
In Österreich ist die Industrie wie in Deutschland ein Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung. Ein Fünftel der Wertschöpfung zwischen Bregenz und Eisenstadt stemmen die dazugehörenden Unternehmen und sind mit ihrer Forschungs- und Entwicklungstätigkeit spielentscheidend für den Wohlstand. Seit Jahren stehen viele Unternehmen wegen hoher Lohn- und Energiekosten gehörig unter Druck. Fachleute verweisen auf einen deutlichen Verlust der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Haupttreiber sind rasant gewachsene Lohnstückkosten im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, hohe Energiekosten, extreme Bürokratielasten sowie die Schwäche des deutschen Marktes, der für die kleine Volkswirtschaft der wichtigste Wirtschaftspartner ist.
Unternehmensvertreter sprechen von „wackeligen Beinen“ und „keinen lustigen Rahmenbedingungen“. Siegfried Menz, Vorsitzender der Bundessparte Industrie in der Pflichtinteressenvertretung Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), betont, niemand wisse genau, wie es weitergehe. Über alle Fachverbände hinweg schaffte die Industrie 2025 zwar ein nominelles Plus von drei Prozent auf 209 Milliarden Euro. Real aber liegt die Branche klar unter Vorkrisenniveau: Um den Erzeugerpreisindex bereinigt, entspräche die Leistung etwa 180 Milliarden Euro zu Preisen von 2021. Seit 2021 ist die Produktion nominell nur um 2,5 Prozent gewachsen, real jedoch um 11,8 Prozent geschrumpft. Menz spricht von einem Warnsignal für den Standort Österreich, die Leistungskraft bewege sich in etwa auf dem Niveau von 2021.
Besonders betroffen: Bergwerke und Stahl, Papier und Karton sowie die Textil-, Bekleidungs-, Schuh- und Lederindustrie. Zuwächse verzeichneten die Nahrungs- und Genussmittelindustrie sowie die chemische und die Pharmaindustrie.
Hohe Lohnkosten belasten den Standort
Parallel lasten aus Sicht von Menz ein riesiger Kostendruck – hohe Energiepreise, Löhne und Lohnnebenkosten, zunehmende Regulierung – und eine unsichere Weltwirtschaft auf Investitionen und Exporten. Die Branche fordert daher eine Senkung der Lohnnebenkosten von rund 43 auf in Richtung 38 Prozent, Entlastungen bei Energiepreisen und Bürokratieabbau.
„Bürokratie kostet Unternehmen rund 15 Milliarden Euro pro Jahr, und Unternehmen verlieren im Schnitt 13 Stunden pro Woche durch administrative Pflichten“, argumentiert Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), eines wichtigen Verbandes in Österreich. Die IV fordere hier einerseits die praxisnahe Umsetzung von EU-Vorgaben, ohne eine Übererfüllung der EU-Mindeststandards. Andererseits brauche es auch auf nationaler Ebene Entbürokratisierung, etwa durch vereinfachte Förderabwicklung und die Abschaffung doppelter Rechnungslegungspflichten.
Konjunkturseitig zeigt der Unicredit Bank Austria Einkaufsmanagerindex eine zarte Besserung: Im Mai stieg er um 0,5 auf 51,7 Punkte, den dritten Monat in Folge über der Wachstumsschwelle. Doch die Details mahnen zur Vorsicht. Chefökonom Stefan Bruckbauer betont, dass Nachfrage und Beschäftigung trotz des Anstiegs rückläufig sind. Die leichte Verbesserung sei „nicht trotz, sondern wegen der Belastungen durch den Nahostkonflikt“ erfolgt – als Folge betrieblicher Anpassungen.
Stellenabbau schreitet voran
Damit rückt die Debatte über Deindustrialisierung in den Mittelpunkt. Deindustrialisierung meint nicht zwangsläufig einen abrupten Kollaps, sondern eine schleichende Erosion von Wertschöpfung, Beschäftigung und Investitionen in bestimmten Segmenten. Seit 2021 hat die österreichische Industrie per saldo deutlich Stellen verloren. In den vergangenen zwei Jahren wurden rund 25.000 Jobs abgebaut, rund fünf Prozent des Personals im verarbeitenden Gewerbe von rund einer halben Million Arbeitsplätzen. Im produzierenden Bereich (mit Bergbau, Energie- und Wasserversorgung sowie Bauwirtschaft) gibt es eine Million Arbeitsplätze (rund ein Viertel der Gesamtbeschäftigung).
Der Beschäftigungsrückgang spiegelt die Margen- und Transformationszwänge: Automatisierung, Effizienzprogramme, Standortbündelungen und die Verschiebung hin zu höherwertigen, aber arbeitsärmeren Produktionsprozessen. Neue Stellen entstehen in Elektrifizierung, Umwelttechnik, Automatisierung und datengetriebenen Services, doch die Nettobilanz ist bisher negativ.
Hohe Lohnstückkosten seit 2023 im Gefolge der Corona-Pandemie und der Teuerungswellen tragen dazu bei. Analysen des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) und Eco Austria zeigen, dass die Lohnstückkosten in Österreich in diesem Zeitraum aufgrund hoher Lohnabschlüsse bei gleichzeitig sinkender oder stagnierender Wirtschaftsleistung kräftiger zulegten als in Deutschland.
