
Großer Andrang am Strafgericht der dänischen Kleinstadt Glostrup im Speckgürtel von Kopenhagen. Am Dienstag galt die Aufmerksamkeit der Ermittler, Strafverteidiger und Medien dem vermutlich größten Betrugsfall um Dividendensteuern, der in diesem Jahr vor einem dänischen Gericht verhandelt wird. Eine Gruppe von Briten und US-Amerikanern soll den dänischen Fiskus zwischen 2013 und 2015 mit unrechtmäßigen Steuererstattungen um mehr als 1,1 Milliarden Kronen (umgerechnet knapp 150 Millionen Euro) erleichtert haben. Im Falle einer Verurteilung drohen den Angeklagten bis zu zwölf Jahre Haft.
Der „udbytteskattesag“, wie der Skandal in Dänemark genannt wird, ähnelt in seinen Strukturen den Cum-Ex-Fällen hierzulande. Nachdem solche Aktiengeschäfte in Deutschland ab 2012 nicht mehr möglich waren, verlagerten einige Akteure – darunter Investoren, Aktienhändler, Banken und Anwälte – ihre Aktivitäten in andere europäische Länder wie Dänemark. Auch dieses Mal war die Ausschüttung von Dividenden ein zentrales Element. Zu den börsennotierten dänischen Unternehmen, die im Fokus der gut organisierten Betrüger standen, gehörten der Logistiker Mærsk, der Pharmakonzern Novo Nordisk und die Carlsberg-Brauerei. Schütteten diese Firmen ihre Dividende aus, machte die dänische Steuerbehörde Skat zunächst eine Dividendensteuer in Höhe von 27 Prozent geltend. Saß der Aktionär allerdings im Ausland, konnte er aufgrund von Steuerabkommen mit Dänemark von der Steuer befreit sein und eine Rückerstattung beantragen.
Immenser Schaden im Vergleich zu Deutschland
Das brachte Investoren auf den Plan: Eigens dafür aufgesetzte Fonds, häufig mit Sitz in den USA oder Malaysia, forderten die Rückzahlung ein, obwohl sie die Wertpapiere von Leerverkäufern erworben hatten, sie also nie besaßen. Insgesamt entstand dem dänischen Fiskus ein Ausfall von gut 13 Milliarden Kronen (umgerechnet zwei Milliarden Euro). Das ist aufgrund der geringeren Einwohnerzahl und des kleineren Haushalts im Vergleich zu Deutschland ein größeres Loch in der Staatskasse. Bis heute bemüht sich Dänemark mit Zivilklagen vor Gerichten in London, New York oder Dubai sowie in Strafprozessen darum, das Geld von den Profiteuren und den beteiligten Banken und Fonds zurückzuholen.
Die Wirkungskreise der Angeklagten zeigen, wie global die Handelsstrukturen waren: Ermittler konnten ihre Spuren von New York über Dubai und Luxemburg bis ins Mainzer Bahnhofsviertel verfolgen. Bis vor wenigen Jahren hatte dort die nur Branchenkennern bekannte North Channel Bank ihren Sitz. Doch bei den internationalen Cum-Ex-Geschäften drehte das kleine, unscheinbare Institut das große Rad und war von 2012 bis 2015 in den Handel in Dänemark und Belgien involviert. Als der Fiskus schließlich 176 Millionen Euro Schadenersatz von der North Channel Bank forderte, brach das Mainzer Kreditinstitut zusammen. Die Finanzaufsicht Bafin erließ daraufhin ein Moratorium und kurz darauf folgte der Insolvenzantrag.
Privatbank mit Schlüsselrolle
Ab Dienstag müssen sich in Glostrup mehrere Männer vor Gericht verantworten, die auch für das wirtschaftliche Ende des ursprünglich 1924 in Berlin als Privatbank Oswald Kruber GmbH & Co. gegründeten Hauses verantwortlich sind: Zwei britische Börsenhändler, die erst vor wenigen Wochen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgeliefert worden waren, wurden von Justizbeamten aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Beide Männer sind frühere Mitarbeiter von Sanjay Shah; der Strippenzieher hinter vielen Aktiendeals war im Dezember 2024 von einem dänischen Gericht zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Nach der Trennung von Shah führten sie die Geschäfte mit einem Investoren-Trio aus Amerika fort.
Diese Verdächtigen stammen aus dem Umfeld der Big-Four-Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und machten ab den späten 2000er- Jahren gemeinsame Geschäfte. Wie mehrere dänische Medien und der staatliche Rundfunk DR berichten, kauften die Amerikaner im Jahr 2009 zunächst eine Luxemburger Gesellschaft namens Oban. Über dieses Vehikel übernahmen sie wenige Monate später das Bankhaus Oswald Kruber. Im Jahr 2010 erfolgte unter dem neuen Namen North Channel Bank die Sitzverlagerung nach Mainz.
Geldwäscheverdacht in Deutschland – kein Prozess in Sicht
Nach Bekanntwerden des Steuerskandals durchsuchten Staatsanwälte im Jahr 2017 die Geschäftsräume in Mainz. Die dänischen Fahnder sind davon überzeugt, dass über Konten der North Channel Bank zahlreiche Geschäfte für US-Pensionsfonds abgewickelt wurden, die sich unrechtmäßig Dividendensteuern erstatten ließen. Unabhängig davon steht seit Jahren in Deutschland der Verdacht der Geldwäsche gegen die ehemaligen Geschäftsführer und Mitarbeiter der Bank im Raum.
Von den ursprünglich drei angeklagten Amerikanern erschienen nur zwei im Gerichtssaal. Das Verfahren gegen den dritten Investor wurde abgetrennt und soll zu einem späteren Zeitpunkt beginnen. Die insgesamt vier Angeklagten wiesen am Dienstag die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurück. Die Justiz in Glostrup stellt sich auf ein langes Verfahren ein. Bis Juni 2027 hat die Strafkammer mehr als 50 Verhandlungstage terminiert.
In Deutschland hat die strafrechtliche Aufarbeitung gegen die ehemaligen Manager der North Channel Bank noch nicht begonnen, obwohl die Anklage seit Jahren beim Landgericht Koblenz vorliegt. Eine Strafkammer ließ die ursprüngliche Anklage gegen die beiden früheren Geschäftsführer der Mainzer Bank und weitere Angeschuldigte mit Verweis auf die Ermittlungen in Dänemark nicht zu. Erst eine erfolgreiche Beschwerde der Strafverfolger brachte das Verfahren wieder ins Rollen. Nach mehreren Jahren Vorlauf sollte der Prozess eigentlich im Januar 2026 beginnen. Wenige Tage vor dem Prozessauftakt musste das Verfahren jedoch wegen der Erkrankung eines Beteiligten verschoben werden. Wann in Koblenz verhandelt wird, steht bisher nicht fest.
