Im Hochtaunuskreis 27 Orte der Demokratie zu finden, ist weniger kompliziert, als es auf den ersten Blick scheint. Schließlich gibt es in den 13 Kommunen allein 13 Rathäuser. Und das sind nur die heute noch im engen Sinn für die Volksherrschaft genutzten. Im weiten Sinn atmet außerdem jedes alte Rathaus, in dem ein Heimatmuseum gepflegt wird, Demokratiegeschichte und gibt sie weiter. Die Verantwortlichen im Hochtaunuskreis, die jetzt 27 Stelen an Orten der Demokratie im Boden verankern, können also aus dem Vollen schöpfen. Fast die Hälfte der Liste füllen die Rathäuser von Bad Homburg, Friedrichsdorf, Glashütten, Grävenwiesbach, Königstein, Kronberg, Neu-Anspach, Oberursel, Schmitten, Steinbach, Usingen und Weilrod sowie das Alte Rathaus in Wehrheim.
Der Anlass für das Projekt „Demokratie – Orte im Taunus“ ist, dass Frankfurt und die Region in diesem Jahr Welthauptstadt des Designs sind. Das Leitmotiv der World Design Capital, die Demokratie, will auch der Landkreis sichtbar machen. Die Gesamtkosten betragen nach Kreisangaben samt ergänzender Homepage rund 87.000 Euro, wobei rund die Hälfte der Kulturfonds Frankfurt RheinMain übernimmt. Auch die Johann-Isaak-von-Gerning-Stiftung beteiligt sich an der Finanzierung.

Anlässlich der neuen Stele im Hof des Landratsamts in Bad Homburg erinnerte Landrat Ulrich Krebs daran, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei, sondern „von uns allen jeden Tag gelebt werden muss, damit unsere Gesellschaft weiter in Freiheit leben kann“. Der CDU-Politiker verwies weiterhin darauf, dass die Demokratie auch an vielen Orten im Taunus in den vergangenen Jahrhunderten erstritten und verteidigt worden sei.
Einer der Orte ist der Große Feldberg. Im Vormärz entfachten Männer um Ernst Moritz Arndt auf dem höchsten Berg des Taunus ein Freudenfeuer. Es war das Jahr 1814, ein Jahr nach der Völkerschlacht bei Leipzig. Seit 1844 kamen die Turner auf den Gipfel. Regelmäßig veranstalteten sie dort Feste.
Nicht nur der Feldberg selbst bekommt eine Demokratie-Stele mit einem Infotext und einem QR-Code zum Vertiefen. Auch das nach ihm benannte Gasthaus in Kronberg ist Teil der Demokratiegeschichte im Taunus. Seit dem frühen 20. Jahrhundert trafen sich im „Feldberg“ Sozialdemokraten. Nach 1933 bot das Lokal laut Landkreis „zeitweise einen geschützten Raum“, um Schriften zu verbreiten, welche die Nationalsozialisten verboten hatten.
Der Freie Platz in Steinbach heißt aus Sicht von Demokraten verheißungsvoll, ähnlich wie die Freiheitslinde in Bad Homburg. Auf dem Platz trafen sich die Steinbacher schon zu Zeiten, in denen die Kleinstadt noch ein Dorf war: zum Markt, zum Kirchgang, zum Essen und Trinken im Gasthaus. Die Linde im heutigen Bad Homburger Stadtteil Gonzenheim haben Revolutionäre im Mai 1848 gepflanzt. Heute ist sie nach Kreisangaben eine von wenigen Freiheitslinden, die noch an dieses besonders wichtige Jahr der deutschen Geschichte erinnern.

Das Philipp-Reis-Haus in Friedrichsdorf passt erst einmal nicht recht in die Reihe. Aber nach Ansicht der Verantwortlichen steht es für mehr als bloß den Wohnort des Erfinders des Telefons. Denn von dort aus hätten sich die Grundlagen der Kommunikation verändert. Vom Dialog zur Demokratie ist es dann natürlich nicht mehr weit.
Königstein ist gleich mit drei Orten vertreten, dem Haus der Begegnung, der Marienkirche und dem Rathaus. Nicht dabei ist die Villa Rothschild, die von 1948 bis 1950 den westdeutschen Ministerpräsidenten als Haus der Länder diente. Dort arbeiteten die Demokraten nach der Zeit der Diktatur an der Gründung der Bundesrepublik und am Grundgesetz.
Falls jemand eine der 27 Stelen in seinem Heimatort sucht, ist nicht mehr viel Geduld nötig: Der Kreis kündigt an, dass Ende der Woche alle stehen sollen.
