An diesem Dienstag bringt die italienische Post eine Sondermarke für Standardbriefe heraus. Anlass ist der achtzigste Jahrestag der Volksabstimmung vom 2. Juni 1946. Auf der Briefmarke ist die Reproduktion einer ikonischen Aufnahme des Fotografen Federico Patellani (1911 bis 1977) zu sehen. Das Foto zeigt das strahlende Gesicht einer jungen Frau. Ihren Kopf hat sie durch die mittig aufgerissene Titelseite des „Corriere della Sera“ vom 6. Juni 1946 gesteckt. Die Schlagzeile des Aufmachers lautet: „E’ nata la Repubblica italiana“: Die italienische Republik ist geboren.
Erst 2016 wurde in einem Artikel der Tageszeitung „La Repubblica“ die Identität jener Frau enthüllt, deren lachendes Antlitz zum Symbol des Aufbruchs nach der Doppelkatastrophe des Faschismus und des Zweiten Weltkrieges, ja zum Symbol der am 2. Juni 1946 geborenen Republik Italien wurde. Es handelt sich um die Mailänderin Anna Iberti (1922 bis 1997). Nach dem Abschluss der Ausbildung am Lehrerseminar war sie im Juni 1946 als Verwaltungsangestellte bei der sozialistischen Zeitung „Avanti!“ (Vorwärts!) tätig. Das dürfte eine natürliche Wahl für die junge Frau gewesen sein. Ihr Vater Alberto war Vorarbeiter in einem Mailänder Autowerk und altgedienter Sozialist.
Die Frauen machten von ihrem Wahlrecht Gebrauch
Am Widerstand gegen den Faschismus hatte sich die Familie nach Aussagen der Kinder und Enkel Alberto Ibertis nicht aktiv beteiligt. Und Anna Iberti war keine Partisanin gewesen. Das berühmte Foto entstand auf der Terrasse des Redaktionsgebäudes von „Avanti!“ in Mailand. Sein Modell dürfte der Fotograf Patellani erst kurz vor dem Shooting beim Gang durch die Zeitungsräume getroffen haben.
Bei der Volksabstimmung vom 2. Juni 1946 waren die italienischen Wähler aufgerufen, über die Staatsform ihres Landes an der Schwelle zu einer neuen Ära abzustimmen. Sollte die Monarchie (des Hauses Savoyen) erhalten bleiben oder Italien zu einer Republik werden? Das Referendum war die erste nationale Abstimmung, an der auch die Frauen Italiens teilnehmen durften. Auch bei der Wahl zur Besetzung der Verfassunggebenden Versammlung, die am selben Tag abgehalten wurde, waren Frauen stimmberechtigt.

Und die italienischen Frauen machten von ihrem Wahlrecht umfassend Gebrauch. Etwa 13 Millionen Frauen gaben ihre Stimme ab, deutlich mehr als die rund zwölf Millionen Männer. Die kumulierte Wahlbeteiligung erreichte 89,1 Prozent, bei den Frauen lag sie deutlich über 90 Prozent.
Folgendes Endergebnis gab das Kassationsgericht in Rom am 10. Juni 1946 bekannt: 12.717.923 Wähler hatten für die Republik gestimmt, das entsprach 54,27 Prozent der Stimmen; für die Monarchie hatten 10.719.284 Wähler oder 45,73 Prozent votiert. Im industrialisierten Norden des Landes war der Vorsprung der Republikaner deutlich größer als deren Rückstand gegenüber den Monarchisten im agrarischen Süden.
Sie sind die Mütter der Republik
Es gab damals noch keine Nachwahlbefragungen. Aber die Historiker sind sich einig, dass es ohne die Stimmen der Frauen wohl nicht zur Abschaffung der Monarchie in Italien gekommen wäre. Die italienischen Frauen sind die Mütter der Republik, die italienischen Männer allenfalls deren Stiefväter.
Italiens Frauen erkannten, dass die patriarchale Monarchie den mörderischen Machismus des Faschismus ermöglicht statt verhindert hatte und deshalb historisch abgewirtschaftet war. Nach Benito Mussolinis „Marsch auf Rom“ vom Oktober 1922 hatte der damalige König Viktor Emanuel III. (1869 bis 1947) den Faschistenführer zum Ministerpräsidenten ernannt. Und 1938 hatte der König die sogenannten Rassengesetze unterzeichnet und damit den Weg zur Verfolgung und Deportation der italienischen Juden mit geebnet.

