So viele Menschen und niemanden zum Reden. Das kann auf einem Musikfestival schnell passieren, und nicht nur, weil die Musik so laut ist. Wenn alle Spaß haben und nur einem selbst nicht danach ist, kann man sich auch zwischen 200.000 anderen Menschen einsam fühlen. Die Zweierteams, die an diesem Wochenende bei World Club Dome im Frankfurter Waldstadion unterwegs sind, signalisieren hingegen: Wir hören zu, selbst wenn aus den Lautsprechern die härtesten Techno-Beats hämmern.
Das Bistum Limburg bietet auf dem seit 2013 veranstalteten Musik-Event erstmals eine Festivalseelsorge an. Das Konzept dazu hat Matthias Rux, Leiter der Katholischen Fachstelle für Jugendarbeit Lahn-Dill-Eder/Wetzlar, zusammen mit Linda Maria Gall erarbeitet, Referentin für Berufungspastoral des Bistums. „Wir haben verschiedene Festivals angeschrieben, und das Team des World Club Dome und von Eintracht Frankfurt hat geantwortet“, sagt Rux.
Der 32 Jahre alte Theologe war selbst schon außerhalb Hessens als Festivalseelsorger unterwegs, etwa beim Kessel Festival in Stuttgart. Es gebe viele Gründe, warum jemand Unterstützung benötige. „Vielleicht sind nur die Freunde plötzlich weg, mit denen man gekommen ist“, sagt Rux. Manche erlitten Panikattacken oder seien ratlos, wenn ein Begleiter zusammengebrochen sei und mit dem Rettungswagen weggebracht werde. Aber auch Beziehungskonflikte könnten auf einem Festival eskalieren.

Rux und Gall haben Haupt- und Ehrenamtliche angesprochen, die häufiger auf Festivals waren oder mit jungen Menschen arbeiten. 17 Haupt- und Ehrenamtliche aus dem ganzen Bistum haben sich für den World Club Dome gemeldet. Darunter sind Pastoralreferenten, Theologen und Psychologen. „Jüngere und ältere Erfahrene, Männer und Frauen“, sagt Rux. Sie hätten sich mit Awareness-Konzepten und Übungen in Gesprächsführung befasst, seien in Erster Hilfe unterwiesen worden und darin, wie sich die Wirkung von Drogen und Alkohol zeigen könne.
Die jeweils zu zweit losziehenden Seelsorger ergänzen zudem die Awareness-Teams der Veranstalter: Auch bei Belästigungen oder sexuellen Übergriffen können sich Besucher an sie wenden. „Wir arbeiten mit den Blaulicht-Kräften und der Security zusammen, haben einen extra Safe Space und eine Koordination, die uns begleitet“, sagt Rux.
Kirche kann junge Menschen in ihrer Lebenswelt treffen
Er sieht das Angebot auch als Möglichkeit für die Kirche, junge Menschen in ihrer Lebenswelt zu treffen. Bei einer Studie im Auftrag der Diözese Rottenburg-Stuttgart hätten 34 Prozent der 18 bis 35 Jahre alten Befragten angegeben, sie fänden ein kirchliches Angebot wie Ruheoasen auf Festivals interessant. „Wir wollen unsere Kompetenzen zur Verfügung stellen, um den Leuten eine gute Zeit auf dem Festival zu ermöglichen.“
Andernorts sei die Festivalseelsorge schon lange etabliert, sagt der Theologe. Bei „Rock am Ring“ gibt es ein Kirchenzelt, und seit 15 Jahren steht in Wacken beim größten Metal-Festival der Welt neben dem Sanitätsdienst ein Zelt der Festivalseelsorge. Deren Leiterin Katharina Schunck, Landesjugendpastorin der Nordkirche, ist von Anfang an dabei. Sie erlebt Menschen in Krisen, die manchmal gar nichts mit dem Festival zu tun hätten. Probleme aus dem Alltag, vielleicht auch eine depressive Verstimmung, kämen dann nach oben, teils auch unter dem Einfluss von Alkohol. „Das ist so bunt wie das Leben“, sagt Schunck über die Festivalseelsorge.
Nach der Corona-Pandemie sei die Masse der Menschen für viele ungewohnt gewesen und man habe viel mit Panikattacken zu tun gehabt. Auch frühere Gewalterfahrungen könnten dafür ein Grund sein, selbst wenn es keinen akuten Vorfall gebe. „Mit unserer Beratungs- und Seelsorgearbeit können wir auch gut Awareness-Arbeit machen“, sagt die Pastorin. Doch sie grenzt die beiden Aufgaben auch klar ab. „Ein Awareness-Team spricht man nach einem Übergriff an, damit gehandelt wird, man möchte zum Beispiel Kontakt zum Veranstalter.“ Die Seelsorgearbeit hingegen sei streng vertraulich.
Auch im Bistum Limburg soll es nicht bei einem Einsatz bleiben. „Wir würden das gerne ausbauen“, sagt Rux. Dazu werde man die Erfahrungen nach dem World Club Dome auswerten, um zu sehen, wie das Konzept bei weiteren Festivals und Open-Air-Konzerten angewandt werden könne. Er selbst freut sich auch der Musik wegen auf den Einsatz im Frankfurter Stadion. „Das ist meine Musik, ich bin als Student schon zum World Club Dome gegangen.“
