Ob klassisches Ballett, Ausdruckstanz oder andere Bewegungskunst, die Herausforderung bleibt immer dieselbe: Was ein körperlicher Kraftakt ist, durch jahrelanges Üben technisch perfektioniert, soll so leicht aussehen, wie der Schwerelosigkeit enthoben.
Im Auktionswesen geht es nicht viel anders zu. Wenn vor Versteigerungen die Kataloge gedruckt oder online veröffentlicht werden, geht es um glanzvolle Marktauftritte, nicht die Mühen davor. So scheint denn auch die Bronzefigur einer nackten Tänzerin fast zu schweben, die Georg Kolbe zentral in seinem Brunnen inszenierte. Die Arme Flügeln gleich ausgebreitet, ist sie in freier Bewegung festgehalten. Auch ohne die Fontänen, die sie eigentlich umgeben, versöhnt sie Natur und Kultur, in Harmonie mit Ideen eines Rudolf von Laban. So ist sie nun im Garten der Villa Grisebach ausgestellt.
Ein Werk mit komplizierter Geschichte
Am 4. Juni kommt der „Tänzerinnenbrunnen“ bei dem Berliner Auktionshaus zur Versteigerung und soll als Spitzenlos der Saison eine Million bis 1,5 Millionen Euro einspielen. Beschwert ist das Werk von der Last der Geschichte: gefertigt 1922 von Kolbe für den jüdischen Berliner Versicherungsmanager Heinrich Stahl, der 1942 im Lager Theresienstadt starb; während der NS-Zeit unter Wert aus dem Besitz Stahls an einen bulgarischen Konsul verkauft; in den Siebzigern von dessen Erben an das Georg-Kolbe-Museum in Berlin verkauft; von diesem erst kürzlich an die Erben Stahls restituiert. Im Travertinsockel haben Figuren kauernder Afrikaner eine tragende Rolle – ein Erbe des Kolonialismus.
Die kunsthistorische Bedeutung und Qualität des Ensembles stehen außer Frage, und sich den Verkauf in Berlin gesichert zu haben, ist für Grisebach bereits ein großer Erfolg. Er folgt auf den Rekordzuschlag von 1,12 Millionen Euro für einen seltenen Lebenszeitguss von Kolbes „Stehender Frau“ Ende vorigen Jahres in der Fasanenstraße.

Ein Millionenwerk an der Spitze des Angebots glänzt, gerade wenn eine in Gänze eingelieferte qualitätvolle Sammlung fehlt und Auktionatoren sich generell eher nach der Decke strecken müssen. Käufer wie Einlieferer sind zurückhaltender geworden. Nur das Herausragende bleibt konstant gefragt, während ganze Sparten wie die bei Grisebach traditionell starke Kunst des 19. Jahrhunderts unter dem sich vollziehenden Geschmackswandel leiden. Auch Fotografie hat es schwerer. „Wir schwingen mit dem Markt“, sagt Diandra Donecker, Mitgeschäftsführerin und Partnerin bei Grisebach, dazu.
Mit 55 „Ausgewählten Werken“, darunter Kolbes Brunnen, eröffnet Grisebach am 5. Juni seine Sommerauktionen. Insgesamt kommen an zwei Tagen in drei Versteigerungen 280 Werke des 19. Jahrhunderts, der Moderne und der Gegenwart mit einer unteren Gesamttaxe von rund 11,6 Millionen Euro zum Aufruf. Zum Vergleich: Im vergangenen Sommer waren es in fünf Auktionen gut 500 Lose mit einer unteren Gesamterwartung von rund 20 Millionen Euro. Am besten besetzt ist das Angebot auch dieses Mal mit klassischer Moderne und zeitgenössischer Kunst.
Kein wirklich idyllischer Anblick
Da wäre etwa, passend zum Spitzenlos, ein Gemälde, das der Grisebach-Hauskünstler Max Beckmann im Frühling 1936 in düsterer Stimmung malte: Auf „Springbrunnen in Baden-Baden“ kontrastiert die lichte Aufwärtsbewegung einer Fontäne mit einem starr ruhenden Teich, an dem eine Figur auf einem Sockel steht. Wenige Wochen bevor das NS-Regime die olympischen Sommerspiele in Berlin inszenierte und ein Jahr vor Beckmanns Emigration in die Niederlande, scheint der Berliner Expressionist in seinem Bild aus der südwestdeutschen Kurstadt die Luft anzuhalten. Sein Gemälde fängt eine Scheinidylle ein, die bald enden sollte (Taxe 400.000 bis 600.000 Euro).

Zur selben Zeit entstand in Tel Aviv Helmar Lerskis bemerkenswerte Fotoserie „Verwandlungen durch Licht“. Der vor den Nationalsozialisten aus Berlin geflüchtete Fotograf und Kameramann setzte mithilfe von Spiegeln im grellen Sonnenschein auf einer Dachterrasse das Gesicht des aus der Ukraine stammenden Bautechnikers und Leichtathleten Leo Uschatz ins Bild. Aus einer Brandenburger Privatsammlung kommen nun 24 Bromsilber-Kontaktabzüge von den Glasplattennegativen, taxiert auf gerade einmal 25.000 bis 30.000 Euro. Bei diesem Preis könnte eine Institution zuschlagen – ein positiver Nebeneffekt mancher Abwärtstrends.
Spätimpressionistisch arriviert ins Grüne wandeln Max Liebermanns „Spaziergänger im Tiergarten“ von 1923 (150.000 /200.000); expressionistisch in Rot, Rosa und Lila erblühen Emil Noldes „Astern“ von 1918 (600.000/800.000). Die Mechanik bürgerlicher Verhältnisse in der Adenauer-Ära versinnbildlicht der Düsseldorfer Konrad Klapheck mit seinem Bild „Doppelhochzeit“ aus dem Jahr 1956: Es zeigt zwei Paar Schuhspanner (200.000/300.000).

Zwei Arbeiten der Sechzigerjahre ragen aus dem Angebot figurativer Malerei hervor: von Eugen Schönebeck eine kraftvolle „Figur mit Vogel“ in Öl auf Leinwand (150.000/200.000), von dem mit ihm eng befreundeten Georg Baselitz, der kürzlich gestorben ist, die Tuschezeichnung eines „Hirten“. Die androgyne Gestalt birgt in einer verwüsteten Landschaft, die Erinnerungen des Kriegskinds Baselitz aufruft, ein brennendes Haus in der Hand (100.000/150.000).
Wie ein Kommentar zur Gegenwart, obwohl vor 23 Jahren gemalt, nimmt sich das auf 300.000 bis 400.000 Euro taxierte Gemälde „Die Verschaffung des Guten“ von Daniel Richter aus, eine rot glühende apokalyptische Landschaft, durch die Personal eines womöglich abgebrannten Zirkusses irrt. In der Bildmitte geben zwei Artistinnen Zielscheiben für Blicke ab, im Hintergrund streift ein Elefant mit US-Flagge umher. „Im Grunde nehme ich etwas Trauriges oder historisch sehr Schweres und verwandle es in heitere Malerei“, zitiert der Katalog den ehemaligen Punk Richter – ein zeitloses Unterfangen.
