Windräder, E-Autos und Nuklearreaktoren: Die Liste der Anwendungen, in denen Bauteile des Wiesbadener Unternehmens SGL Carbon zum Einsatz kommen, liest sich fast wie ein Text zur Energiewende. Wobei der Nuklearauftrag natürlich nicht aus Deutschland kommt: Das US-Unternehmen X-energy, ein Entwickler von kleinen modularen Kernreaktoren (SMR), hat bei SGL Carbon Graphitkomponenten im Wert von rund 100 Millionen Dollar bestellt.
Wenn es nach Andreas Klein geht, ist das erst der Anfang: Der 2025 angetretene Vorstandsvorsitzende von SGL Carbon hat mit X-energy eine Zusammenarbeit für mindestens zehn Jahre vereinbart. Dass die Kernenergie in Deutschland umstritten ist, schreckt den Mittvierziger nicht: In den USA gelte sie als grüne Technologie, sagt er bei einem Gespräch mit der F.A.Z. in Bonn, wo sich einer der größten deutschen Produktionsstandorte von SGL Carbon befindet.
Unternehmen wie Amazon und Dow planten kleine Reaktoren zur Sicherung ihrer Energieversorgung an wichtigen Standorten, hebt Klein hervor. „Da gibt es keine Fragezeichen.“ In Großbritannien haben schon im vergangenen Sommer die Bauarbeiten für ein neues Atomkraftwerk begonnen, der japanische Energiekonzern Tepco fuhr zu Jahresbeginn erstmals seit dem GAU in Fukushima 2011 wieder einen Reaktor hoch.
Auf der Suche nach Wachstumschancen
Klein sieht in der Kernenergie deshalb Potential für sein Unternehmen, das sich zum wiederholten Mal neu orientieren muss. 2025 hat er als neuer Chef konzernweit fast 800 der zuvor 4400 Stellen abgebaut und mit der Schließung von zwei Werken in den USA und Portugal das bekannteste Kapitel in der Unternehmensgeschichte beendet. Denn eigentlich sollte das vor 15 Jahren errichtete Werk in Moses Lake im Nordwesten der USA den Fahrzeugbau revolutionieren.
BMW finanzierte das Werk damals mit, in der Hoffnung, Karosserien aus mit Carbonfasern verstärktem Kunststoff könnten bei E-Autos das Gewicht verringern und damit die Reichweite steigern. Zuvor war die BMW-Erbin Susanne Klatten als Großaktionärin bei SGL Carbon eingestiegen.
Tatsächlich kommen Materialien von SGL Carbon bis heute in verschiedenen Fahrzeugkomponenten zum Einsatz, aber als tragender Bestandteil der Karosserie haben sich Carbonfasern nicht durchgesetzt. Nicht einmal bei BMW – für Serienfahrzeuge hat sich das Material als zu teuer erwiesen. In großem Umfang wurde es nur im Modell i3 verbaut, dessen Produktion im Sommer 2022 eingestellt wurde. Gleichwohl ist BMW bis heute an SGL Carbon beteiligt, das gilt auch für den Konkurrenten Volkswagen und die von Klatten gegründete Beteiligungsgesellschaft Skion.
Gegenwind aus China
Auch für den Bau von Rotorblättern für Windräder sind Fasern von SGL Carbon nicht mehr so gefragt wie noch vor einigen Jahren, was daran liegt, dass die riesigen Propeller zunehmend in China gefertigt werden. Umsatz machen die Wiesbadener schon seit einigen Jahren weniger mit Kohlenstofffasern als mit Graphit. Dieses Material, das Verbrauchern vor allem aus Bleistiften bekannt ist, kann je nach Produktionsverfahren mit unterschiedlichen Eigenschaften für verschiedenste Anwendungen ausgestattet werden.

Das Graphit-Geschäft leitet Klein seit 2023, eine Zuständigkeit, die er nach der Übernahme des Vorstandsvorsitzes im vergangenen Jahr behalten hat. Die „Wachstumslokomotive“ für diese Sparte sei bis Mitte 2024 „die Halbleiterei“ gewesen, sagt er. Gemeint ist die Nachfrage nach Spezialgraphitkomponenten, die von der Chipindustrie für die Herstellung von Wafern, der Trägerschicht für Halbleiter, benötigt werden. „Aber seit Sommer 2024 sehen wir einen Rückgang dieser Wachstumsgeschichte.“
Auch für das Graphitgeschäft ist die Autobranche wichtig
Das liege daran, dass die für die Geschäfte von SGL Carbon wichtigen Silizium-Carbid-Halbleiter zu 80 Prozent in Elektroautos verbaut würden, erläutert der Manager. Deren Absatz sei aber weniger schnell gestiegen als erwartet, „die Produktion bei unseren Kunden war auf mehr ausgelegt, und dadurch kam es zu einer Art Verstopfung in der Lieferkette. Die Lager unserer Kunden waren voll.“ Erst 2027, glaubt Klein, würden die Lagerbestände so weit abgebaut sein, „dass die Kette wieder anspringt“.
Darum versucht SGL Carbon, wie auch viele andere Grundstoffhersteller und Zulieferer, seine Abhängigkeit von der Autobranche zu verringern. Eine Chance dafür sieht Klein in den wachsenden Verteidigungsbudgets.
Material für Schutzwesten und für die Panzerung von Fahrzeugen liefere SGL Carbon schon länger, bislang allerdings für zivile Nutzungen. Künftig aber dürfte die Nachfrage steigen, hofft der Vorstandsvorsitzende. Aber auch mit Drohnenherstellern stehe sein Unternehmen in Kontakt, „wir sind in Bemusterungen“. Die Entwicklung sei getrieben durch den Krieg in der Ukraine. „Da ist ganz viel hemdsärmelig entstanden bei Start-ups, da gilt es, schnell und agil zu sein.“ In der klassischen Rüstungsindustrie bestehe dagegen das Problem, dass die von den Regierungen angekündigten Ausgabensteigerungen noch „wirklich in der Fläche ankommen“ müssten.
Gleichwohl geht Klein davon aus, dass SGL Carbon seine Umsätze mit Kunden aus der Rüstungsbranche von 2026 bis 2030 um mindestens 50 Millionen Euro steigern kann. 2025 lag der Gesamtumsatz des Unternehmens bei 850 Millionen Euro. Die Geschäftsfelder, die SGL Carbon sich jetzt erschließen will, sind stark von der Politik beeinflusst – aber das kennt man in Wiesbaden ja schon von E-Autos und erneuerbaren Energien.
