Der Krieg kommt immer näher. „Wer hält sie denn auf?“, fragt Mustapha Hijazi bitter. Der Bürgermeister der südlibanesischen Küstenstadt Saida steht vor einem Flachbildschirm und markiert auf einer Karte die Dörfer, in denen die israelischen Streitkräfte Luftangriffe gegen die von Iran gelenkte Schiitenmiliz Hizbullah angekündigt haben. Und deren Bevölkerung jetzt zur Flucht gezwungen ist. Die Orte liegen nur einige Minuten Autofahrt von seinem Amtssitz entfernt. Wenig später ist in den Straßen von Saida das dumpfe Grollen der Einschläge zu hören. Der Gefechtslärm, berichtet Hijazi, bereite ihm schlaflose Nächte. Ebenso wie die Sorge vor neuem Unheil.
Hijazi ist Verwaltungschef einer Frontstadt. Der Druck auf Saida ist gestiegen, seit Israel seine Angriffe auf die Hizbullah vor etwa einer Woche noch einmal verstärkt hat. Evakuierungsanordnungen der Streitkräfte haben weite Teile Südlibanons zur Kampfzone erklärt. Die Grenze markiert der Zahrani-Fluss, der etwa zehn Kilometer südlich von Saida ins Meer fließt. Die Bevölkerung wurde wegen geplanter Bombardements zur Flucht aufgerufen. Und viele der Menschen, die sich in Sicherheit bringen müssen, steuern zunächst Saida an. Die Stadt ist noch Teil „des Südens“, mit dem sich Menschen eng verbunden fühlen. „Sie müssen keine psychologische Grenze überqueren, sind näher an ihrer Heimat“, erklärt Hijazi.
Allein im Zuge der jüngsten Eskalation sind nach den Worten des Bürgermeisters 10.000 weitere Vertriebene in Saida angekommen. Insgesamt müsse seine Stadt mit ihren 350.000 Einwohnern etwa 100.000 Geflohene beherbergen. „Wir pfeifen aus dem letzten Loch“, sagt er. Freie Wohnungen gebe nicht mehr. Und auch in den öffentlichen Schulen, die zu Notunterkünften umfunktioniert worden sind, sei kein Platz mehr. „Wir müssen die Leute auffordern, nach Norden weiterzuziehen“, erklärt Hijazi.
Hijazi regiert eine arme Stadt mit einer erschöpften Bevölkerung
Ihm ist anzumerken, dass ihm das aufrichtig schwerfällt. Er selbst hat unter den Kriegen in seiner Heimat gelitten. Hat als Kind während der israelischen Libanoninvasion von 1982 zwei Wochen mit seiner Familie in einem kleinen Badezimmer ausgeharrt. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn die Matratze unter einem immer dünner wird und der harte Fußboden immer stärker durchkommt. Ich weiß, wie es ist, ein Lebensmittelpaket entgegenzunehmen“, sagt er.
Er weiß auch, dass auch die Bewohner von Saida bei Laune gehalten werden müssen. Hijazi regiert eine arme Stadt mit einer erschöpften Bevölkerung und entnervten, unterbezahlten Staatsbediensteten, von denen mancher hinter vorgehaltener Hand zugibt, am liebsten alles hinwerfen und das Land verlassen zu wollen. So lässt er Lebensmittelhilfen verteilen, achtet genau darauf, dass die Versorgung mit Strom oder Wasser nicht zusammenbricht. Vor dem Sitz der Stadtverwaltung werden an diesem Tag gefrorene Hammelkeulen ausgegeben.

„Die Menschen hier in Saida sind gut zu uns“, sagt ein Mann Ende vierzig, der nur als Abu Hussein zitiert werden möchte. Seinen tatsächlichen Namen will er nicht nennen, er hat keine Lust, in Schwierigkeiten zu geraten und seinen Platz in der Notunterkunft zu verlieren. Mit zwei anderen Familien lebt er in einem Klassenzimmer – getrennt nur durch aufgehängte Bettlaken. Er stammt aus einem Dorf direkt an der Grenze, das jetzt von israelischen Soldaten besetzt ist. „Mein Haus gibt es nicht mehr“, sagt er. Das habe ihm ein Freund gesagt, der kurz dort war.
Abu Hussein war im Zuge des Krieges von 2024 aus dem Grenzland ins Landesinnere in die Kleinstadt Nabatieh geflohen. Aber auch dort hat ihn der Krieg eingeholt. Sein Alltag ist eintönig. Die meiste Zeit sitzt er auf dem Schulhof im Schatten und raucht Wasserpfeife. Manchmal gönnt er sich den Gang in ein nahes Kaffeehaus – und raucht dort Wasserpfeife. „Das ist mein Leben“, sagt er und zieht gleichmütig eine weitere Ladung des parfümierten Rauchs ein.