Konkrete Fälle unterstreichen den Druck: Der Faserspezialist Lenzing hat angesichts hoher Energie- und Rohstoffkosten sowie eines schwierigen Marktumfelds Kapazitäten angepasst und Stellen reduziert, mit temporären Drosselungen und strukturellem Personalabbau. Der Zweiradhersteller KTM reagierte auf Nachfrageschwankungen, Lieferkettenstörungen und Kostendruck mit Effizienzprogrammen und dem Abbau von Stellen in Produktion und Verwaltung, teils über Nichtnachbesetzungen und Sozialpläne. Der Rohstoffkonzern OMV straffte Organisation und Portfolios infolge veränderter Raffineriemargen und strategischer Neuausrichtungen mit der Folge von Stellenkürzungen und Verlagerungen. Diese Beispiele stehen für ein breiteres Muster: energie- und kostenintensive Segmente konsolidieren, während Nischenanbieter mit hoher Wertschöpfungstiefe robuster bleiben.
Österreich ist weniger vom Automobilkern abhängig als Deutschland
Im Vergleich zu Deutschland ist Österreichs Industrie weniger stark vom Automobilkern abhängig. Der österreichische Zuliefersektor ist wichtig, aber die Endmontage und die dominierenden OEM-Strukturen Deutschlands gibt es so nicht. Das federt zyklische Schwankungen ab, verringert aber auch Skaleneffekte. Zum anderen ist der Mittelstand in Österreich ähnlich prägend, aber tendenziell kleinteiliger und familiengeführter.
Überdies ist die Exportorientierung hoch, aber die Marktabhängigkeit von Deutschland als wichtigstem Handelspartner bleibt ein strukturelles Risiko: Eine schwache deutsche Industrie schlägt mit Verzögerung auf österreichische Zulieferketten durch. Außerdem ist die Energiebasis unterschiedlich: Österreich verfügt über einen hohen Anteil erneuerbarer Stromerzeugung – insbesondere Wasserkraft – was die Stromemissionen senkt und langfristig Kostenvorteile ermöglichen kann.
Beide Länder leiden unter der europäischen „Energiepreis-Prämie“ gegenüber den Vereinigten Staaten oder Teilen Asiens, insbesondere bei Gas und Prozesswärme. Österreich hat dank Wasserkraft, wachsender Photovoltaik und Wind tendenziell Vorteile bei CO₂-Intensität und phasenweise bei Industriestrompreisen. Deutschland bringt die größere industrielle Skala und umfangreichere Transformationspakete in Stellung, was Investitionen in grünen Stahl, Chemieelektrolyse oder Batterien begünstigen kann – vorausgesetzt, Energiepreise und Netzkapazitäten bleiben planbar. Österreich punktet mit teilweise schnelleren Genehmigungen, mittleren Projektgrößen und kurzen Wegen zwischen Industrie, Energiewirtschaft und Politik.
Politik reagiert mit Energiekrisenmechanismus
Politisch reagiert Wien mit einem zweigleisigen Ansatz: Krisenabsicherung und strukturelle Entlastung. Der Energiekrisenmechanismus deckelt im Krisenfall den Arbeitspreis für Haushaltsstrom für ein Grundkontingent von 2.900 Kilowattstunden (kWh) bei zehn Cent je kWh, sofern der Arbeitspreis drei Monate lang über 16,5 Cent liegt und der Großhandelspreis über 165 Euro je MWh notiert. Darüber gilt der Marktpreis, um Sparanreize zu erhalten. Für Unternehmen ist ein einheitlicher Zuschuss pro Kilowattstunde vorgesehen.
Zusätzlich soll von 2027 an ein vergünstigter Industriestrompreis für energieintensive Betriebe kommen: Rund 400 Unternehmen mit mindestens 1 GWh Jahresverbrauch sollen profitieren. Der Stromkostenausgleich wird bis 2029 verlängert und ausgeweitet (rund 120 statt 60 Unternehmen), indirekte CO₂-Kosten werden über das Standortabsicherungsgesetz kompensiert. Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer nennt Energiepreise „match-entscheidend“ – für Haushalte wie für die Industrie. Aus Sicht der Industriellenvereinigung sind die Schritte wichtige Signale für den Industriestandort Österreich.
Österreichs Industrie ist ein volkswirtschaftlicher Anker in schwieriger See. Real schrumpft die Produktion seit 2021, die Beschäftigung nimmt ab, und in vielen Fachverbänden bleibt das Vorkrisenniveau außer Reichweite. Gleichzeitig zeigen EMI, Produktivitätsfortschritte und robuste Nischenanbieter, dass Anpassung gelingt.
Die Weichen sind gestellt: Ein belastbarer Energiekrisenmechanismus, ein von 2027 an greifendes Industriestrommodell, verlängerte Stromkostenausgleiche und eine Industriestrategie mit Fokus auf Entlastung und Genehmigungsbeschleunigung. Ob daraus eine neue Wachstumsphase wird, hängt an verlässlichen, international wettbewerbsfähigen Energiepreisen und einfachen, planbaren Förder- und Genehmigungsprozessen für Dekarbonisierung und Digitalisierung sowie qualifizierten Mitarbeitern.
Gelingt dies, lassen sich Deindustrialisierungsrisiken begrenzen, verlorene Stellen schrittweise ausgleichen und die Stärken in Qualitäts- und Nischensegmenten ausbauen. Misslingt es, verfestigt sich das Niveau von 2021 als unbefriedigende Normalität – mit weiterer Erosion in besonders energieintensiven Bereichen und zunehmender Abwanderungsgefahr von Investitionen.
