Wenn der deutsche Nationalspieler Julian Köster von seinem Vater mal wieder Geschichten aus den guten alten Zeiten des Handballs zu hören bekommt, antwortet er: „Jaja, Papa, das war früher. Heute ist Handball Highspeed.“ Keine Entwicklung der vergangenen 20 Jahre hat den Handball mehr verändert als der Tempotrend: 60 oder 70, manchmal sogar 80 Tore pro Partie sind keine Seltenheit mehr.
Wer rasch Tore werfen will, muss schnell sein. Schnell auf den Beinen. Schnell im Kopf. Und von einem Trainer angeleitet werden, der Lauf- und Passwege unter der Woche einstudiert hat. Damit die Gegenstöße in den richtigen Bahnen laufen. Unter anderem deswegen wird der moderne Rasanz-Handball eher von Vereinsmannschaften gespielt als von Nationalteams, denen weniger Zeit bleibt, die Schemata einzustudieren.
Vom Gegentor bis zum eigenen Treffer sind es manchmal nur drei, vier Sekunden, wenn ein Könner wie der Däne Mathias Gidsel von den Füchsen Berlin dabei ist. Hinten ein Tor kassieren, den Ball nach Pass des Torwarts in der Mittelzone aufnehmen und rennen, rennen, rennen. Natürlich wird die Bedeutung des einzelnen Tores entwertet, was man an der Reaktion der Torhüter erkennt: Kaum zappelt der Ball im Netz, wird er auch schon herausgefingert und nach vorn geschleudert. Es wirkt, als wären die Keeper schon beim Angriff des Gegners damit befasst, nicht zu vergessen, den Ball so schnell wie möglich wieder aus dem Netz zu befördern.
Wer schon jubelt, hat verloren
Auch nach Paraden geht es darum, das Spielgerät sofort nach vorn zu feuern, wo die Außenspieler schon losgesprintet sind, um den Pass zu empfangen und zu verwerten. Ist Mathias Gidsel für die erste Variante der weltbeste Spieler (nach Gegentor), sind Magdeburgs Lukas Mertens und Flensburgs Däne Emil Jakobsen die stärksten Sprinter auf der Außenbahn nach abgewehrten Bällen.
Den inoffiziellen Preis für die höchste Beschleunigung nach Gegentoren im gebundenen Spiel sollte wohl Juri Knorr bekommen. Wie der in der dänischen Liga spielende deutsche Nationalspieler sich mit Überblick und Ballsicherheit aus dem gegnerischen Geflecht befreit und das Tor sucht und findet, ist ein Genuss. Wie Slalomstangen lässt er die anderen stehen.
Diese drei Möglichkeiten, so schnell wie möglich zum eigenen Treffer zu kommen, können den Gegner zermürben. Er muss ständig schnell zurückrennen. Wer schon jubelt, hat verloren. Der sogenannte Rückzug ist so wichtig geworden, dass er in beinahe jeder Auszeit angemahnt wird.
Während Puristen (wie Julian Kösters Vater) von Spielen mit dem Ausgang 18:17 schwärmen, als Mitte der Siebziger- bis Ende der Achtzigerjahre die Abwehr noch über Sieg und Niederlage entschied, sind Profis der heutigen Generation mit der neuen Rasanz sehr einverstanden: „Mir gefällt es, weil für die Zuschauerinnen und Zuschauer ständig Action ist“, sagt Johannes Golla, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft.
Auch die Abwehr zählt
Das ist kurios, weil sein Verein, die SG Flensburg-Handewitt, unter dem Druck, etwas verändern zu wollen, kollabiert ist. Ihre großen Erfolge (deutscher Meister 2018 und 2019) waren der perfekten Defensive des Trainers Maik Machulla zu verdanken. Zwei Trainer später (Nicolej Krickau, Aleš Pajovič) ist die Spielweise auf links gedreht: Tempo, Tempo, Tempo. Krickau wollte aus der SG ein modernes Team machen. Seine Devise: Angriff schlägt Abwehr. Er lag daneben, musste gehen. Nachfolger Pajovič bekommt die Schotten auch nicht dicht. Flensburg hat die mit Abstand schwächste Abwehr der Spitzenteams.
Immer häufiger kassieren die Flensburger 30 und mehr Gegentreffer, auch von einem Mittelklasseteam wie dem TVB Stuttgart am vorvergangenen Sonntag (37). Das zeigt, dass sich dem Tempodiktat auch „kleinere“ Teams wie der TVB gebeugt haben – weil es Erfolg verspricht, ohne in die Mühen der gebundenen Angriffe mit den vielen Zweikämpfen gehen zu müssen. Dauerten Angriffe früher 60, 80 Sekunden, wird nun der Abschluss nach drei, vier Pässen gesucht. Als habe die große Ungeduld, die allgemeine Hektik nicht nur die Gesellschaft, sondern auch den Handball erfasst.
Kenner nennen es „Hasenhandball“
Schon gibt es Ideen, die aussterbenden Rückraumtore aufzuwerten: warum nicht – wie im Basketball – einen Punkt für Tore von Außen, Siebenmeter und Gegenstöße, drei Punkte für Treffer aus neun und mehr Metern Entfernung und zwei Zähler für jedweden anderen Treffer? Man nähme dem Spiel die hektische Rasanz und bekäme wieder mehr Passfolgen, mehr spektakuläre Treffer aus elf Metern, mehr Abwehrarbeit mit Ringkämpfen am Kreis. Mehr Ruhe. Doch das ist erst einmal Zukunftsmusik. Die Gegenwart heißt „Hasenhandball“, wie Kenner das moderne Gerenne mit einem Augenzwinkern nennen.
Dass jeder Trend einen Gegentrend hervorruft, zeigt das Beispiel des SC Magdeburg. Am Anfang seiner Zeit ließ Trainer Bennet Wiegert „Heavy-Metal-Handball“ spielen: volles Tempo, Gegenstoß, erste und zweite Welle. Als er dann von 2020 an die Spieler für sein eigentliches System hatte, ließ er den erfolgreichsten Handball der Gegenwart aufführen: herankämpfen bis auf sechs Meter, dann werfen.
Mit der deutlich besten Abwehr der Bundesliga ist der SCM gerade deutscher Meister geworden. Zur Not können die Magdeburger auch rennen. Sie haben aber auch die Qualität, aus dem ruhigen Spiel heraus zu treffen, und eine Abwehr, die höchsten Ansprüchen genügt. Wer das Moderne mit dem Althergebrachten mischt, hat immer noch die besten Aussichten im „Highscoring Game“ Handball.
