüttert?
Ja, die haben versucht, ihm Fischstückchen zu geben.
Oh mein Gott! Ob man davon Spuren findet, weiß ich nicht. Aber das Tier in diese Barge zu setzen, wo es zwei Tage lang hin- und hergeschleudert wurde, ist offensichtlich Tierquälerei. Die Tatsache, dass der Wal mit einem Tau am Schwanz aus der Barge geworfen wurde, war auch eine Misshandlung. Das macht man niemals mit einem Wal. Ich hoffe, dass die Tierärzte nach gebrochenen Knochen und Flossen suchen, vielleicht einem gebrochenen Rückgrat.
Was könnte man an dem Sender finden, der am Wal angebracht wurde?
Ich hoffe, dass das Gerät ein Tiefenprofil aufgezeichnet hat und dass diese Daten ordentlich veröffentlicht werden. Dadurch werden wir wissen, wie schnell das Tier nach dem Aussetzen tatsächlich verendet ist. Diese Information ist ziemlich entscheidend. Ich fürchte, dass die Leute, die dieses Gerät angebracht haben, die Daten niemals offenlegen werden, weil sie nicht in ihre Erzählung passen.
Der Sender ist mittlerweile beim Umweltministerium in Schwerin. Das teilte nun mit, das Gerät sei noch nicht untersucht worden, weil es weiter Eigentum der Initiative zur Walrettung sei.
Die Daten müssen herausgegeben werden. Das Ministerium sollte ein Foto des Geräts veröffentlichen, damit wir Fachleute sagen können, ob es geeignet war, und die sollten alle gespeicherten Daten herausgeben. Die Information ist entscheidend, um zu erfahren, wie schnell der Wal verendet ist, nachdem er von der Barge gekommen ist. Die Aktivisten mussten ihn mit einem Tau herunterziehen. Also denke ich, dass er ziemlich rasch verendet ist.
„Die Freilassung war eine einzige Shit-Show“
Sie haben wiederholt Aktivisten scharf kritisiert – und deswegen Hasszuschriften erhalten.
Ja. Offenkundig gefällt denen nicht, was ich sage, weil es nicht in ihre Erzählung passt. Die versuchen, mich mundtot zu machen, indem sie mir Hassmails schicken. Tatsächlich bekam ich auch eine E-Mail offenbar von deren Anwälten. Damals war der Wal gerade bei Anholt gestrandet. Ich sagte damals den Medien, dass es vermutlich der deutsche Wal war. Aber die Anwälte teilten mir mit, ich solle mit den Spekulationen aufhören. Dabei sind die offensichtlich nicht in der Position, mir vorzuschreiben, was ich zu tun habe.
Das Tier war geschwächt und am Sterben. Es war ein totales Desaster, es freizulassen, weil es unmittelbar danach verendet ist. Die ganze Freilassung war eine einzige Shit-Show. Die sind komplett widerlegt worden. Und alle Experten, insbesondere meine deutschen Kollegen, haben recht behalten. Das gefällt den Aktivisten nicht. Die wollen nicht zugeben, dass sie sich geirrt haben. Deswegen versuchen sie, Leute wie mich zum Schweigen zu bringen. Ich lösche die Mails einfach, wenn sie auftauchen.
Was sollten die deutschen Behörden aus dem Fall lernen? Insbesondere Umweltminister Till Backhaus wird kritisiert, weil er mit den Aktivisten kooperierte.
Mein Rat ist: Ignoriert eure Experten nicht! Deutsche Politiker sollten einfach auf ihre Fachleute hören. In Deutschland habt ihr sehr gute Walforscher an Universitäten und am Meeresmuseum in Stralsund. Die haben alle vernünftigen wissenschaftlichen Rat angeboten. Der Fehler war nicht, dass die Experten etwas Falsches gesagt hätten. Sondern dass der Umweltminister und die Politiker beschlossen haben, diesen Rat zu ignorieren und stattdessen der Meinung eines sehr kleinen Teils der Öffentlichkeit zu folgen, der sehr lautstark war. Ich habe viele Kollegen, die mir aus den USA schreiben und fragen: Was zum Teufel ist passiert, sind die Deutschen verrückt geworden?
Ich glaube nicht, dass die Deutschen verrückt geworden sind. Aber es gibt eine sehr kleine Minderheit in Deutschland, die in dieser Sache sehr, sehr lautstark und aggressiv ist. Denen sollte man nicht erlauben zu definieren, wie wir mit solchen Situationen umgehen. Was wir also lernen sollten: Tiere sterben, und wenn sie dem Tod geweiht sind, sollten wir sie in Ruhe lassen. Außerdem sollten wir daraus lernen, dass der Buckelwal vermutlich wegen Netzen und Tauen verendet ist. Vier von sechs Buckelwal-Strandungen in Dänemark und in der Ostsee in den vergangenen elf Jahren hingen mit Netzen und Tauen zusammen. Es kommen wieder mehr Buckelwale in die Ostsee, weil es großartigerweise wieder mehr von ihnen gibt. Also sollten wir sicherstellen, dass sie keinen Schaden nehmen.
Wenn reiche Leute etwas Gutes für Wale tun wollen, wie es in dem Fall war, sollten sie keinen sterbenden Wal in eine Barge setzen und ihn zwei Tage lang misshandeln und ihm einen elenden Tod bescheren. Sondern sie sollten ihr Geld in die Beseitigung von Geisternetzen in der Ostsee stecken. Wenn diese mehrere Millionen Euro dorthin geflossen wären, dann hätten wir mit Sicherheit sowohl Robben als auch Schweinswale und andere Wale gerettet.
Muss die Befürchtung bei all dem, was passiert ist, nun nicht sein: Wenn es mal wirklich darauf ankommt, werden sich die Behörden dann ebenfalls auf diese Weise von Aktivisten treiben lassen?
Ja. Wenn die Behörden sich schon bei einem Wal herumschubsen lassen, was passiert dann, wenn eine echte Katastrophe zuschlägt? Während einer Pandemie wie Corona will man auch nicht, dass Aktivisten oder irgendeine Nichtregierungsorganisation die politischen Entscheidungen treffen. Wenn wir nicht darauf vertrauen können, dass unsere Politiker auf Experten hören, dann stimmt etwas grundlegend nicht.