Der Rest der Geschichte des italienischen Königshauses nach dem Referendum von 1946 ist schnell erzählt, auch wenn das Nachleben der abgewählten Monarchie Italiens noch manches unrühmliche Kapitel umfasst. Der christdemokratische Ministerpräsident Alcide De Gasperi übernahm am 12. Juni 1946 provisorisch das Amt des Staatsoberhaupts. Der ehemalige König Umberto II. (1904 bis 1983) ging tags darauf mit seiner Frau, Prinzessin Marie José von Belgien, und den vier Kindern ins Exil, zunächst nach Portugal.
Die Republik erkannte Umberto zeitlebens nicht an. Er starb in Genf, begraben ist er in der Abtei Hautecombe in Savoyen in Frankreich. Die Vermögenswerte des Königshauses wurden noch 1946 von der Republik beschlagnahmt. Die Verfassung von 1948 verbot den Angehörigen des Hauses Savoyen gar die Rückkehr nach Italien. Das Verbot wurde erst 2002 aufgehoben.
Und während immer weniger Italiener dem abgehalfterten Königshaus nachtrauerten, belieferte zumal Thronprätendent Viktor Emanuel (1937 bis 2024) – der einzige Sohn König Umbertos – den Boulevard eifrig mit Klatsch und Crime. 1978 schoss der Prinz auf Korsika, in trunkenem Zustand, von seiner Yacht aus auf den 19 Jahre alten deutschen Studenten Dirk Hamer, der später an seinen Verletzungen starb. 1991 wurde Viktor Emanuel in Paris vom Vorwurf des Mordes freigesprochen und lediglich wegen illegalen Waffenbesitzes zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Seinen Lebensunterhalt soll er sich mit Waffenhandel, Geldwäsche und Zuhälterei verdient haben. In Italien stand er 2006 deshalb vor Gericht. Die Ermittlungen mussten aber nach Monaten aus Mangel an Beweisen eingestellt werden.

Viktor Emanuel strengte seinerseits mehrere Prozesse gegen den italienischen Staat an, konnte die Rückgabe der 1946 beschlagnahmten Liegenschaften und Vermögenswerte aber nicht erreichen. Immerhin durfte er nach dem Tod in Genf zur ewigen Ruhe nach Italien zurückkehren: Viktor Emanuel liegt in der Grabstätte des Hauses Savoyen in der Basilika Superga nahe Turin begraben.
Seit 1946 in den Tresoren der Notenbank
Derweil tobt seit gut zwei Jahrzehnten unter den verschiedenen Linien des Hauses Savoyen ein Machtkampf um die Führung. Der wurde von Viktor Emanuel gelegentlich handgreiflich ausgetragen, sogar in der Öffentlichkeit. Diesen Kampf setzt auch Viktor Emanuels 1972 geborener Sohn Emanuele Filiberto fort, wenngleich mit juristischen Mitteln. Auch für die Rückkehr der sterblichen Überreste seines Großvaters König Umberto II. setzt sich der Enkel ein. Und Emanuele Filiberto gibt den Kampf nicht auf für die Herausgabe der Familienjuwelen und anderer Schmuckstücke des Hauses Savoyen, die seit 1946 in den Tresoren der Notenbank liegen.
Seinen Lebensunterhalt verdient der Enkel des letzten italienischen Königs als Sportkommentator, mit Teilnahmen in Realityshows im Fernsehen und als Finanzberater. Jüngst machte Emanuele Filiberto Schlagzeilen mit der Ankündigung, sich von der französischen Schauspielerin Clotilde Courau scheiden zu lassen, mit der er die Töchter Vittoria und Luisa hat. Er will jetzt mit dem mexikanischen Model Adriana Abascal zusammenleben.
Dem Königshaus Savoyen trauern heute nur wenige Italiener nach. Am Vorabend des Jahrestages des Referendums von 1946 äußern in Umfragen rund 14 Prozent Unterstützung für eine Rückkehr zur Monarchie, knapp 84 Prozent sind mit der Republik zufrieden. Der Fotograf Federico Patellani übrigens war Monarchist. Mit der Wahl seines republikanischen Modells Anna Iberti bewies er dennoch ein glückliches Händchen.