Wer trägt Schuld an der Misere?
Abu Hussein glaubt nicht, dass er jemals in seine Heimat zurückkehren kann. Wie so viele Landsleute ist er überzeugt, dass Israel den Grenzstreifen durch die systematische Zerstörung seiner Dörfer unbewohnbar macht, um ihn dauerhaft zu entvölkern. Leidensgenossen auf dem Schulhof stimmen ihm zu. Meinungsunterschiede gibt es nur in der Frage, wer die Schuld an der Misere trägt. Die Hizbullah hatte Anfang März Raketen auf Israel abgefeuert, um Iran zu unterstützen, das von israelischen und amerikanischen Luftangriffswellen erschüttert wurde. Es war ein militärisch wirkungsloser Akt, den die israelische Regierung zum Anlass nahm, hart gegen die Schiitenmiliz zuzuschlagen.
Mancher in der vertriebenen schiitischen Klientel zeigt sich noch immer überzeugt, die Hizbullah verteidige das Land gegen einen heimtückischen Feind. Abu Hussein macht das fassungslos. „Das sind doch alles Lügen“, schimpft er. „Sie haben diesen Krieg für Iran angefangen.“ Er habe die Hizbullah-Kader angerufen, die für sein Dorf zuständig sind, und sie um Hilfe gebeten, sagt Abu Hussein. „Die haben mir nur gesagt, ich solle geduldig sein.“ Unternommen hätten sie nichts. Und dann bricht es noch einmal aus ihm heraus: „Das ist nicht unser Krieg, aber er hört einfach nicht auf.“
Nicht nur die Verzweiflung der Vertriebenen nimmt zu, je länger die Konfrontation andauert. Auch Angst und Misstrauen werden stärker. Auf der Straße vor dem Schulgelände schauen die Leute himmelwärts zu einer laut sirrenden israelischen Drohne. Sie fliegt so tief, dass sie leicht mit bloßem Auge zu erkennen ist. „Nicht fotografieren, sonst schießen sie!“, ruft ein junger Mann. Es bleibt offen, ob er das als Scherz meint.
„Es kam wie aus dem Nichts“
Erst vor wenigen Tagen wurde ein Wohnhaus getroffen – eine Rakete oder Bombe schlug senkrecht von oben ein, ein weiterer Einschlag hat ein riesiges Loch in die Fassade gerissen und mehrere Stockwerke komplett verwüstet. Bewohner bringen ihre verbliebenen Habseligkeiten in Sicherheit. „Es kam wie aus dem Nichts“, berichtet ein junger Mann. „Es war ein ohrenbetäubender Knall, und dann brach alles um mich zusammen.“
Der Angriff habe wohl einem Funktionär der islamistischen Palästinenserorganisation Hamas mit Verbindungen nach Iran gegolten, der seine Familie besucht habe, erklärt ein Polizist am Einschlagsort. Wie alle hier beteuert er, die Leute würden sich nicht einschüchtern lassen. Sie würden auch ihre schiitischen Landsleute nicht unter Generalverdacht stellen, Hizbullah-Anhänger zu sein, die man besser fernhält.
Doch es gibt Lehrer in Saida, die besorgt erzählen, unter den jungen Menschen nehme mit der Angst vor israelischen Angriffen auch konfessionalistisches Lagerdenken zu. Bürgermeister Hijazi sagt, es sei eine Einheit der Sicherheitskräfte damit befasst, diskret Meldungen über verdächtige Personen nachzugehen. Ein Dutzend Fälle hat es nach seinen Worten bisher gegeben – etwa die Hälfte davon waren Fehlalarm.
Von Spannungen will er aber nichts wissen. Und mangelnde Solidarität sieht der Bürgermeister vor allem im Norden seines Landes. „Die Menschen in Südlibanon müssen fürchten, dass ihre Heimat wie ein anderes Land behandelt wird. Dass dort passiert, was eben passiert, während die Leute in Beirut feiern.“ Doch auch in der Hauptstadt ist der Krieg nähergerückt. Am Montag war schon eine Evakuierungsanordnung für die südlichen Vorstädte herausgegeben worden, die von der Hizbullah beherrscht werden. Abertausende flohen. Angeblich wurde der israelische Angriff auf amerikanischen Druck abgeblasen. Präsident Donald Trump hat verkündet, die Hizbullah und Israel würden jetzt aufhören, einander zu beschießen.
Bürgermeister Mustapha Hijazi hält das für leeres Gerede. Er wappnet Saida für die nächste Eskalation. Zelte stehen bereit, die im Notfall im großen Stadion seiner Stadt aufgebaut werden können. „Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen“, sagt er und verabschiedet sich mit einem bitteren Witz: „Das nächste Mal, wenn du kommst, brauchst du wahrscheinlich eine Genehmigung des israelischen Militärs.“
